Unter uns Muslimen wachsen leider vielerlei Bitterlinge und Fliegenpilze. Zu ihnen gehören jene, die zu Extremen neigen. Ich schreibe hier nicht allein nur über die Gruppen, welche im Fokus der Medien und des öffentlichen Diskurs stehen, sondern ich schreibe von Muslimen jeder Gattung. Extremismus ist nicht per-se ein islamisch/muslimisches Problem. Es ist ein allgemeines Problem des Menschen – des Nafs (Egoselbst). Atheist, Muslim, Agnostiker – sie alle können Opfer ihres Nafs werden. Umso trauriger ist es aber, wenn die Religion der Ausgeglichenheit, der Balance und Harmonie, die letzte mit voller Heilswirkung, von Demagogen, Hetzern, Neubekehrten, halbgaren Religiösen und euphorischen Jugendlichen missbraucht wird. Dieser Missbrauch der Religion nährt einzig diese Eigenschaft des Egoselbst. Dabei, so die Gelehrten und Meister der spirituellen Traditionen, kam die Religion mit einem einzigen Ziel: dem Brechen des eisernen Griffs des Egoselbst und ihre Erziehung.[1]

Die sozialen Medien, von YouTube bis Facebook, sind voll mit ihnen. Sie rufen nach Krieg, nach Revolution und Aufstand – oder sie denunzieren die Diskutanten in Kommentaren und Beiträgen voller Hass und Zorn, voller Abscheu. Solche Handlungen werden im Aberglauben getätigt, die gepriesene innere Haltung des „Lieben und Verabscheuen für Gott“ verinnerlicht zu haben. Welch Trugschluss! Wo doch diese hohe Eigenschaft sehr viel mehr ist als das.[2] Oft wird zwar plakativ gegen die Leute gesagt: „der/die hat zwei YouTube Videos angeschaut und denkt nun, er/sie ist ein Geistliche/r (Scheich)“, dabei sind aber auch jene das Problem, welche erst vielleicht seit ein oder zwei Jahren studieren und Bücher der klassischen Gelehrten lesen. Auch Absolventen können extreme Positionen vertreten. Die Herausforderungen und Probleme der Medresen unserer Zeit (traditionelle Schulen der islamischen Wissenschaften) sind hier aber nicht Thema.

Bekümmernder wird es, wenn diese Muslime sich fünf Mal am Tag hinstellen und mehrmals um den Ṣirāṭ ul-mustaqīm beten. Dieser „geradlinige Weg“, um den wir Gott täglich bitten, ist keine Selbstverständlichkeit – er ist eine Gnade von Gott und wird gefunden in der Öffnung des Herzens des Gläubigen für Seine Religion und dem Erziehen des Nafs. Er wird von den Gelehrten als das Gleichgewicht zwischen Übertreibung und Untertreibung verstanden.[3] Gott warnt in Seinem heiligen Wort an mehreren Stellen vor der Extreme in der Religion.[4] Der edle Prophet – Frieden und Segen seien auf ihm – machte uns auf die Gefahren der Extreme in verschiedenen Kontexten aufmerksam. Er warnte oft davor und erklärte jene, die dies tun, als vernichtet und verloren. So bat er – Frieden und Segen seien auf ihm – einst um einige Steine, um sich nach der Notdurft zu reinigen. Aus religiösem Eifer brachte einer seiner Gefährten, ʿAbdullāh, Sohn des ʿAbbās – möge Gott mit ihnen zufrieden sein – besonders große Steine. Da sagte der Prophet – Frieden und Segen seien auf ihm: „Steine wie diese, Steine wie diese (und er zeigte, welche größe er meinte). Seid Achtsam vor Extremen in der Religion, denn das einzige, was jene vor euch zerstört hat war die Extreme in der Religion.[5]  Entgegen dem Gedanken, der sich bei vielen Muslimen der Moderne festgesetzt hat, dass es die „Untertreibung“ war, welche die meisten vorherigen Religionen vernichtete, sagt der Gottgesandte, dass es die Extreme war.

