Die Wege des Erreichens Gottes auf dem spirituellen Pfad der Naqschbandiya und ihre Sitten

Die Großen lehren uns die Sitten (ādāb). Um Vollkommenheit zu erreichen, ist es unabdingbar, gesittet zu sein. Die Sitte können wir nur von unseren Meistern und aus ihren Büchern lernen. Die wegweisenden Meister haben es vom Propheten ṣallallāhu ʿalayhi wa sallam erlernt, und jener von Gott selbst. Wer keine Sitten hat, kann nicht gut werden!

Um ein Freund Gottes zu werden, und Sicherheit (yaqīn) zu erreichen, müssen die Sitten eingehalten werden. Wer immer auch die Sitte verlässt, den wird Gott verlassen und ihn alleine dastehen lassen.

So sagte der Prophet – Frieden und Segen seien auf ihm

أدبني ربي فأحسن تأديبي

Addabanī rabbī fa-aḥsana taʾdībī.[1]

Mein Herr hat mich erzogen, und machte meinen Ādāb schön.

Wird die Sitte von Allāh gelernt, so ist sie wunderschön. Gott lehrte sie Gabriel und durch ihn dem Propheten. Jener lehrte es seinem nächsten Kalifen [Abū Bakr], und jener seinem Nächsten. Auf diese Art kam die Sitte von Mensch zu Mensch in einer Kette bis in unsere Zeit.

Mawlānā Ǧalāluddīn ar-Rūmī – möge Gott seine Seele reinigen – sagte:

Ich erbitte von meinem Herren Erfolg in der Sitte,

Denn der Ungesittete ist der Gnade seines Herrn fern.

Großscheich Ismet Garibullah – möge Gott seine Seele reinigen – sagte:

Koste mit deinem Herzen den Geschmack des spirituellen Pfades und komm herbei.

Der Pfad besitzt einen besonderen Geschmack, von dem gekostet werden muss. Wie aber kostet man ihn? Der Pfad hat Regeln, erlernt man jene von den Wissenden des Weges, so gelangt man zum Geschmack des Pfades.

Ein jeder Moment, eine jede Station [maqām], sowie eine jede Zeit besitzt ihre eigene Sitte. Wer die Sitte eines jeden dieser Momente achtet, der gehört zum Volk Gottes [Riǧālullāh]. Wer dies nicht tut, wird in die Ferne vertrieben, obgleich er Nähe erwartet; wird abgelehnt, obgleich er sich Akzeptanz erhofft. Hierzu heißt es im edlen Koran:

 فَوَيْلٌ لِّلْقَاسِيَةِ قُلُوبُهُم مِّن ذِكْرِ اللَّهِ

Fawaylun li-l-qāsiyati qulūbuhum min ḏikri-llāh

So wehe denjenigen, deren Herzen verhärtet sind vom Gedenken Allāhs [2]

Diesem Vers können wir mit zweierlei Bedeutung verstehen:

1.Wehe denen, deren Herzen verhärtet sind wegen der Ferne vom Gottgedenken [Ḏikr],

2. Wehe denen, deren Herzen verhärtet sind durch das Gottgedenken [Ḏikr] selbst.

Die erste Bedeutung des Verses ist leicht zu verstehen. Sie mieden das Gedenken Gottes und so wurden ihre Herzen hart, daher wehe ihnen!

Wie aber verhält es sich mit der zweiten Bedeutung? Ihr Herz erhärtete sich aufgrund ihres Gottgedenkens! Wie geschieht das? Warum wird ihr Herz hart,  obgleich doch der Ḏikr das Herz erweichen soll? Ja, sie gedenken Gott, aber sie halten die Sitten nicht ein! Ein solcher Ḏikr vernichtet das Herz.

So heißt es in einem Ḥadīṯ wie folgt:

„Es gibt viele Betende, doch wenn das Gebet sie nicht von Schamlosem und Üblem fernhält, so mehrt dieses Gebet nichts, außer der Ferne zu Gott!“[3]

Um von den Meistern des Pfades spirituellen Nutzen zu ziehen, gibt es drei Bedingungen:

  • Aufrichtigkeit (iḫlāṣ)
  • Sitte (ādāb)
  • Liebe (im Rahmen des offenbarten Gesetzes) zum eigenen Meister.

