Der Geograph al-Muqaddasī (möge Gott sich seiner erbarmen) beschreibt uns al-Fustat, eine Stadt die es so nicht mehr gibt, um das Jahr 985 AD herum. Detaillierte Darstellungen der Lebensweise und der Situation der Menschen damals sind wichtig, um den Demagogen [sprich: an allem ist der Westen Schuld und früher war alles besser] unserer Zeit die Suppe zu versalzen. Natürlich ist die Beschreibung eines Einzelnen allein vielleicht nicht immer aussagekräftig, doch al-Muqaddasī ist bekannt für seine objektive Beschreibung der Städte. Dabei nimmt er keinen Blatt vor den Mund und beschreibt die Situation, wie sie ist:

Al-Fustat ist eine Metropole in jeder Hinsicht, denn in ihr befinden sich die Diwane, sie ist der Sitz des Fürsten der Gläubigen (amīr ul-muʾminīn) [einer der Fatimiden], sie liegt auf der Trennlinie zwischen dem Maghreb und den Wohnsitzen der Araber, ihr Gelände dehnt sich weit, sie hat viele Bewohner, ihr Gebiet ist blühend, ihr Name berühmt, ihr Ansehen gewaltig. So ist sie die Metropole Ägyptens, stellt Bagdad in den Schatten, ist der Stolz des Islams, der Handelsplatz der Menschen und prächtiger als die Stadt des Friedens (Bagdad). […] Sie ist der Ursprungsort der Gelehrten, der Winter ist angenehm, ihren Bewohnern geht es gut, und sie befinden sich wohl, viel Gutes wird getan und reichlich Almosen gegeben. Der Koranvortrag ist schön, das Verlangen nach dem Guten klar und die Trefflichkeit des Gottesdienstes überall bekannt. Die Menschen sind vom Schaden durch Regen befreit und sicher vor dem Tumult der Übeltäter.

Sie prüfen kritisch den Prediger und den Imam und geben nur einem guten den Vorzug, auch wenn sie viel Geld aufwenden müssen. Ihr Kadi ist stets ein angesehener Mann, der Marktaufseher ist wie der Emir und sie stehen immer unter der Aufsicht des Herrschers und des Wesirs. Hätte die Stadt nicht so viele Fehler, so hätte sie nicht ihresgleichen in der Welt. […]

Doch ihre Absteigequartiere sind eng, es gibt viele Flöhe, die Häuser sind schmutzig und drangvoll eng, es gibt wenig Früchte, trübes Wasser, schmutzige Brunnen, unsaubere Wohnstätten, stinkende Wanzen, chronische Krätze, teures Fleisch, viele Hunde, grässliche Flüche und wilde Sitten. Die Stadt lebt immer in der Furcht vor Dürre, vor dem Rückgang des Flusses, vor plötzlicher Vertreibung und überraschender Heimsuchung. Angesehene Männer enthalten sich nicht des Weintrinkens, die Frauen nicht der Lasterhaftigkeit. Eine Frau hat zwei Männer, man sieht alte Leute betrunken. […]

Teures Fleisch, welch‘ Graus! Abgesehen davon stammt diese ansehnliche Beschreibung al-Fustats etwa aus dem Jahre 374 AH. Also jener Zeit, in der die Gelehrsamkeit florierte und Frömmigkeit – so wird uns erzählt – an der Tagesordnung stand. Sünder soll es nicht gegeben haben. Der verklärte Blick auf die Geschichte ist eines der Mittel unserer Zeit um falsche Gedanken, extreme Einstellungen und unrealistische Positionen zu verbreiten. Gott bewahre uns vor solcher Grütze im Kopf!