In unserer Zeit haben viele Muslime Probleme mit ihrer religiösen Tradition – sei es nun bewusst oder unbewusst. Bewusst, weil sie sich mit sogenannten „islamkritischen“ Texten und Theorien befassen, obgleich sie weder in ihrer eigenen Tradition gefestigt sind, noch in irgendeiner Form Argumente abwägen und differenzieren können. Unbewusst, weil sie dem modernen Mythos unterlegen sind, dass alles aus „Koran und Sunna bestünde“, „der Koran“ und „die Sunna“ Antworten auf alles haben, und die Gelehrten verpflichtet seien, eine jede ihrer Aussagen mit „Koran und Sunna“ zu begründen. Obgleich dies an Fatalität kaum zu überbieten ist, sei im Folgenden nicht darauf eingegangen, sondern anhand eines an der Universität erstellten Readers für das Wintersemester 12/13 das klassische System kurz dargestellt. Erst das Erfassen jener Grundwissenschaften und ihre sorgfältige Ausdifferenzierung ermöglicht es tieferen Einblick in die Religion zu erhalten. Doch nun ans Eingemachte:                                                

 Das System der klassischen Theologie:

Die acht Grunddisziplinen der Theologie

 Die klassischen Theologen teilen die Gesamtheit der Theologie – also der Wissenschaft von den eigentlichen Dingen, die die Offenbarung als Erkenntnisquelle heranzieht, nachdem ihr Wahrheitsanspruch vernünftig erwiesen wurde – in einer ersten Einteilung in acht Grunddisziplinen, die sich in drei Gruppen ordnen lassen:

– I – Die theoretischen theologischen Wissenschaften:

1. Die Dogmatik (ʿilmu l-kalāmi, ʿilmu ʾuṣūli d-dīni, ʿilmu t-tawḥīdi

wa-ṣ-ṣifāti),

2. Die Prinzipienlehre zur praktischen Theologie (ʾuṣūli l-fiqhi)

– II – Die praktischen theologischen Wissenschaften:

3. Die praktische Theologie (al-fiqh)

4. Die Wissenschaft vom Sufi-Weg (ʿilmu t-taṣawwufi)

– III – Die historischen theologischen Wissenschaften:

5. Die Wissenschaft von der Textgestalt des Koran (ʿilmu t-taǧwīdi wa-l-qirāʾāti)

6. Die Wissenschaft von der Koranauslegung (ʿilmu t-tafsīri)

7. Die Prinzipienlehre zur Ḥadīṯ-Wissenschaft (al-muṣṭalaḥ)

8. Die Ḥadīṯ-Wissenschaft (ʿilmu l-Ḥadīṯi)

Kurze Beschreibung der acht Grunddisziplinen der klassischen Theologie

 1. Die Dogmatik befaßt sich mit dem Erweis der theoretischen Lehren der Offenbarung durch Argumente, die Gewißheit begründen. Ihr fällt auch die Aufgabe zu, die Wahrhaftigkeit der Offenbarung rein rational zu zeigen und damit die Grundlage für alle übrigen theologischen Wissenschaften zu legen, weshalb sie es ist, die an der Spitze des Stufenbaus der theologischen Wissenschaften steht. Epistemologischer Status ihrer Ergebnisse: Wissen (ʿilm).

2 Die Prinzipienlehre zur praktischen Theologie hat die Regeln zum Inhalt, gemäß derer die praktische Theologie die Normen der Offenbarung für das Handeln aus den Erkenntnisquellen für die Offenbarung gewinnt. Epistemologischer Status ihrer Ergebnisse: Wissen (ʿilm) und Vermutung (ẓann).

3. Die praktische Theologie hat die Aufgabe, die Normen der Offenbarung für das Handeln aus den Erkenntnisquellen für die Offenbarung zu gewinnen. Nach sunnitischer Auffassung können die Normen, die Gott für unser Handeln setzt, nur aus der Offenbarung gewonnen werden, da Gott in seinem Wirken – und damit auch in seinem Normsetzen – völlig frei ist. Die wichtigsten Erkenntnisquellen für die Offenbarung sind Koran, Sunnah (die Worte und das Handeln des Gottesgesandten), Konsens (al-ʾiǧmāʿ: die Übereinstimmung aller Gelehrten einer Generation) und Analogieschluß (al-qiyās). Epistemologischer Status der Ergebnisse der praktischen Theologie: Vermutung (ẓann) oder Wissen (ʿilm).