Der Prophet – Frieden und Segen seien auf ihm – warnte explizit: „Vernichtet sind die Mutanaṭṭiʿūn“, oder: „Wisset, die Mutanaṭṭiʿūn sind vernichtet.“[6] Die Gelehrten erklärten, Mutanaṭṭiʿūn seien Personen, die „überstrikt“ sind, die sich viel zu sehr in religiöse Fragen hineinbeißen, die in Extreme gehen, das heißt, die erlaubten Grenzen in ihren Worten und Handlungen überschreiten.[7]  An anderer Stelle wird überliefert: „Wahrlich, diese Religion ist leicht. Jeder, der mit Härte an diese Religion geht (die Religion sich schwer macht), wird letztlich von ihr überwältigt. Daher sucht eine Korrektheit in Gleichgewicht, tut Gutes so gut ihr vermögt [und wenn ihr das Ideal nicht erreicht, dann tu das Beste, was dem Nahe kommt] und akzeptiert die frohe Botschaft [für eine anhaltende gute Tat, auch wenn sie wenig ist]. Ersucht die Hilfe [Gottes] am Morgen und Abend und in einigen Teilen der Nacht.“[8] Die Gelehrten haben viele Erklärungen gegeben, warum diese Religion so leicht ist und allein dieser Hadith benötigt auf diesem Blog einen eigenen Beitrag. Heute wird die Religion leider überaus kompliziert vermittelt. Nichtmuslimen wird der Einblick aufgrund der schieren Menge an Inhalten, die anzunehmen notwendig seien, erschwert und Anfänger werden mit allen möglichen Regeln und Verboten regelrecht überladen und ihnen wird direkt der – oft ad absurdum argumentierte – „Weg der Gottesfurcht“ (taqwā)[9] nahegelegt. Der andalusische Gelehrte Ibn Abī Ǧamra sagt in seinem Kommentar zu einer Kurzfassung des Buḫārī zu dem erwähnten Hadith, dass die Leichtigkeit hier auch bedeuten kann, dass die Normen der Religion, die ohne Interpretationsraum absolut verpflichtend sind, nur eine geringe Zahl ausmachen. Die große Mehrheit der Handlungsnormen sind offen zu unterschiedlichsten Interpretationen, die zu mehr als einer einzigen gültigen Meinung führen, die ein weites Spektrum von geboten bis verboten annehmen können. Daher sei dies eben die Leichtigkeit und Flexibilität des Herrn an Seine Diener.[10]

Wir erkennen also, dass Extremismus ein abdriften von der „ideellen Mitte“ bedeutet, in die Übertreibung oder Untertreibung. Es bedeutet, Ṣirāṭ ul-mustaqīm zu verlassen. Wie kommt es aber dazu, dass sich dieser Extremismus unter Muslimen verbreitet und wie entsteht eine solche Gesinnung. Wir dürfen nicht vergessen, was am Anfang des Beitrages gesagt wurde: Extremismus ist kein dem Islam eigenes Phänomen,[11]  aber er hat sehr wohl mit falscher Vermittlung und Lehre zutun. Er entsteht nicht in einem Vakuum. Im nächsten Teil gehe ich, mit Gottes Erlaubnis, darauf ein, wie Extremismus sich unter Muslimen zeigt und was die Faktoren sind, die ihn nähren.

Bis dahin, Gut bekomms!

[1] Vgl. Scheich Aḥmad Sirhindī, Maktūbāt, B. 2, Brief 50.

[2] Vgl. Scheich Saʿīd Ramaḍān al-Būṭī, Abḥāṯ fī al-qimma – falnadʿu ila al-islam, S. 26ff.: „Ich will über mich selbst sprechen. Jene, die denken, sie seien fern von Übel, mögen sich hiermit vergleichen und ihre Situation abschätzen: Im geehrten Monat des Ramaḍān begegne ich Menschen, die in dem Moment, wo sie mich sehen, absichtlich direkt eine Zigarette anzünden und genüsslich ihren Rauch verbreiten. Dies tun sie, damit ich sehe, dass sie nicht fasten und dies auch auf der Straße vor den Augen aller verkünden! Wenn ich das sehe, erfüllt mich Zorn. Doch ich frage mich, ist dieser Zorn wirklich für Gott? Ich habe mir selbst oft diese Frage gestellt und habe mich bemüht, die wahre Antwort darauf zu finden. Da merkte ich, ein großteil meines Zornes war für mein eigenes Egoselbst. Es war eine Trauer, dass meine Persönlichkeit als religiöse Figur vor allen so öffentlich kritisiert wurde und das war der ausschlaggebende Faktor für meinen Zorn! Hätte ich keine religiöse Tracht getragen und diese Person hätte geraucht, weil sie es einfach so tut und nicht, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wäre mein Zorn sehr gemildert gewesen. Daher war mein vorheriger Zorn nicht wirklich für Gottes Wohlgefallen allein. Es war ein Zorn, weil er gegen meine Person gerichtet war. Sie griff einen Teil meiner Persönlichkeit, meine religiöse Identität an. Der Narzissmus im Menschen verstärkt sich bei jenen sehr stark, die als öffentliche Personen der Religion auftreten. Ein anderes Beispiel ist, dass es zu einem Streit kommt zwischen einem Lehrer der islamischen Wissenschaften und einem Studenten, der seinen Neigungen und Trieben folgt. Oder auch die Streitigkeiten und feurigen Diskussionen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Der Muslim begegnet in diesen Diskussionen Kritik seiner Religion und er fühlt sich persönlich angegriffen. Dies weckt den Zorn in ihm. Dies führt dazu, dass er unterschiedliche Wege und Methoden einschlägt, diese Kritik abzuwehren. Jeder Mensch muss sich aber in diesem Moment fragen: ‚Ist dieser Zorn wirklich einzig für Gott selbst, für Sein Wohlgefallen allein?‘“

