Geehrter Leser! Du nahmst dieses Buch in die Hand, um etwas über den praktischen Taṣawwuf, den spirituellen Pfad (ṭarīqa) zu Gott, zu erfahren. Ich habe Vertrauen in die Wahrhaftigkeit Deiner Suche, doch wir müssen ihren Charakter in Frage stellen, denn das Egoselbst kann alles zu seinem eigenen Nutzen wenden– auch den Taṣawwuf. Es unternimmt beständig den Versuch, sich die Lehren des Taṣawwuf zu seinem eigenen Vorteil anzueignen. Diese Lehren werden als eine Sache behandelt, die von außen zu uns kommt, uns etwas Fremdes sind. Wir betrachten sie gleich einer Philosophie. Wir versuchen nur ihr nachzuahmen. In Wirklichkeit aber will unser Egoselbst sich gar nicht wahrhaftig damit identifizieren oder mit ihr eins werden. Wenn die spirituellen Meister daher vom Verzicht auf die eigene Individualität, die „Ichheit“ (Ananīya), das Egoselbst, sprechen, suchen wir sofort einen Täuschungsversuch. Wir nehmen zwar die entsprechenden Schritte – leisten den Treueeid zur Initiation auf den Pfad, die Bayʿa, besuchen die Versammlungen –, machen die passenden Gebärden – beten regelmäßig, kleiden uns gar wie der Meister, meditieren und üben die Andacht – doch in Wirklichkeit wollen wir überhaupt nichts von unserer Lebensweise aufgeben. Wir werden zu erfahrenen Schauspielern, und während wir dem wahren Sinn der Lehren des Taṣawwuf gegenüber den Gehörlosen spielen, empfinden wir eine gewisse Zufriedenheit unter dem Vorwand, doch die Ṭarīqa beschritten zu haben und auf ihr fortzuschreiten.

Immer wenn wir eine Unstimmigkeit oder einen Widerspruch zwischen unserem Verhalten und den Lehren des Taṣawwuf merken, deuten wir die Situation unverzüglich in der Weise, den Konflikt zu beschönigen. Diese Deutung gibt das Egoselbst in der Rolle des spirituellen Ratgebers, des Herzens, unseres „wirklichen Wunsches nach Taṣawwuf“. Es wird eine Ausrede gefunden, um sich nicht mit der Wahrheit unseres Seins beschäftigen zu müssen. Wir denken, „was wir machen, wird schon genügen“ – merken aber nicht, dass unser Egoselbst in diesem Moment durch die Rationalisierung unser eigenes Schauspiel gegen die Lehren, dem eigentlichen Ziel, verwendet.

Diese Art und Weise, die Ṭarīqa und das eigene Verhalten zu rationalisieren, muss durchbrochen werden, wenn wirkliche Maʿnāwīya/Spiritualität, wirklicher Taṣawwuf in die Praxis umgesetzt werden soll. Es ist jedoch nicht einfach, mit dieser Rationalisierung umzugehen, weil alles durch den Filter der Philosophie und Logik des Egoselbst gesehen wird, der alles klar und deutlich, vollkommen logisch erscheinen lässt. Wir versuchen, auf jede Frage eine uns selbst rechtfertigende Antwort zu finden. Zu unserer eigenen Beruhigung sind wir bestrebt, jeden Aspekt unseres Lebens, der Verwirrung bringen könnte, in unser intellektuelles Schema einzupassen. Dabei ist unser Bemühen derart ernst und feierlich, derart geradlinig und aufrichtig, dass ihm nur schwer zu misstrauen ist. Wir verlassen uns stets auf die „Integrität“ unseres spirituellen Ratgebers, unseres Egoselbst. Wir denken wirklich, dass seine Ausreden Sinn machen und auch dem Willen der Ṭarīqa entsprechen.

