Kātib Çelebī schreibt in seinem Mīzān ul-ḥaqq über die Anfänge des Tabakkonsums im Osmanischen Reich und die Reaktionen der Gelehrsamkeit und der Regierung. Dies ist keine Fatwa von mir, oder bedeutet nicht, dass ich die Meinung der Erlaubnis verbreiten will. Mir geht es in diesem historischen Text nur darum aufzuzeigen, wie ein osmanischer Gelehrter die Situation und Problematik beschreibt und welche Lösungen er bevorzugt. Die Gründe für sein bevorzugtes Urteil sind für mich hier von Interesse und denke, dass viele Menschen, die heute versuchen jede Kleinigkeit als Ḥarām zu bezeichnen, und manche einiges gar als Kufr bezeichnen, obwohl diese Themen nicht eindeutig sind, einiges von diesen Gelehrten lernen können:

„[…] Der Tabak verbreite sich im Osten und Westen und niemanden gelang es, ihn zu verbieten und daher sah man davon ab. Zuerst erschien der Tabak im Jahre 1601. Bis heute gibt es Prediger, die auf den Kanzeln hier und da dagegen sprechen und die Gelehrten bezeichnen es als Ḥarām, als Makrūh und schreiben darüber kleine Werke. Die Süchtigen aber waren der Ansicht, dies sei Mubāḥ und verfassten Gegenschriften.

Später begann der Scheich der Ǧarrāh, Scheich Ibrāhīm Efendi [gest. 1631] in der Hauptstadt des Sultanats, in Istanbul, heftige Debatten um den Tabak. In der Moschee des Sulṭān Fatih hielt er öffentliche und private Sitzungen und predigte und sprach über das Verbot des Tabaks. Er ließ sein Rechtsgutachten kopieren und klebte sie an die Wände und Mauern. Ihm war dieses Thema von besonderer Wichtigkeit und er sprach voller Aufmerksamkeit darüber. Letztlich aber bemühte er sich vergebens. Je mehr er dagegen sprach, desto mehr dürstete es das Volk danach. So erkannte er, dass dies vergebene Liebesmühe ist und er beendete seinen Kampf.

Später kam der Sulṭān Murad IV., der bestrebt war zum Ende seiner Zeit die Tore des Übels zu verschließen. Er ließ die Cafés schließen und aufgrund einiger Brände in der Stadt, wurde auch der Tabakkonsum verboten. Als das Volk dieses Verbot nicht achtete und sich in erstaunlichem Eifer dem königlichen Erlass widersetzte und weiterhin Tabak rauchte, mussten diese bestraft werden. Die Heftigkeit, mit welcher der Sulṭān dieses Verbot durchsetzen wollte, und gemäß der weisen Aussage: „der Mensch giert nach dem, was ihm verboten wird“, vermehrte sich die Sturheit und das Beharren des Volkes auf dem Rauchen des Tabaks. Wegen diesem Vergehen wurden tausende Leben in das Jenseits befördert. […]

Murad IV. starb und mal wurde er verboten, mal wurde er gestattet, bis der Scheich Bahāī Efendi [gest. 1653] eine Fatwa gab, dass der Tabak vollkommen erlaubt sei. Da wurde das Rauchen unter dem gesamten Volk anerkannt und berühmt. Als das hohe Sultanat die Rauchenden an den Ohren lang zog, hörten einige Süchtige damit auf. Jedoch wird noch immer in allen vier Ecken der Welt geraucht. […]

Es gibt mehrere Perspektiven, aus denen diese Angelegenheit betrachtet werden kann:

  1. Das Volk wird auf die Verboten des Sultanats hören und davon ablassen.

Dies ist eine Option, die wir jedoch ganz schnell verwerfen sollten. Denn die Gewohnheit des Menschen ist wie seine zweite Natur. Daher werden die Süchtigen niemals aufhören zu rauchen. Ihnen sollte das Aufhören nicht einmal angeraten werden. Wenn jetzt jemand fragt, warum wird dann überhaupt irgendwas verboten, antworten wir, dass große Menschen sagten: „Die Herrschenden dürfen niemals die Rute vom Rücken des Volkes fernhalten“, [das heißt, dürfen niemals alles ungestraft lassen]. Daher ist es ihre Aufgabe, äußerlich dies zu verbieten und die Menschen bei Vergehen zu bestrafen. Damit haben sie ihre Pflicht erfüllt. Die Aufgabe des Volkes ist es, dass wenn sie diesen Dingen verfallen sind, ihren Anstand nicht zu verlieren und diese Dinge nicht öffentlich auf der Straße vor den Augen der Herrschenden und Richter zu begehen. Was jedoch jeder in seinen eigenen vier Wänden tut, ist ihm selbst überlassen. Wenn sich die Richter einmischen in das, was in den vier Wänden geschieht, dann tun sie etwas, was ihnen nicht zusteht. Was hat denn der Polizist/die Wache im Haus verloren?! […]

6. Möglichkeit: Der Tabak ist Ḥarām.

Der Iǧtihād ist erlaubt in Angelegenheiten des spezifischen Iǧtihād. Dies steht in den Büchern des Uṣūl ul-fiqh. Auch wenn sich im Tabak die Bedingungen vereinen sollten, wodurch die Beurteilung des Konsums als Ḥarām möglich wäre, ist es zu bevorzugen, dies nicht als Ḥarām zu verurteilen. Dies aufgrund einer der Maximen des Offenbarten Gesetzes, in denen es heißt, dass das Urteil der Erlaubnis Vorzug haben sollte, um zu vermeiden, dass das Volk ständig Ḥarām begeht.

