Scheich Hamza Yusuf, Gott gewähre ihm ein langes Leben, spricht in einem seiner Videos über den Stillstand der Tradition in unserer Zeit und dass sich kaum einer mit neuen Theorien auseinandersetzt. Für jeden angehenden Theologen*in ein Grund, aufzuhorchen und für jeden belesenen Theologen*in (leider, es gibt auch solche, die nicht belesen sind) eine Bestätigung dessen, was er/sie schon bemerkte. Scheich Hamza ist jemand, der tief in der Tradition verankert ist. Er hat über zehn Jahre und mehr in der Wüste und in den Ländern Arabiens studiert und die Tradition in sich aufgesogen. Seine Studien fanden bis heute kein Ende. Er wird als jemand beschrieben, der wirklich unglaublich belesen ist und Bücher im Tagesrythmus verzehrt. Auf diesem Link (hier klicken!) kann man sehen welche Bücher er im Lauf seiner öffentlichen Vorträge empfohlen und auch gelesen hat. Eben wie wir – immer auf der Suche nach der besten (geistigen) Nahrung (zu unserer Schande, sind wir aber nur auf der ewigen Suche nach dem besten Gaumenschmaus – eine Suche, die mit Gottes Erlaubnis im Paradies enden wird:)

„Es fehlt die Beschäftigung derer, welche Meister der Prinzipienlehren der Glaubensgrundlagen sind (uṣūlīyūn der Dīn) mit der Welt und der Meister der Prinzipienlehre der praktischen Theologie (uṣūl ul-fiqh) mit der Welt. Nun ist es so, dass unsere Theologen keine problematischen Angelegenheiten mehr behandeln, denen die Gläubigen ausgesetzt sind. Wir haben kaum Bücher, die sich ernsthaft mit der Evolutionstheorie auseinandersetzen.“

In meinem Versuch herauszufinden,was bis jetzt über Evolutionstheorie geschrieben wurde in der Islamischen Theologie, habe ich im Türkischen sage und schreibe drei Arbeiten gefunden bei meiner Suche auf einschlägigen Webseiten zu neuen Doktorarbeiten, Artikeln und dergleichen im Bereich der Theologie. Ebenfalls war es mir nicht möglich, viel auf Englisch zu finden. Das einzige brauchbare Buch in diesem Bereich ist (die Pflichtlektüre) Islam and Biological Evolution, geschrieben von David Solomon Jalajel – einem Madrasah Absolventen, erschienen als Forschungsarbeit 2009 bei der University of Western Cape. Das Buch weist einige Schwächen auf – aber was erwartet man auch von einer Pioniersarbeit! In seinem Literaturverzeichnis finden sich keine arabischen oder englischen Artikel aus der Perspektive der islamischen Wissenschaften zu diesem Thema. Leider hat das Gift der Kreationisten aus den USA schnell Zugang in die Türkei und anderswo Einlass gefunden. Schuld daran ist Frauenschwarm und Late-Night-Party-Theologe Adnan Oktar (aka Harun Yahya oder vice versa), dessen Werke heute noch herangezogen werden.

„Wir haben keine Bücher, die die Quantenphysik auch nur erwähnen und das Problem von Ursache-Wirkung behandeln. Wir haben sehr wenige Bücher die sich mit Nominalismus, Essenzialismus oder der „Kritischen Theorie“ auseinandersetzen, die alle viele Probleme in Bezug auf die Glaubensgrundlagen und auch die Praktische Theologie mit sich bringen. Das alles ist, weil sich die Tradition eben verknöchert oder versteiner hat. Als ich jung war, nahm meine Großmutter uns mit in einen Versteinerten Wald in Sedona. Die Bäume dort standen so lange, dass sie Steine geworden sind. Das heißt, etwas Lebendes wurde tot. Das geschah mit unserer Tradition. Das Lebendige starb. Es ist wunderschön und faszinierend, es sich anzuschauen, aber letztlich ist es tot, denn es reagiert nicht aktiv auf die Umstände. Biologisch ist Leben so definiert, dass es auf Stimulation reagiert. Wenn es nicht reagiert, dann ist es tot. Uṣūl ud-dīn und Uṣūl ul-fiqh müssen auf die Stimulierung antworten durch Iǧtihād, durch Radd uš-šubuhāt, entweder durch juristisches Denken um zu einer Schlussfolgerung zu kommen oder durch die Fähigkeit Zweifel in den Köpfen der Menschen zu beantworten.“

Daher liebe Theologen, auf auf! Wer die eigenen Wissenschaften nicht studiert hat, kann nicht in einen DIALOG mit diesen Theorien treten. Ich betone hier das Wort DIALOG und schließe hiermit Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen aus. Keiner sollte über Wissenschaften urteilen, ohne die Grundlagen verstanden zu haben. Imam al-Ghazali – Gott erbarme sich seiner – ist hier ein Beispiel. Er studierte die Philosophie neben seinem Lehrauftrag an der Medrese (damalige Universität), mit dem Ziel, diese Wissenschaft als das zu erkennen, was sie ist. Dann verwarf er das Schlechte und nahm das Gute auf. Einen Todesschlag verpasste er der Philosophie nicht – wie es uns viele Orientalisten erzählen wollen. Im Gegenteil, er führte das Gute maßgeblich in die Wissenschaften ein.