Dabei spielt es keine Rolle, was wir zu unserer Selbstrechtfertigung heranziehen: die Weisheit des Korans oder der Sunna, Diagramme oder Tabellen, mathematische Berechnungen, Zitate und Anekdoten der Gottesfreunde, buchstabengläubige Religion, Tiefenpsychologie oder irgendeinen sonstigen Mechanismus. Wenn immer wir zu werten beginnen und entscheiden, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen, haben wir unsere Praxis oder unser Wissen bereits mit Kategorien in Verbindung gebracht und eines gegen das andere ausgespielt.

Das ist der spirituelle Materialismus – die unechte geistige Haltung unseres spirituellen Ratgebers, unseres Egoselbst. Wenn immer wir eine dualistische Vorstellung haben, wie beispielsweise: „Ich tue dies, weil ich eine besondere Stufe bei Gott erreichen will (maqām), oder weil ich einen bestimmten Zustand erleben will, oder er mir Genuss bereitet…“, dann trennen wir uns automatisch von der Realität dessen, was wir sind – Geschöpfe in allen Ebenen unseres Seins.

Die Antwort auf die Frage: „Was ist denn falsch daran, etwas zu bewerten und sich für eine Seite zu entscheiden?“, lautet, dass wir mit dem nachfolgenden Urteil: „Ich sollte dies und jenes tun, und dies und jenes meiden“, eine derart komplizierte Ebene erreicht haben, dass wir von der grundlegenden Einfachheit unseres Wesens meilenweit entfernt sind. Wir sollen handeln, weil Gott von uns das Handeln wünscht und weil Er uns erschaffen hat und wir nur wegen Ihm sind. Nicht mehr, nicht weniger. Begründungen, Sinnsuche, Ziele in diesem sind nur Bürokratie des Egoselbst. Wird unsere spirituelle Identität davon überdeckt, so erstarrt sie zu einer sehr schweren, dicken Maske und wird zu einer Rüstung.

Es ist wichtig zu erkennen, dass das Hauptziel jeder Ṭarīqa es ist, sich der Bürokratie des Egoselbst zu entziehen. Das heißt, das ständige Verlangen des Egoselbst nach einer höheren, spirituelleren, erhabeneren Version von Wissen, Dīn, Ṭarīqa, Tugend, Einsicht, Trost, oder sonstigem, nicht mehr zu unterstützen. Ganz gleich was das Egoselbst will, das Egoselbst soll nicht gefördert werden. Wir müssen aus diesem spirituellen Materialismus aussteigen. Wenn wir dies nicht tun, sondern diesen sogar noch praktizieren, werden wir uns schließlich möglicherweise im Besitz einer riesigen Kollektion von Wissen über Taṣawwuf wiederfinden. Wir werden diese Sammlung des Wissens vielleicht sogar noch für sehr kostbar halten. Wir haben uns mit so vielen Dingen beschäftigt, mit dieser und jener Ṭarīqa, mit diesem Gottesfreund und seinen Theorien, unzählige Bücher verschlungen, den Ḏhikr und die Meditation praktiziert, und vielleicht auch eine Vielzahl von Scheichs aufgesucht und hoch intellektuelle Gespräche mit ihnen geführt. Wir haben gelernt und es zu etwas gebracht. Und doch bleibt nach alledem immer noch etwas aufzugeben. Das ist höchst mysteriös! Wie könnte das sein? Unmöglich! Doch leider ist es so. Unsere riesige Sammlung von Wissen und Erfahrung ist nur Teil der größenwahnsinnigen Eigenschaft des Egoselbst, das sie zur Schau stellt. Wir zeigen sie vor der Welt und wir geben uns damit das beruhigende Gefühl, als „spirituelle“ Menschen heil und sicher zu existieren.

Die Menschen kommen zum Taṣawwuf nicht, weil sie Geld verdienen wollen, sondern sich wirklich weiterentwickeln möchten. Wenn wir diese Lehre jedoch als eine Antiquität, als „alte Weisheit“ betrachten, die wir sammeln können, die wir mit dem Verstand ergreifen können, dann sind wir auf dem falschen Weg.