4. Die Wissenschaft vom Sufi-Weg: Sie ist als eine religiöse Psychologie anzusprechen, deren Ziel darin besteht, die negativen Eigenschaften der Seele zurückzudrängen oder diese gar von jenen zu läutern. Sie ist nach dem Verständnis der klassischen Theologen wohl nur zum Teil als eine strenge Wissenschaft anzusprechen. Jedenfalls habe ich keine expliziten Aussagen zum erkenntnistheoretischen Status ihrer Ergebnisse finden können.

5. Die Wissenschaft von der richtigen Aussprache und den Lesarten des Koran: Ihr Gegenstand ist die Textgestalt und richtige Rezitation des Koran. Der Koran ist nach Auffassung der klassischen Theologie nicht nur hinsichtlich seines Inhalts, sondern auch im Hinblick auf seine konkrete sprachliche Form Offenbarung Gottes und sein Text vielfältig bezeugt (mutawātir), d. h. von einer so großen Zahl Überlieferer übereinstimmend überliefert worden, daß kein Zweifel daran bestehen kann, daß der Wortlaut vorliegt, den Muḥammad seinen Zeitgenossen verkündet hat.

Außerdem wird der Koran als das hauptsächliche Beglaubigungswunder für den Gottesgesandten Muḥammad angesehen, denn trotz der Aufforderung Muḥammads an seine Gegner, etwas hervorzubringen, das einem Abschnitt aus dem Koran als Sprachkunstwerk gleichkommt, um seinen Anspruch, Gottesgesandter zu sein, zu widerlegen, konnten diese, obwohl sie zunächst viel zahlreicher als seine Anhänger und viele von ihnen Künstler des Wortes waren, solches nicht leisten. Epistemologischer Status ihrer Erkenntnisse: Wissen (ʿilm).

6 Die Koranauslegung: Sie ist bestrebt, die inhaltliche Bedeutung der Koranverse, so wie sie von den Zeitgenossen des Gottesgesandten verstanden wurde, zu ermitteln. Erkenntnistheoretischer Status ihrer Ergebnisse: zum geringen Teil Wissen, zumeist Vermutung.

7 Die Prinzipienlehre zur Ḥadīṯ-Wissenschaft: Ihr Gegenstand sind die Regeln, nach denen die Autorität der ḥadīṯe bestimmt wird. […] Epistemologischer Status: wohl zumeist Vermutung.

8 Die Ḥadīṯ-Wissenschaft (ʿilmu l-Ḥadīṯi): Da der Gottesgesandte hinsichtlich der Übermittlung der Botschaft Gottes an die Menschen unfehlbar ist – hat Gott ihn doch durch das Beglaubigungswunder als wahrhaftigen Überbringer seiner Offenbarung ausgewiesen – sind alle seine Worte und Handlungen, die Sunnah genannt werden, soweit sie religiöse oder das Handeln normierende Bedeutung haben, Erkenntnisquelle für die Offenbarung.

Die Berichte über die Worte und das Handeln des Propheten werden als Ḥadīṯ bezeichnet. Anders als der Text des Koran sind die meisten dieser Berichte (ḥadīṯe) nicht vielfältig bezeugt überliefert, so daß sie kein Wissen, sondern nur Vermutung von dem in ihnen Berichteten begründen können.

Da sie kein Wissen begründen können, kommt die große Mehrheit der ḥadīṯe nur als Erkenntnisquellen für praktische Normen der Offenbarung in Frage, und da Vermutung graduelle Unterschiede aufweisen kann, eignet verschiedenen ḥadīṯen, abhängig von bestimmten Faktoren, die die Stärke der Vermutung bedingen, die ein ḥadīṯ zu zeitigen vermag, eine unterschiedliche Autorität, über die Offenbarung Auskunft zu geben.

Die Aufgabe der Ḥadīṯ-Wissenschaft besteht nun darin, die Autorität der einzelnen ḥadīṯe zu bestimmen. Darüber hinaus gehören zu ihr noch zahlreiche andere Teildisziplinen, die verschiedene sprachliche und inhaltliche Aspekte der Ḥadīṯ-Literatur zum Gegenstand haben. Erkenntnistheoretischer Status: Vermutung.

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Obenstehende geistige Nahrung wurde in Gänze und unverändert einem Skript Herrn Dr. Bakkers genommen. Herr Bakker stellte uns jene Textsammlung während des Wintersemesters 12/13 während eines Einführungsseminars zur Verfügung. Die Übersetzungen findet sich auch in seiner hier empfohlenen Dissertation.

Wer mit den erkenntnistheoretischen Begriffen „Wissen“  (ʿilm) und „Vermutung“ (ẓann) nichts anfangen kann, der lese am besten den Reader zur Einführung in die Erkenntnistheorie.