Ist im Herzen des Anwärters (murīd) kein Iḫlāṣ, so kann der Meister sein Herz nicht mit Fayḍ füllen. Solange das Herz verdreckt ist, sich nicht mit dem Gewand der Iḫlāṣ beschmückt, solange kann sich dort kein Fayḍ entschleiern.

In einem [vermeintlichen] Ḥadīṯ Qudsī [der seiner Bedeutung nach wahr ist] heißt es:

Lā yasaʿunī Arḍī wa lā samāʾī wa lākin yasaʿunī qalbu ʿabdī al-muʾmini

„Weder meine Erde noch mein Himmel können mich fassen, aber das Herz meines gläubigen Dieners.“[4]

Gott ist über Raum und Zeit erhaben. Die Welt ist ein Raum. Wer immer auch sich der Welt zuwendet, in dessen Herz wird Gott keinen Eingang finden. Wessen Herz aber „lā makān“ (raumlos) ist, in dessen Herz wird Gott sich entschleiern.

Der Thron des Menschen ist sein Herz. Nur in einem Menschen, der Gott liebt, wird sich Gottes Licht im Herzen entschleiern.

Auch wenn ein Mensch sich eintausend Jahre niedersetzen würde um beständig „Allāh“ zu wiederholen und Gott zu gedenken, so hätte es keine Wirkung auf ihn, bis er es nicht von den Meistern dieser Angelegenheit lernt! Der leichteste Beruf ist das Korbflechten, doch auch jener muss von einem Meister erlernt werden. Demgegenüber gibt es auf dem spirituellen Pfad so viele feine Angelegenheiten. Wie willst du dies dann alleine schaffen?

Gott kommt man durch das spirituelle Reisen (sayr as-sulūk) nahe. Dieser Weg ist der Weg der Andacht (ḏikrs), der spirituellen Bindung zum Meister (rābīṭa), der Meditation (murāqaba) und der Gesellschaft des Meisters (ṣuḥba).

Ohne von den Meistern zu nehmen und zu denken, es einfach selbst zu schaffen, fähig zu sein, oder die Kraft dazu zu besitzen, wird nicht zum Erfolg führen. Deshalb schrieb auch der große Mawlānā Ǧalāluddīn ar-Rūmī in seinem Maṯnawī:

Nichts ist aus sich selbst geworden,

Kein Stück Eisen wurde von selbst ein scharfes Schwert.

Mawlānā wurde nicht Mawlā-i-Rūm (Meister Anatoliens),

bis er nicht Anwärter von Šams-i-Tabrīz wurde.

In einem anderen Gedicht heißt es:

Hohe Stufen erreicht man durch selbst erbrachte Anstrengung,

wer Hohes wünscht, wird des Nachts wachen.

Wer hohes ohne Mühe wünscht,

verschwendet sein Leben damit Unmöglichem hinterherzujagen.

Allāh spricht in Sūra Zariyyat über jene, welche hohe Stufen der Spiritualität innehaben:

إِنَّ الْمُتَّقِينَ فِي جَنَّاتٍ وَعُيُونٍ

آخِذِينَ مَا آتَاهُمْ رَبُّهُمْ ۚ إِنَّهُمْ كَانُوا قَبْلَ ذَٰلِكَ مُحْسِنِينَ

كَانُوا قَلِيلًا مِّنَ اللَّيْلِ مَا يَهْجَعُونَ

وَبِالْأَسْحَارِ هُمْ يَسْتَغْفِرُونَ

„Gewiss, die Gottesfürchtigen werden in Gärten und an Quellen sein, sie nehmen was ihr Herr ihnen gegeben hat, denn sie pflegten zuvor Gutes zu tun. Nur wenig pflegten sie des Nachts zu schlafen, und im letzten Teil der Nacht pflegten sie um Vergebung zu bitten.“[5]

Du möchtest bis in den Morgen schlafen, gar bis die Sonne über dir aufgeht und dann denkst du dir: „Das macht schon nichts, meine Triebseele soll erhalten, was sie begehrt!“ und willst keine Reue tun? Und hiernach willst du ein geliebtes Geschöpf deines Herrn sein, ja?