Was nun die Silsila der Ṭarīqa – die Übermittlungslinie der spirituellen Meister – angeht, so wird das Wissen darin nicht wie ein altes Erbstück weitergereicht. Vielmehr ist es so, dass ein Lehrer die Wahrheit der Lehren selbst erfährt und als Inspiration an seinen Schüler weitergibt. Diese Inspiration bringt den Schüler ebenso zum Erwachen aus dem Schlummer der Unachtsamkeit, wie vor ihm sein Lehrer erwacht ist durch das Erleben von Fanā und Baqāʾ. Der Schüler übermittelt die Lehren einem weiteren Schüler, und so setzt sich dieser Prozess durch die Zeiten fort. Es wird gesagt: „Wissen muss im Feuer geschmolzen, gehämmert und geschmiedet werden, wie reines Gold. Erst dann kann man es als Schmuckstück tragen.“ Wenn wir die Lehren des Taṣawwuf aus den Händen eines anderen empfangen, nehmen wir sie nicht gleichgültig entgegen, sondern halten sie ins Feuer, hämmern und schmieden sie, bis die leuchtende, veredelte Farbe des Goldes zum Vorschein kommt. Dann verarbeiten wir es zu einem Schmuckstück und legen es an, und zwar, so wie es unserem natürlichen Wesen entspricht. Daher ist Taṣawwuf für jedes Alter und jeden Menschen geeignet, denn es trägt eine lebendige Qualität in sich. Es reicht nicht aus, unseren Scheich oder Meister nur nachzuahmen; wir sollen nicht versuchen, zu einer Kopie unseres Scheichs zu werden. Das Leben seiner Lehrern, das Verstehen der ihr grundlegenden Maximen und Prinzipien ist es, was der Pfad uns bescheren will. Die Ṭarīqa und die mit ihr verbundenen Erfahrungen Gottes stellen eine individuelle persönliche Erfahrung dar, die bis zum gegenwärtigen Träger der Silsila hinabreicht. Die Ṭarīqa und die Erfahrungen Gottes waren wirkliche, lebendige Erfahrungen für alle Meister in der Silsila. Dies trifft auch auf den momentanen Träger der Silsila zu. Nur die Einzelheiten der Scheichs in der Übermittlungslinie unterscheiden sich voneinander. Die Lehren haben die Qualität von frisch gebackenem Brot, das noch warm ist. Jeder Bäcker muss das allgemeine Wissen, das er vom Brotbacken besitzt, auf seinen besonderen Teig und Ofen anwenden. Dann muss er selbst die Erfahrung von der Frische dieses Brotes machen, muss es gleich anschneiden und noch warm essen. Er muss sich die Lehre aneignen und sie dann in die Praxis umsetzen. Dies ist ein sehr lebendiger[, dynamischer] Vorgang, der die Selbsttäuschung ausschließt, einfach nur Wissen ansammeln zu wollen. Wir müssen unsere eigenen individuellen Erfahrungen in der Ṭarīqa machen. Wenn wir in Verwirrung geraten, können wir nicht auf unser angehäuftes Wissen zurückgreifen und versuchen, darin Bestätigung oder Trost zu finden, wie etwa: „Der Scheich und die gesamte Ṭarīqa sind auf meiner Seite!“ Der spirituelle Weg verläuft nicht in dieser Richtung. Wie es schon die früheren Ṣūfīs sagten: „Es gibt Wege zu Gott gleich der Zahl der Atemzüge der Geschöpfe.“ Dieser Weg ist teils einsam und ganz und gar individuell. Der Scheich leitet einen, doch irgendwann verlässt man auch diesen.

[Meine Erläuterung des Spirituellen Materialismus durchschneiden, von Chögyam Trungpa, 1996].