Im Buch des Khaled el-Rouayheb, Islamic Intellectual History in the Seventeenth Century, wozu ich mit Gottes Erlaubnis noch mehr schreiben werde, sind schöne Zitate von großen Gelehrten hinsichtlich der Wichtigkeit kritischer Analyse entgegen der einfachen Übernahme (taqlīd) der Inhalte der Bücher der Dogmatik, Logik, Praktischen Theologie, Philosophie etc. (eben all jenem, womit sich die damaligen Wissenschaftler beschäftigten). Dies zeigt uns, das Gelehrsamkeit nicht nur aus dem Kennen der Tradition und dem Taqlīd besteht. Große Gelehrsamkeit zeichnet sich durch das systematische und geordnete kritische Hinterfragen bestehender Meinungen aus. Dies ist natürlich kein Aufruf dazu, dass sich ein Nichtgelehrter anmaßen solle den Taqlīd zu lassen.

Taḥqīq gemäß den Wörterbüchern des Ebû el-Bekâ Kefevî (gest. 1684) und ʿAbd ul-Raʾūf al-Munāwī (gest. 1622) ist „iṯbāt dalīl il-masʾala – den Beweis einer gelehrsamen Fragestellung zu festigen“.[1] Das bedeutet, dass die Gelehrten, welche keinen Taḥqīq ausüben, einzig die Meinungen in den Büchern weitergaben und diese klar legten, während jemand, der Taḥqīq betreibt, diese Meinungen kritisch hinterfragte.

»Beispielsweise der afghanische Gelehrte ʿAbd al-Raḥīm Kābulī (gest. 1723), der sich in Damaskus niederließ. Ein Schüler kam zu ihm und wollte mit ihm den Kommentar eines bekannte ägyptischen Gelehrten und Richters, Zakarīya al-Anṣārī (gest. 1519), zu Abharīs erwähnter Einführung in die Logik, Īsāġūǧī, lesen. Kābulī war dieser Kommentar nicht bekannt und es wird berichtet, dass er nicht beeindruckt war, als er erkannte, dass der Kommentar „einzig die Textstellen näher erklärte und nicht den Weg der kritischen Analytiker folgte.«[2]

Diese Gelehrte fühlten sich auch in ihren Lehrzirkeln dazu berufen, den Schülern das kritische Denken zu lehren:

»In Istanbul begegnete Muḥibbī einen türkischen Gelehrten und Lehrer, der, so merkt er an: „bemerkenswert war in der Art und Weise seines Unterrichts und seiner Erklärung. Er folgte hierbei dem Pfad der persischen und kurdischen analytisch-kritischen Gelehrten in der Einhaltung der Regeln der Nachforschung (ǧārin ʿalā ṭarīqati muḥaqqiqī ʾl-ʿaǧami wa ʾl-akrādi fī murāʿāti ādābi ʾl-baḥṯ). Einige Jahre vorher beschrieb der marokkanische Gelehrte ʿAbdullāh al-ʿAyyāšī lebhaft einen Unterricht mit einem kurdischen Gelehrten, dem er in Medina begegnet war: „Seine Unterrichte zu einem Thema erinnerten an eine Diskussion (muḏākara) und Unterredung (mufāwaḍa), denn er sagte: „Vielleicht dies und jenes“, und: „es scheint, als wäre es dies“, und: „seht ihr, dass es auch so zu verstehen ist?“ Wenn er auch nur in einem einfachsten Punkt in Frage gestellt wurde, hielt er an, bis die Angelegenheit geklärt war.“«[3]

Die Bücher der Gelehrten des 15. – und 16. Jahrhundert waren durchzogen von der Rhetorik des Taḥqīq, entgegen der Überzeugung, dass damals ein bedingungsloser Taqlīd – eine Art Bulimie des Wissens nach Orientalisten – betrieben wurde. Interessant sind hier folgende Zitate:

»In seiner Einleitung zu seinem Kommentar zu Tahḏīb al-manṭiq schreibt Dawānī: „Ich habe nicht beachtet, was allgemein akzeptiert ist. Die Wahrheit verdient es nämlich weitaus mehr, dass ihr gefolgt wird. Ich blieb auch nicht stehen an den Stationen des schon vorher gesagten, denn die Pfade der Vernunftsnutzung sind offen. Im Gegenteil, ich habe den unberührten Weg aufgezeigt und die Creme reiner Wahrheit geschlagen. Ich habe verifizierte Punkte dargelegt (taḥqīqāt), welche nicht in Büchern im Umlauf enthalten sind und habe auf feine Komplikationen hingewiesen (tadqīqāt), die es in langen Büchern nicht gibt.“

Dawānī spricht im gleichen Ton in seiner Präambel und Einleitung zu seinem Kommentar zu dem Glaubenswerk des ʿAḍud al-Dīn al-Īǧī:

„O Du, der uns die Möglichkeit gab den islamischen Glauben zu analysieren (taḥqīq) und der uns bewahrte vor Nachahmung (taqlīd) in den Prinzipien und Folgesätzen der Theologie… Ich habe mich selbst nicht Aufgegeben in den Gassen der Zitatensammlung, wie es oft die Leute der Disputation tun, welche unfähig sind den edlen Weg der Beweisführung zu gehen (istidlāl). Im Gegenteil, ich bin der einfachen Wahrheit gefolgt, sogar wenn es entgegen der wohlanerkannten Meinung ist (al-mašhūr) und ich hielt fest an den dringenden Erfordernissen der Beweise, auch wenn sie nicht verstärkt sind durch die Aussagen der Mehrheit (al-ǧumhūr).“

ʿIṣam al-Dīn al-Isfarāyīnī verunglimpfte ebenfalls die unkritische Annahme der überlieferten Ansichten (taqlīd) in seiner Einleitung zu seinen Anmerkungen zu dem Kommentar von al-Ǧāmīs al-Kāfiya, einem Handbuch zur Syntax des Ibn al-Ḥāǧib. Er schrieb:

„Dies sind Anmerkungen gleich der Sonne, welche die Sternenlichter der [anderen] Bücher erlöschen lassen, eine angemessene Verzierung für al-Fawāʾid al-ḍiyāʾīya [Titel des Buches von al-Ǧāmī]. Es gäbe damit keinen, der seinen Lob zurückhält oder es mit Fehler beschuldigt und erniedrigt. Mögen jene mit hoher Vernunft, die fern sind von Sturheit, dies nicht ablehnen aufgrund der Neuerungen die es enthält (ibtidāʿ) und möge der Dichter, der sich rühmen kann seine Tiefen durchgegangen zu sein, ihm zur Hilfe kommen mit erfreulichen literarischen Erfindungen (iḫtirāʿ). Wer die Ketten der reinen Nachahmung (taqlīd) nicht aufgibt, kann sagen was er will, denn nicht ihm gelten meine Worte.“«[4]

[1] Zitiert nach Khaled, S. 28.

[2] Ebd.

[3] Ebd., S. 35.

[4] Ebd., S. 33.