»Schätzungen zufolge hat der Drogenkrieg in Mexiko seit 2006 über 100.000 Todesopfer gefordert. Kartelle beherrschen Städte und Landstriche, Armee und Polizei stehen wegen Menschenrechtsverletzungen und Bestechlichkeit in der Kritik. Immer wieder werden Zivilisten Opfer grausamer Massaker – wie etwa in Ayotzinapa, wo 43 Studenten mutmaßlich von Mitgliedern eines Drogenkartells und mit Unterstützung der örtlichen Polizei ermordet wurden. Carmen Boullosa und Mike Wallace analysieren die komplexen wie vielschichtigen Hintergründe des Drogenkriegs und der Gewaltspirale. Armut, Korruption und Straflosigkeit haben, so die Autoren, ebenso zu der Entwicklung beigetragen wie der konstante Zufluss von Waffen aus den USA und eine repressive Drogenpolitik. Die Militarisierung des Anti-Drogen-Kampfes in den vergangenen Jahrzehnten habe nicht etwa zu einem Sieg über die Kartelle, sondern zu einer Eskalation des Konflikts geführt. Für die Autoren ist es somit an der Zeit, die globale Drogenpolitik grundsätzlich zu überdenken.« [Carmen Boullosa/Mike Wallace, ¡Es reicht! – Mexiko und der gescheiterte War on Drugs, Bonn 2016.]

Wenn einige Küchentheologen[1] zusammensitzen und darüber nachdenken, wie sie das große Festmahl des „islamischen Staates“ denn bereiten könnten und wie verdorben doch eigentlich die Welt ist, wird einem schummerig. Alles sei nur deswegen so schlimm, weil es keinen Küchenchef gibt, der bei der Verwendung von Alkohol, Drogen und anderen Missachtungen der Normen Gottes mal mit dem Kochlöffel zuschlägt und für Ordnung sorgt. Die Vorstellung scheint zu sein, dass sich, wenn Produktion, Herstellung und Verkauf verboten werden, das Problem des Alkoholkonsums von selbst löst. In dieser heiligen Suppe lösen sich dann auch gleich alle anderen, damit verbundenen Probleme auf. Ein Festschmaus des Paradieses wird sich auf die Erde herabsenken. Wenn dann doch mal einer erwischt wird, gibt es eben paar mit dem Kochlöffel, und alles ist in Ordnung. Wie schön wäre dann die Welt – rein und sauber!

Das hier empfohlene Buch wirft einen kritischen Blick auf diese Position. Der Erzfeind dieser Demagogen, für den sie eine Hassliebe verspüren, denn sie selbst wären ja in Wirklichkeit gerne er, aber eben im heiligen Gewand eines Muslims mit ihrer eigenen Gruppe an der Macht, ihrem eigenen „Block“. Der große „Giftkoch“, die Vereinigten Staaten von Amerika und ihr jahrzehntelanger Drogenlieferant Mexiko, vertraten und vertreten die Position des „Blockes“: das Verbot. Sie folgten seit knapp einem Jahrhundert der Politik einer Kriminalisierung und des harten Vorgehens gegen Drogenkonsum. Sie dachten, dies würde alle Probleme lösen. Doch 100 Jahre verstrichen im „Krieg gegen Drogen“. Er und auch die Prohibition zwischen 1920 und 1932 in den USA haben eines bewiesen: wenn die Bevölkerung den Konsum nicht beenden will, kann es nicht funktionieren. Staatliche Macht und Gewalt können Konsum nicht aufhalten – ganz im Gegenteil – sie verschlimmern die Situation nur. Einzig Prävention, Aufklärung und das Verändern der sozialen und wirtschaftlichen Situation der Menschen hilft, den Konsum der Drogen einzudämmen. Wenn die Konsumenten und die Produzenten in die Kriminalität gedrängt werden und das gesamte eine Angelegenheit des Schwarzmarktes wird, nehmen Morde, Entführungen, Korruption und dergleichen erheblich zu. Das Buch beschreibt mit zahlreichen Fakten, Daten und Namen der Protagonisten in diesem Kampf, wie ein ständiges Zerschlagen von Kartellen, Drogenlaboratorien und ähnlichem, immer wieder zu einer neuen Gewaltspirale führte. Ich gebe zu, diese Beschreibungen des Buches ermüden einen irgendwann – und ein Präsident nach dem anderen scheint nicht dazu gelernt zu haben. Die gleiche Taktik, immer wieder. Der erhebliche Druck der USA auf die Welt und Mexiko immer diese anzuwenden. Diese Wechselwirkung zwischen Mexiko und USA wird in dem Buch sehr gut dargestellt.

