Laurie Penny schreibt in ihrem Buch: „Fleischmarkt – weibliche Körper im Kapitalismus“ über die Hausfrauenrolle, den Mythos um sie und wie sie in der Narrative des Kapitalismus retroperspektiv begründet wurde. Diesen Abschnitt zu lesen brachte mich zu der Überlegung, ob vielleicht nicht auch unser Bild von unserer eigenen Geschichte verändert wurde? Wenn wir den Druck des Westens auf die muslimische kolonialisierte Welt in diesem Zeitraum beachten, wie es z.B. Thomas Bauer und andere darstellten, scheint dies eine interessante Forschungsfrage zu sein. Beispielsweise nahmen die ersten Universitäten in muslimischen Ländern keine Frauen auf – weil das Anfang des 20. Jahrhunderts noch modern war. Viktorianische Bilder der Sexualität und der Abscheu gegenüber dem eigenen offenen Umgang mit Sexualität waren ja auch Produkte, die einhergingen mit dem Versuch, dem Westen bzw. dem Fortschritt nachzueifern. Hier der Abschnitt:

Historikerinnen wie Leonore Davidoff und Catherine Hall haben beschrieben, wie zwischen 1780 und 1850 die unterschiedlichen Lebensbereiche für Männer und Frauen entstanden, indem Arbeitsplätze außerhalb des Hauses geschaffen wurden und eine private, häusliche Sphäre für die Frau entstand, sodass die Prozesse der Produktion und Reproduktion formal und symbolisch getrennt wurden. Die einfachen Tätigkeiten des Erschaffens und Erhaltens von Leben passten nicht mehr in die profitorientierten, gewinn- und zielgerichteten Vorstellungen der kapitalistischen Gesellschaft, mussten aber nach wie vor verrichtet werden, und zwar weit genug weg von den Fabrikgeländen, die nach dem Inkrafttreten der Gesetze gegen Kinderarbeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz offiziell keine Orte für Kinder mehr waren. 1737 hatten noch über 98% der verheirateten Frauen in England außer Haus gearbeitet, während 1911 über 90% der Frauen nur als Hausfrauen beschäftigt waren. Ivan Illich nennt diesen Prozess »das Einschließen der Frau«.[Davidoff, L., Worlds Between: Historical Perspectives on Gender and Class, Polity Press, Cambridge, 1995.]
Die Trennung des häuslichen Bereichs von der öffentlichen Welt der profitorientierten Arbeit und des bürgerlichen Lebens wurde von wichtigen gesetzgeberischen Maßnahmen untermauert: Verheirateten Frauen wurde offiziell verboten, Eigentum zu haben oder Verträge zu schließen, sodass sie aus der Geschäftswelt ausgeschlossen wurden. Der 1832 durchgesetzte Reform Act sorgte dafür, dass Frauen der Status des politischen Bürgers zum ersten Mal explizit verweigert wurde, sodass sie in aller Form innerhalb des Hauses isoliert blieben.
In einer Ausgabe des New Internationalist erklärt Debbie Taylor in ihrem Editorial über die Politik der Hausarbeit, dass es zwar »Hausarbeit gibt, seitdem es Häuser gibt, in denen Menschen leben, die Rolle der Hausfrau aber eine ziemlich neue Rolle ist – die ausschließlich in industrialisierten Gesellschaften existiert«. [Taylor, D. (Hrsg.), »Life Sentence: The Politics of Housework«, , Issue 181, März.] Die Soziologin Anne Oakley formuliert es folgendermaßen: »In anderen Kulturen leben Menschen auch in Familien zusammen, aber es gibt nicht notwendigerweise Hausfrauen. Vielmehr gibt es Frauen, Männer und Kinder, deren Arbeitsfelder ineinander verwoben sind wie die farbigen Fäden eines Teppichs. Gemeinsam schaffen sie ein Zuhause und sichern den Lebensunterhalt und das Überleben der ganzen Familie.«[ebd.] Als es notwendig wurde, die Hausarbeit in die billigen Randbereiche der profitorientierten Industriegesellschaft zu zwängen, wurde die Geschichte kurzerhand so umgeschrieben, dass Hausarbeit als die von Gottes Gnaden bestimmte weibliche Rolle gesellschaftsfähig wurde.

Gerade als diese brutale Zweiteilung der Familie konkret wurde, erschien Darwin auf der ideologischen Landkarte und zerstörte unter anderem die überkommenen jüdisch-christlichen Entschuldigungen für die weibliche Häuslichkeit. Also musste eine neue stimmige Erklärung für die Hausarbeit her und zwar schnell. So wurde der vom christlichen Geschichtsverständnis befreite ›Jäger-Sammler‹-Mythos der Frühgeschichte der Menschheit explizit als Dichotomie formuliert: männliche Jäger versus weibliche Sammler. Die Tatsache, dass man in einigen akademischen Kreisen davon ausgeht, dass die menschliche Gesellschaft im Paläolithikum matriarchal war und Göttinnen verehrt wurden, scheint der Vorstellung, das frühe weibliche ›Sammeln‹ habe auch die Kinderaufzucht, das Kochen, Nähen und Saubermachen umfasst, nicht zu widersprechen. Im Fall von Wilma Feuerstein gehört sogar das Tragen von steingemeißelten Stilettos und das Schwingen eines staubsaugenden Minimammuts dazu: Aber all das sind Beschäftigungen, die in Wirklichkeit keinen prähistorischen, sondern postindustriellen Normen weiblichen Verhaltens entsprechen. Die Trennung der Arbeitswelt in die höherwertige, produktive und die minderwertige, reproduktive und häusliche Sphäre ist der menschlichen Gattungsorganisation nicht immanent, es ist eine neuere Entwicklung. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Mechanismen des industriellen Kapitalismus und der damit zusammenhängenden Urbanisierung das Konzept der Heimstatt auf die Grenzen eines Hauses reduziert. In diesem Prozess entstand ein der Massentierhaltung ähnliches System der erzwungenen Frauenarbeit. Kein Wunder, dass keiner mehr die Hausarbeit machen will.
Mit dem revolutionären Feminismus der 1960er Jahre, der in den häuslichen Gefängnissen der weißen Mittelklasse begann, wurde der Glanz der goldenen Käfige der Häuslichkeit stumpf. Heute ist für Männer und Frauen klar ersichtlich, dass ›Hausarbeit‹ zu einer Falle wurde. Aber eine Antwort auf diese Entwicklung sind wir als vernünftige, denkende Wesen schuldig geblieben. Der Feminismus hat im Bereich der Frauenarbeit außerhalb des Hauses entscheidende Fortschritte erzielt, was man von der Männerarbeit innerhalb des Hauses aber leider nicht annähernd behaupten kann. Der Feminismus hat den alten patriarchalen Handel zwar verbessert, aber nicht beendet.<<

Daher stellt sich die Frage, ob das „konservative“, „traditionelle“ Rollenbild wirklich diese zwei Adjektive verdient. Eine Hinterfragung der Vorstellungen davon, dass z.B. Frauen in muslimischen Ländern einzig die Option als Hausfrau und Gebärmaschine hatten [wie es die unterschiedlichsten Extremisten pflegen] scheint also notwendig.