  1. Möglichkeit: Der Tabak ist erlaubt (mubāḥ).

Da der Tabak erst neu erschienen ist, gibt es keine Erwähnung dessen in den Büchern des Fiqh. Daher, gemäß der Maxime: „al-asl fī ʾl-ašya al-ibāḥa“ [der Grundsatz für die Dinge ist, dass sie erlaubt sind], sagten sie, dass er erlaubt sei.

Die alten Scheichulislams haben aufgrund eines Nutzens es als Makrūh beurteilt und die Muftis außerhalb der Stadt gaben die Fatwa, dass es Ḥarām sei. Dann kam der geehrte Scheichulislam Bahāī Efendi – ungeachtet dessen, dass er selbst süchtig danach war – und beachtete, was für den momentanen Zustand des Volkes am allerbesten ist und er selbst folgte der obenerwähnten Maxime, dass der Grundsatz die Erlaubnis ist, und gab somit die Fatwa, es sei Ḥalāl. Zum korrekten Anstand der Fatwa gehört es nämlich, von einem der absoluten Muǧtahids ein Urteil zu überliefern und demnach Fatwa zu geben. Wird keine Überlieferung gefunden, muss die Angelegenheit auf eine der Maximen zurückgeführt werden.

Die beschwerlichen Elemente des Tabaks, die bei vermehrtem Konsum erscheinen, verhindern zwar das Urteil von Mubāḥ [und es gibt ja viele Mubāḥ, die aufgrund kleiner schädlicher Gründe als Makrūh oder gar Ḥarām gesehen werden], ist doch die Fatwa, es sei Ḥarām oder Makrūh, problematisch. Es darf nämlich nicht von den Problemen des dauerhaften Konsums ausgehend auf die einmalige oder seltene Verwendung geurteilt werden und der Schaden für den Dauerkonsumenten kann nicht die Fatwa der Erlaubnis verhindern.

Wenn gefragt wird, was denn der Schaden ist zu urteilen, dies sei Ḥarām oder Makrūh, dann wird gesagt: Der Schaden ist, dass das Volk dann beständig etwas konsumiert, worüber das Urteil Ḥarām oder Makrūh gesprochen wurde. Im Urteil, es sei Ḥalāl, gibt es die Befreiung des Volkes vor den Lasten der Sünde und Mitleid und Nachsicht für die Süchtigen. Daher ist das Urteil der Erlaubnis zu bevorzugen. Die meisten Muslime sind nämlich süchtig nach dem Tabak und es erscheint ihnen eine Notwendigkeit, beständig den Tabak zu rauchen.

In keiner Weise kann dies aufgehalten werden. Der Tabak wird in der gesamten Welt konsumiert. In diesen Angelegenheiten muss der Richter und Mufti darauf achten, was die Erlaubnis des Offenbarten Gesetzes ist und demgemäß urteilen. Dies, damit es nicht notwendig wird, dem Volk Irreleitung zu unterstellen. Auf etwas zu beharren, worüber das Urteil Ḥarām oder Makrūh gegeben wurde, ist nicht wie das Beharren auf einer Sache, für die Erlaubnis gegeben wurde. Das erstere ist eine Schuld und Last, das zweite ist keine Last. Wenn der Richter dies gar gemäß der Maxime: „Von zwei Übeln das geringere Übel wählen“ beurteilt, hat er keine Sünde begangen – sondern sogar vielleicht Lohn erhalten, da er einen Gläubigen vor Sünde und Schuld bewahrt hat.

Schlusswort:
Während des Verbots des geehrten Sulṭān Murads IV. und der schweren Verfolgung, trauten sich viele unter dem Volk nicht, die Pfeife zu verwenden. So schlugen sie die Tabakblätter und schnupften sie durch die Nase und befriedigten ihre Sucht. Jedoch hörten sie schon bald mit dieser Narrheit auf, denn der Konsum nahm unkontrollierbar zu.

Als es so war, handelten einige religiöse gemäß den Regeln der Gottesfurcht: sie nutzen keinen Tabak und mischten sich auch nicht bei denen ein, die den Tabak konsumierten. Einige aber sind einfach ihrer Natur nach nicht dazu geneigt und verwenden den Tabak nicht, wie der Autor dieser Zeilen. Einige aber waren Narren und schrien und mischten sich ein:

„Verjage den Pfeifenrauch mit Geduld,

sei dir gnädig, der Rauch vernebelt den Verstand!“

Doch da schrien die Süchtigen zurück:

„Die Befriedigung und den Geschmack des Tabaks find ich nicht in Honig und Zucker!“

Zu bevorzugen ist, dass in diesem Thema keiner sich beim anderen einmischt und der Streit vermieden wird.«