Kātip Çelebī (gest. 1657) schreibt in seinem Buch Mīzān ul-ḥaqq fī iḫtiyār il-aḥaqq (die Waage der Wahrheit in der Wahl des Wahrsten) über den Umgang mit Meinungsverschiedenheiten sowie Sitten und Bräuchen, welche dem Ideal in den Büchern der Praktischen Theologie (fiqh) nicht entsprechen:

„Es sollte bekannt sein, dass seit der Zeit des Propheten Adam ʿalayhissalām das Volk in unterschiedliche Gruppen gespalten ist. Jede Gruppe hat ihre eigene Denkschule, Trinkstelle, Neigung oder Temperament [mašrab] die den anderen zu widersprechen erscheint. Gemäß den Worten: „Seid nicht von jenen, die ihre Religion aufspalten und sich in Grüppchen formen. Eine jede Gruppe ist zufrieden und rühmt sich mit dem, was sie hat“ [30:32] findet jeder gefallen an seinem eigenen Weg und bevorzugt ihn den anderen.

Einige unter diesen sind Intelligent. Sie denken tiefgehend über diese Unterschiede nach und finden großen Nutzen darin. Sie widersprechen dem Weg und dem Temperament der anderen nicht und mischen sich auch nicht ein. Wenn diese Dinge gemäß ihrer eigenen religiösen Auffassung falsch sind, begnügen sie sich mit der Ablehnung in ihrem Herzen.

Der andere aber ist ein Narr. Er kennt die Weisheit in der Meinungsverschiedenheit nicht. Er wünscht, das Volk würde sich auf einer Denkschule, auf einem Weg und einer Trinkstelle vereinen und malt sich das unmögliche aus. Während unnötiger Streit in religiösen Angelegenheiten verboten ist, ist seine einzige Sorge der Streit und Widerspruch und er versucht, sich den Dingen unter dem Volk zu widersetzen, die sich schon unter ihnen durchgesetzt haben. Dabei ist dies unmöglich und er verausgabt sich sinnlos.

Daher sei den Scharfsinnigen folgendes angeraten: sie sollen lernen, was die unzertrennlichen zivilisatorischen und gesellschaftlichen Eigenschaften der Menschen sind, wenn sie beieinander leben, wie sie sich in Gruppen zerteilen und sollen Einsicht bekommen in den Zustand und die Umstände einer jeden Schicht. Nachdem sie die Bräuche und Traditionen jeder Schicht einer Stadtbevölkerung erkannt haben, sollen sie sich bemühen, dies bei allen Bewohnern dieser Welt in den vier Himmelsrichtungen zu tun. Daraufhin wird sich ihnen das Geheimnis dahinter, warum die Menschen in Städtegemeinschaften leben, langsam auftun und es wird erkannt, dass jene, die solchen Streit und Kampf führen, unfähige und schwache Personen sind, die Fliegen im Spinnennetz gleichen.“ […]

„Das Volk jedoch hat seinem Brauche nach dies als die bevorzugte Ansicht gewählt. Auch wenn dies ein Fehler und eine Sünde sein mag, haben sie sich dies zum Brauch gemacht und werden davon nicht mehr ablassen. Wenn etwas zum Brauch und zur Tradition unter dem Volk geworden ist und die Mehrheit das will und Klein oder Groß sich unbewusst daran gewöhnt hat, sollte dies einfach an Ort und Stelle unberührt gelassen werden, auch wenn dies Sünden und üble Erneuerungen sind. Wer dagegen ankämpft, bemüht sich nur unnötig. „Wer den Brauch der Zeit nicht kennt, auch wenn er ein Gelehrter ist, ist er Unwissender.“ Eine solche Handlung ist nichts anderes als Unwissenheit und närrisches Verhalten.

Wenn jemand auf diesen Punkten beharrt und sich in seinen Taten darin vertieft, wird dieses Gerede der Zunge zu Gewalt und Schwertstreichen führen und zu den Gefechten der Fanatikern der früheren Zeit. Es liegt nämlich in der Natur des Volkes, dass sie Worte, welche dem Brauch widersprechen – so wahr sie auch sein mögen – nicht mit Leichtigkeit annehmen. Wird eine Sache verboten, dann verlangen sie nur noch mehr danach. Sogar wenn das Verbot unbedingt notwendig ist, sollte gemäß den Worten: „Spreche in sanften Worten zu ihm, denn vielleicht wird er zu Verstand kommen oder Furcht wird ihn ergreifen“ [20:44] handeln, damit sich die Früchte der Einladung mit Sanftmut und Güte zeigen können.

Daher sollte bei solchen gottesdienstlichen Handlungen [ʿibādāt] nicht in die Tiefe gegangen werden und nicht tief nachgebohrt werden. Bei den gottesdienstlichen Handlungen des Volkes, die richtig erscheinen, sollten sie einfach sich selbst überlassen werden. Die Herrschenden und die Prediger sollten den Ist-Zustand akzeptieren und die Fehler und Mängel, die auf Bräuche und Traditionen zurückgehen, übersehen.

Als wären die ʿIbādāt irgendwelcher Diener exakt so, wie sie in den Büchern festgehalten sind. Imām al-Ġazzālī und vergleichbare Größen sagten sogar: „In meiner gesamten Lebensspanne habe ich nicht zwei Einheiten beten können, die des Erhabenen würdig wären.“ Sie geben zu, dazu unfähig gewesen zu sein. Der edle Prophet sprach: „Erhabener Herr! Wir konnten Dich nicht anbeten, wie es Deiner gebührt!“

Der erhabene Herr ist nicht Herr des Wertes, sondern Herr des Schauspieles [das heißt, Er achtet nicht auf den Wert der Anbetung, sondern darauf, dass wir damit unsere Dienerschaft darstellen und dadurch Seine Einheit bekennen]. Sein Meer der Barmherzigkeit ist weit, seine Gnade und Güte kennen kein Ende, seine Wohltaten kennen kein Maß. Das einzige, was dem Diener zustehst ist, dass er versucht, sich so gut er kann an Seine Gebote zu halten und so zu beten, wie es jene getan haben, die Seine Nähe erreichten:

„O mein König, in deiner Stätte suche ich Zuflucht,
in deine Gegenwart komme ich geschwärzt und versündigt,
viererlei brachte ich, die nicht in deiner Schatzkammer sind,
Bedürftigkeit, Rebellion, Sünde und Unfähigkeit!“

Damit gibt er seine Unfähigkeit und Mangelhaftigkeit vor Ihm zu. Es heißt ja: „Der Bedürftige, der seine Schuld zugibt, tausendfach besser ist er, als jener, der seine Gehorsamstaten kennt!“