Die Demagogen und Köche von Staatsutopien scheinen diese Realität nur allzu oft zu ignorieren. Ich selbst war ja einst jemand, der dachte, mit einem Verbot wäre alles gelöst – doch da war ich noch ein junger Knirps (!) und gepriesen sei der Herr, habe ich solch einfältige, schlichte und naive Gedankengänge hinter mir gelassen.

In einem Bericht der Global Comission on Drug Policy von 2011 heißt es: „Der weltweite Krieg gegen die Drogen ist ein Fehlschlag, seine Auswirkungen für Individuen und Gesellschaft weltweit verheerend.“ Er habe nur zu einer Verschärfung von „Gewalt, Verbrechen und Korruption in Lateinamerika“ geführt. Der „gewaltige Aufwand für die Kriminalisierung der Produzenten, Drogenhändler und Konsumenten und die repressiven Maßnahmen gegen sie“, hätten „eindeutig weder das Angebot noch die Nachfrage reduziert.“ Die Verfolgung der Konsumenten habe Schritte zur Verhinderung von HIV-Infektionen und zur Senkung der Zahl der Drogentoten behindert. Der Bau von Gefängnissen und die Gehälter Zehntausender Ordnungshüter hätten die Kassen des Staates und der lokalen Regierungen über Gebührt strapaziert.[2]

Realpolitik und das Regieren eines hochkomplexen Sozialgebildes ist nicht möglich, indem der trockene steife Text aus den Büchern der praktischen Theologie 1:1 in die Lebensrealität unserer Zeit übernommen wird. Praktische Theologie (fiqh) ist nicht realitätsfern – ganz im Gegenteil, vom Mufti (also dem, der die praktische Theologie interpretiert und formt) ist eine Kenntnis der Lebensrealität, der Umstände und Erkenntnisse dieser Art notwendig. Der große osmanische Gelehrte Kâtib Çelebî erklärt schon im 17. Jahrhundert, dass ein reines Verbot nichts bringt und schildert dergleichen Versuche im Osmanischen Reich. Gott befiehlt uns, die Welt zu beobachten und aus ihr zu lernen. Er befiehlt uns nicht, diese Realitäten zu ignorieren oder unsere Augen zu verschließen. Ein plumpes: „Wer nicht mit dem herrscht, was Gott herab gesandt hat, ist ein Kāfir!“, hört sich für simple Ohren zwar schön und einfach an, ist aber fern von der Realität der Bedeutung dieses Textes.

Das oft glorifizierte Osmanische Reich war sich dieses Problems ebenfalls bewusst, wie wir es aus der Schrift des Kâtib Çelebî erkennen. Wie sonst kann sich jemand erklären, dass es in Istanbul im 17. Jahrhundert um die 1000 Bierschänken, 104 Weinverkäufer und 60 „CoffeeShops“ sowie – man höre und staune – etliche Bordelle gab? [3] Zu diesen Problemen gehört auch das älteste Geschäft der Welt: die Prostitution. Sie schien im Osmanischen Reich Quelle für ein beachtliches und dauerndes Steuereinkommen darzustellen – wenn auch nur in Form eines Rechtskniffes, indem Strafgelder für die wiederholten Unzuchtsvergehen eingesammelt wurden. In einer Anekdote wird erzählt, wie eine junge Frau Schutzgelder zahlte, um ihren Beruf als Prostituierte nachzugehen und gar beim Qadi einige Kunden melden konnte, der ihr dann das Geld eintrieb. In Damaskus im 18. Jahrhundert führte der Gouverneur nach etlichen Verbotsversuchen eine monatliche Gebühr für die Prostituierten ein. Im 16. Jahrhundert wurde einzig im Monat Ramadan die Prostitution strikt verboten. Wie wir sehen können, geht es hier immer um Regulierung – keine fanatische Verfolgung und Tötung. Wenn jetzt jemand Vorurteile gegen die Osmanen bedient, sei ihm gesagt, es war nicht anders um 500 AH.[4]

Jeder, der etwas anderes behauptet und meint, die von Gott gesetzten Verbote und Bestrafung durch Staatsapparate einzusetzen, würde diese Probleme eben doch lösen, muss diese Fakten und diese im Buch beschriebenen und bekannten Probleme und Realitäten erklären können. Auch die größten Unterstützer der Prohibition von 1920 sahen dies 12 Jahre später ein:

„Als die Prohibition eingeführt wurde, hoffte ich, sie würde große Unterstützung in der Öffentlichkeit finden und es würde bald der Tag kommen, an dem die üblen Auswirkungen des Alkohols allgemein erkannt werden. Doch mit der Zeit bin ich widerstrebend zu der Überzeugung gelangt, dass dies nicht der Fall ist. Vielmehrt hat der Alkoholgenuss im Großen und Ganzen zugenommen; an die Stelle des Saloons ist die Flüsterkneipe getreten; es gibt eine riesige Armee von Gesetzesbrechern; viele unserer besten Bürger ignorieren ganz offen die Prohibition; die Ehrfurcht vor dem Gesetz hat massiv abgenommen und die Kriminalität ist auf ein nie gesehenes Niveau gestiegen.“[5]

Was wirklich den Konsum eindämmt und ein Abdriften Einzelner in den Drogensumpf verhindert sowie die Gesellschaft positiv formt, sind gute, ehrliche, aufrichtige, liebenswürdige und nette Menschen. Es sind funktionierende Gemeinschaften. Solche, die ihre Arme öffnen für die Armen und Bedürftigen, die den Verstoßenen und Obdachlosen Schutz bieten. Die eben das prophetische Modell zu erst leben und dann andere dazu anspornen, dies selbst zu leben.

[Hinweis: Ich will hiermit keineswegs aussagen, dass der Konsum von Rauschmitteln Ḥalāl sei. Es gibt einen Unterschied zwischen Regulierung, Staatspraxis und Recht und dem offenbarten Gesetz. Keiner kann sagen, dass dies bei Gott gut gesehen wird und wer eine Erlaubnis für den Rauschzustand ausspricht, wie er eben definiert ist in den Büchern des Fiqh, der begibt sich in gefährliche Gefilde. Dem einsichtigen Leser sollte klar sein, dass ich hier die These eines islamischen Staates und das Durchsetzen eines religiösen Gebotes für die Allgemeinheit als weltliches Gesetz durch Staatsapparate hinterfrage. Dies scheint den Zielen und dem Sinn hinter dem offenbarten Religionsgesetz zu widersprechen. Den Fuqahāʾ war bewusst: wer die Religion nicht lebt, das heißt, die ersten Kapitel der Bücher des Fiqh nicht praktiziert, den werden die späteren Kapitel im Buch herzlich wenig interessieren. Wer sich nicht mit der Reinigung seines Herzens und der Korrektur seiner Beziehung zu Gott beschäftigt, wird die Regeln nicht einhalten können. Das Einhalten des offenbarten Gesetzes und die Reinigung des Herzens und die Korrektur sind in einer Wechselwirkung.[6]]

[1] Entlehnt vom Wort Küchenpsychologie: https://de.wikipedia.org/wiki/Alltagspsychologie. Damit sind nicht echte Theologen gemeint.

[2] Vgl. S. 220.

[3] Vera Rubin, Cannabis and Culture, Chicago 1975, S. 309.

[4] Marinos Sariyannis, Prostitution in Ottoman Istanbul, Late Sixteenth – Early Eighteenth Century, in: Turcica, 40, 2008, S. 37 -65.  Ibn al-Ǧawzī schreibt: >>Im Monat Ḏū al-Qaʿda 469 AH [Mai/Juni 1077 AD] traten in Bagdad, Wasit und Sawad viele Krankheiten auf. Es gab so viele Tote, dass die Fehler in der Steppe nicht abgeerntet werden konnte, da es niemanden mehr gab, der dies hätte tun können. Ähnliche Nachricht ereilte uns auch aus der Levante [aš-Šām]. Am zwanzigsten Tag des Monats Ḏū al-Qaʿda 469 AH [15. Juni 1077 AD] wurden dann in Bagdad die Treffpunkte der Sünde und die Häuser des Lasters geschlossen und niedergerissen. [Aus der Überzeugung, die Strafe Gottes habe letztlich doch Einkehr gefunden für die Tolerierung]. Die Lasterhaften flohen aufgrund einer Anordnung des Kalifen an den Oberbefehlshaber der Streitkräfte, der diese Einrichtungen jedoch als Lehen innehatte. Der Kalif wollte ihm dafür [d.h. für seinen Verlust aus seinen Einnahmen aus den Bordellen] 1000 Dinare als Entschädigung geben, was der Militärgouverneur allerdings mit der Begründung ablehnte, dass sich die Einnahmen normalerweise auf 1800 Dinare beliefen. Darüber wurde dann mit Niẓām al-Mulk korrespondiert, welcher seinerseits den Militärgouverneur entschädigte und die Einhaltung des Verbots anordnete.<< Ibn al-Ǧawzī, Kitāb al-Munzaẓam, Beirut 1412/1992, Bd. 16, S. 183. Erstellt unter Zuhilfenahme einer Übersetzung von H. Preißler.

[5] S. 231.

[6] Vgl. Wael Hallaq, The Impossible State, S. 114ff.