[3] Siehe diese Definition in einem Uṣūl Werk der Ḥanafīs: „Aṣ-Ṣirāṭ ul-mustaqīm:  Es ist der Weg des allgemeinen Normgebers (šāriʿ) und ein jeder wandelt auf diesem Pfad. Nur jene beschreiten ihn nicht, die seinen Abweichungen nach Links und Rechts folgen. Daher sind jene, die dem geraden Weg folgen, im Gleichgewicht zwischen Übertreibung und Untertreibung. Dies ist Aufrichtigkeit und Treue zum offenbarten Gesetz Muḥammads – Frieden und Segen seien auf ihm. Er war nämlich der Ausgeglichene zwischen der Übertreibung, welche in der Religion Moses – Friede auf ihm – zu finden ist und der Untertreibung, welche in der Religion des Jesus – Friede auf ihm – war. Es ist die Aufrichtigkeit auf den Glaubensinhalten der sunnitischen Gemeinschaft (ahl us-sunna wa ʾl-ǧamāʿa), denn ihr Glaube liegt zwischen Determinismus (ǧabr) und Possibilismus (qadr), zwischen dem Glauben an Usurpation (rafḍ – šīʿa) und Rebellion/Aufstand (ḫurūǧ – ḫawāriǧ); zwischen Vermenschlichung Gottes und der Ablehnung Seiner Eigenschaften, auf denen sich die anderen Pfade befinden. Ihr Pfad der spirituellen Reise ist eine Verbindung zwischen Liebe und Vernunft; sie ist keine reine leidenschaftliche Liebe in Ekstase allein und auch keine einfache und bloße intellektuelle Bemühung, welche letztlich [beide] zu Ketzerei und Philosophie führen.“ (Aḥmad b. Abī Saʿīd al-Mullāǧūn, Nūr ul-anwār fī šarḥ il-manār, Libanon 2015, B. 1, S. 125ff..)

[4] Vgl. 4:171, 5:77, 5:87, 11:112.

[5] Sunan un-Nasāʾī ʾl-kubrā und Sunan Ibn Māǧah.

[6] Ṣaḥīḥ Muslim.

[7] Nawawī, Šarḥ Ṣaḥīḥ Muslim, Kitāb ul-ʿilm, Bāb halaka…

[8] Muḥammad ʿAbdullah b. Abī Ǧamra al-Andalusī, Bahǧat un-nufūs šarh muḫtaṣar ṣaḥīḥ il-buḫārī, o.O. 1348 AH, S. 67ff.

[9] Oft ist jenes, was als Taqwā angepriesen wird, einfach nur Waswasa. Vgl. Imamı Gazâlî, Kimya-i Saadet, Istanbul 1981, S. 98. Ibn Daqīq al-ʿĪd schreibt: „Die fromme Gewissenhaftigkeit, die angeblich in einem solchen Verhalten liegen soll, ist nichts als die Einflüsterung des Teufels […]“ in: an-Nawawī, Das Buch der vierzig Hadithe, Verlag der Weltreligionen, S. 73.

[10] Vgl. Ibn Abī Ǧamra, Bahǧat, S. 81f.

[11] Vgl. Aparna Devare, Secularizing Religion: Hindu Extremism as a Modernist Discourse, in: International Political Sociology, Vol. 3, 2009, S. 156 – 175.