Wofür geben die Menschen heute nicht alles ihr Geld aus! Sie wollen europäisch sein, Hochzeiten mit Musik und Tanz, Alkohol und Glücksspiel. Wenn ein Mensch des spirituellen Pfades derartigen Dingen nachgeht, so wird er keinen Geschmack des Pfades finden. Wer vom Fernsehen Geschmack erhält, erhält keinen Geschmack vom spirituellen Pfad. In einem Sprichwort heißt es:

الضدان لا يجتمعان

Aḍ-Ḍiddāni lā yaǧtamiʿāni

Zwei Gegensätze können sich nicht vereinen.

Einige Menschen betreten Pfad und verspüren keinen Effekt, obgleich sie sich ihren Litaneien/Awrād hingeben. Warum? Sind sie etwa unfähig? Nein, dies geschieht, weil sie nicht aufmerksam „arbeiten“, die Regeln [des Weges] nicht einhalten. Würden sie ihrer Aufgabe aufmerksam nachkommen, so würden sich für sie bereits durch eine einzige spirituelle Zuwendung  (tawaǧǧuḥ) ihres Meisters die Tore des spirituellen Genusses öffnen. Tut man seinen Ḏikr drei Tage in Folge, so gewöhnt man sich daran.

O du, der du die Ṭarīqa betreten hast! Warum achtest du nicht auf dein Ḏikr? Warum erledigst du deine Aufgaben nicht zur Gänze? Verrichte sie schön und anständig. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr, dein Leben lang!

Was bringen dir sinnlose Beschäftigungen ein, was nutzen dir andere Dinge? Obgleich es Geschmack gibt, tun wir unseren Ḏikr nicht des Geschmackes wegen. Wir mühen uns ab, damit Gott mit uns zufrieden ist.

Nach jedem Hundertsten Ḏikr sprechen wir:

إلاهي انت مقصودي و رضاك مطلوبي

iIāhī anta maqṣūdī wa riḍāka maṭlūbī

O Gott, du bist mein Sinn und Zweck, ich wünsche nichts, außer deinem Wohlgefallen!

Was bedeutet das? Es bedeutet: „O Herr! Ich gedenke dir, mein Ḏikr und all meine Anbetung sind nur dazu da, um dein Antlitz zu schauen und deine Zufriedenheit zu erlangen. Anderes begehre ich nicht!“

Wir müssen die Litaneien unseres Pfades mit reiner Absicht tun, sollen uns nur Abmühen um die Zufriedenheit Allahs zu erlangen. Es geht nicht darum besser zu sein als dieser oder jener. Auch wenn man alle Stufen durchschritten hat, gibt es immer noch Stufen, so besondere und feine, dass ihre Namen nicht bekannt sind.

So wie man die Ādāb einer jeden gottesdienstlichen Handlung zu erlernen und anzuwenden hat, hat man auch die Ādāb des Ḏikr zu erlernen und zu implementieren.

من ضيع الأصول حرم من الوصول

man ḍayyaʿa l-ʾuṣūla ḥurrima min al-wuṣūli

Wer die Fundamente nicht beachtet, dem wird ein Erreichen/Nahekommen nicht erlaubt.

Gemäß dieser Maxime wird der Effekt des Ḏikr nicht zustande kommen, wenn die Grundlagen [des Weges] und der Ādāb vernachlässigt werden.

 

 

 

[1] Qurṭubī, al-Ǧāmiʿ lil-Aḥkām al-Qurʾān, 18/228; Ṣuyūṭī, al-Ǧamiʿ as-Saġīr Nr. 310, Munāwī, Fayḏ al-Qadīr, 1/224, 225; Aǧlūnī, Kašf al-Hafā, Nr. 164, Ibn al-Ǧawzī, Safwah as-Safwa, 1/201.

[2] Koran 39:22

[3] Ṭabarānī, al-Kabīr, 11/54, (Nr. 11025)/Qudāʿī, Musnad aš-Šihāb, Nr. 508/Daylamī, al-Firdaws, Nr. 5944/Ṭabarī, Ǧamiʿ al-Bayān, 20/155.

[4] Daylamī, al-Firdaws, Nr. 4466/Sahāwī, al-Maqāsid al-Ḥasana, Nr. 990/Zarkašī, at-Taḏkirah fi-l-Aḥadīṭ al-Muštahirah, S.135/ Ibn Raǧab, Ǧamiʿ al-ʿulūm wa-l-Ḥikam, 2/346.

[5] Koran: 51:15-18.

 

Entnommen und übersetzt aus dem „Irşâd ül-Mürîdîn“ von Mahmud Ustaosmanoglu Efendi Hz.