Jemand kam zu Ašʿab und sagte ihm: „Würdest du Ḥadīṯe überliefern und aufhören Witze zu erzählen, so würdest du etwas Edleres tun!“
Ašʿab erwiderte ihm: „Bei Gott! Ich habe Ḥadīṯe gehört und auch weitergegeben!“

– „Dann lass hören!“, verlangte der Mann und Ašaʿb überlieferte:

„Nāfiʿ überlieferte mir von Ibn ʿUmar, vom Gottesgesandten – Gott segne ihm und schenke ihm Heil -, dass jener sagte: ‚Es gibt zwei Eigenschaften, welche den, der sie besitzt, zu einem Auserwählten Gottes machen.‘ Der Mann freute sich und sagte: „Das ist ein schöner Ḥadīṯ! Was sind diese beiden Eigenschaften?“, und Ašʿab antwortete ihm: „Die eine [Eigenschaft] hat Nāfiʿ vergessen, und ich die andere!“[1]

Entsetzt? Belustigt? Enttäuscht? Schockiert?  Spielt da etwa jemand mit der Religion? Oder schlimmer noch: Mit Ḥadīṯen und der Wissenschaft? Was ist das göttliche Urteil (Ḥukm) über denjenigen, der von obiger Überlieferung angewidert ist? Und was der über denjenigen, der schmunzeln musste, oder gar gelacht hat?

Der Überlieferer ist Ašʿab b. Ǧubayr. Jener lebte im ersten Jahrhundert islamischer Zeitrechnung in Medina und im Haushalt der Familie Abū Ṭālibs. Ausbildung und Erziehung erhielt er von ʿĀʾiša, Tochter des ʿUṯmān b. ʿAffān.

Jener Ašʿab gehört also zu den Salaf. Er hat mit den Prophetengefährten gelebt und war „Stand-up-Comedian“ und Schlitzohr gleichermaßen. Um ihn ranken sich viele Sagen und Legenden und die Geschichten um seine Mutter und seinen Vater sind eigentlich eigene Einträge wert.
Obgleich sich Ašʿab, welchem auch der Beiname „der Geizige“ verliehen wurde, sicherlich nicht immer bei allen gut ankam, sind seine schlagfertigen Gedichte und lustigen Anekdoten bis heute in vielen Büchern erhalten.
Überlieferungen wie diese gleichen einer kalten Coke in einem Zeitalter, da man von „guten Brüdern“ bereits für Aussagen wie: „Ja, bring Çay, aber bitte Yaprak, denn Çay ist der Aṣl des Abends, du weißt…“, während vorher eine Diskussion mit Demagogen über den Aṣl der Dīn geführt wurde, oder ähnlichen Kleinigkeiten mit einem entsetzten „astaġfirullāh“ – oft nur Floskeln, die allzu gern genutzt werden, da bei arabisierter Sprache an Zunahme der Religiosität geglaubt wird – zur Reue aufgefordert wird, während dessen, in beständiger Angst nicht alle selbst erdachten „Tawagheet“ abzulehnen lebenden Brüder, ihm entsetzt beipflichten. Dabei hatte man ihnen noch gar nicht erzählt, dass der Kauf eines Fladenbrotes im deutschen Supermarkt Blasphemie (kufr)  sei und zwar gegenüber dem wahren, frischen Fladenbrot aus der duftenden türkischen Bäckerei.

Über Ašʿab lesen wir aber auch positives, wie etwa von Aḥmad b. ʿAbd al-ʿAzīz welcher sagte: Mir wurde von Muḥammad b. al-Qāsim berichtet, welcher sagte: Ibn Abī Ḫayṭama schrieb mir, und berichtete mir von Muṣʿab b. ʿAbd Allāh, der ihm berichtete: „Ašʿab war ein vortrefflicher Rezitator des Korans. Er hatte eine wunderschöne Stimme um den Koran zu verlesen und oft leitete er mit seiner wunderschönen Rezitation das Gebet.“

Er war eine äußerst interessante Person, wer mehr über ihn lesen möchte, kann dies in englischer Sprache hier tun. Die beiden übersetzten Überlieferungen stammen ebenfalls aus jenem Werk, wo auch die Referenzen vorzufinden sind.

Über und von Ašʿab wird im Laufe der Zeit sicherlich noch einiges folgen, daher abschließend eine von der ihm selbst erzählte und von Al-Madāʾinī überlieferten Anekdote seines Lebens:

>>Während ich mich an die Vorhänge der Kaba klammerte betete ich: „O Gott, erlöse mich von meinem Geiz und meinem dauernden Betteln!“ Später dann, kam ich an einigen Qurayšiten und anderen Menschen vorbei. Niemand gab mir irgendetwas. Als ich dann zu meiner Mutter kam fragte sie mich: „Bist du etwa mit Nichts gekommen?“, und ich erzählte ihr [von meinem Gebet], woraufhin sie sagte: „Du kommst mir nicht ins Haus, ehe du nicht zurückgehst und deinen Herrn bittest dein Gebet zurückzunehmen!“ So ging ich also zurück und betete:

„O Herr, lass mich zurücknehmen worum ich dich bat!“, und machte mich wieder auf. Jede Gruppe der Qurayš und andere Leute, an denen ich vorrüberkam, machten mir Geschenke. Darunter war auch ein junger Sklave [ġulām]. Ich ging also nach Hause zu meiner Mutter, mit einem Esel, schwer beladen mit Gütern.  Sie fragte mich, was der junge Sklave zu bedeuten habe, und da ich fürchtete sie könnte vor Freude sterben, hatte ich Angst ihr die Geschichte zu erzählen. Daher sagte ich: „Sie gaben mir…“, sie unterbrach mich und fragte: „Was?“, ich sagte: „ġ“, sie fragte: „Was ġ?“ – „l“ – „Was l?“ – ich sagte: „ʾalif“ – „Was ʾalif?“ – „m“. und als sie fragte: „Was m?“, da sagte ich: „ġulām [einen jungen Sklaven]“, woraufhin sie in Ohnmacht viel. Und hätte ich die Buchstaben des Wortes nicht Nacheinander buchstabiert, so wäre die alte Sünderin an ihrer Freude erstickt und verstorben.<<

[1] [Entnommen aus der „Bibliothek arabischer Klassiker – Der Islam in Originalzeugnissen, Religion und Gesellschaft“ der Edition Erdmann. Der Abschnitt findet sich auf Seite 274, wurde im Wortlaut allerdings leicht von mir verändert.]