Bei unserer letzten Mahlzeit besprachen wir, wie ungenießbar Extremismus in der islamischen Religion eigentlich ist. Wir führten die Worte des Gottgesandten – Frieden und Segen seien auf ihm – an, der davor warnte. Zwar könnten noch viele andere Beispiele erwähnt werden  – und so Gott erlaubt, köcheln noch ein paar Süppchen hierzu – doch wir wollen uns nun ansehen, wie Extremismus unter Muslimen denkt und arbeitet. Jeder, der dies liest und sich als Muslim sieht, sollte sich selbst überprüfen. Sieht er ein oder mehrere Punkte, die auch auf sein Weltbild zutreffen, sollte er vielleicht schnell zum Gegengift greifen. Diese Punkte sind wie ein Schimmelpilz – er wird nicht bemerkt und breitet sich unter der Oberfläche aus. Wenn der Schimmel sich auf verdorbenem Essen sichtbar macht, war das Essen schon vorher verdorben. Extremismus ist eine Krankheit, die sich langsam in uns ausbreitet. Wie der Schimmel – nur kann verdorbenes Essen nicht mehr gerettet werden. Verdorbener Glaube jedoch – den kann und müssen wir retten. [1]

  1. Extreme Einstellungen pflegen ein Schwarz-weiß- Denken.

Jemand stelle sich einen Gast vor, den man zum Essen einlädt. Für den Gast gibt es nur zwei Kategorien des Essens: Scheußlich und Grandios. Mit diesem Gast wird man meist Probleme haben. Es genügt ihm dann nicht nur, das Mahl als scheußlich abzutun, sondern er muss auch noch unendlich lang lamentieren, wie ihn das Scheusal, nun in seinem Bauch, aufregt.

Das Beispiel trifft jene Muslime und Menschen, welche die Welt in zwei Lager aufteilen: Die Kuffār und die Muslime; die wahren Muslime (meine Gruppe) und die falschen Muslime; meine Denkschule (ob Ḥanafī, Sunnī etc.) und die anderen falschen Schulen; mein spiritueller Pfad, mein spiritueller Meister; wir allein gegen den Rest. Die Erneuerer gegen uns – die Bewahrer der Sunna. Die falschen Gelehrten gegen uns Aufgeklärten. Ich, mein Trupp, wir gegen alle – ana rabbukum ul-ʾaʿlāich bin euer höchster Herr, wie es auch der Pharao verkündete. Pharao sah sich und seine Gruppe als die höchste Macht und Autorität, sich selbst auf der einzigen Wahrheit – auch wenn der ihm gegenüber in Wissen, Weisheit und Erkenntnis überlegen war. Die Meister des spirituellen Pfades (ahl ut-taṣawwuf) haben diese Krankheit des Egoselbst als die ‚ananīya‘ bezeichnet, als Selbstsucht, Egoismus. Dieses Denken führt zu Flausen wie Banū-Islām-Denken. Muslime werden als ein Stamm angesehen, dem absolute Loyalität gebührt und Praktiken der Barbarei (auch: ǧāhilīya) werden wieder eingeführt. Die ʿAṣabīya – etwas, was der Prophet vehement abschaffte –, der Zusammenhalt gegen Außenstehende und zwar in jedem Fall, wird im neuen Gewand eingeführt, genährt von Ideen des Nationalismus, nur umgemünzt in muslimisches Denken. Die Muslime seien daher immerzu gut, die Nichtmuslime aber das ultimativ Böse, die kein Mitleid verdienen. Ich musste sogar einmal zu meinem Entsetzen mir anhören, wie jemand sagte, über die ISIS solle nicht gesprochen werden, da sie letztlich auch Geschwister sind und wir ja nicht wirklich wissen, was die machen. Unter vielen Muslimen ist auch eine erhebliche Staatsskepsis vorhanden. Der Gedanke herrscht vor, der Staat würde ständig und überall gegen die Muslime kämpfen. Die Medien, so las ich erst letztens auf Facebook, würden „bis ins Kleinste gegen den Islam kämpfen und ihn versuchen zu zerstören.“ Interessant ist, dass die anderen extremen Gesinnungen – PEGIDA, AFD und die Rechten – eben jene Medien als „Lügenmedien“ beschuldigen, da diese „die Islamisierung in Deutschland decken“ und sie antreiben, während der Staat „an der Einführung der Scharia“ arbeite. Das all dies Humbug ist, sollte jedem klardenkenden Menschen bewusst sein – aber hier ist erkenntlich, welche Paranoia beide extreme Gesinnungen beherrscht.

Menschen können nicht in grobe Kategorien eingeteilt werden (oder überhaupt in welche) – jeder, der damit beginnt, zeigt wie einfach sein Denken gestrickt ist. Wenn über Muslime geschimpft wird, verlangen die Muslime „Differenzierung“, auch jene mit extremen Gedanken. Schimpfen sie aber über den Kāfir, oder gar über „die Deutschen“, dann bieten sie selbst aber keine Differenzierung. Dabei dürfen Gesinnungen anderer nicht verwendet werden, um sie zu beleidigen oder sich über sie lustig zu machen. Beleidigungen überhaupt, wie auch das Herziehen und Lästern, (und sei es auch „nur“ „du/dieser dreckige KāfirMušrik Mubtadiʿ – Alman!“) sind von Gott verboten. Gott selbst gebietet, nicht die Götter der Götzendiener zu beleidigen, da dies eine Reaktion nach sich ziehen könnte: dass sie Allah beleidigen. Die Rechtsgelehrten stellten auch klar: wenn ein Muslim einen Nichtmuslim „Kāfir“ ruft, und dies den Nichtmuslim verletzt, dann wurde eine Sünde begangen. Die Ahl ut-taṣawwuf verkündeten absolute Demut. Ihren Schülern erklärten sie, solange sie sich selbst nicht niedriger als ein Straßenköter sehen, würden sie nicht einmal den Hauch der Gotteserkenntnis genießen. Auch gegenüber dem Nichtmuslim hat sich der Muslim demütig zu zeigen – er solle denken, wüsste dieser Menschenbruder, was ich weiß, dann wäre er ein weitaus besserer Mensch und Muslim, als ich es sei kann.[2]

Leider aber werden Stereotype gepflegt, die im Sinne der Selbsterfüllenden Prophezeiung dann auch eintreffen. Feindbilder werden dann ständig am Leben gehalten – und ständig lamentiert. Dabei sagte der Gottgesandte: „Sprecht Gutes oder schweigt!“, das Lamentieren über die bösen Anderen gehört nicht zu dem „guten Reden“. Auch sagte der Gottgesandte, dass ein Zeichen dafür, dass sich Gott von jemanden abgewandt habe, es sei, dass er sich mit Dingen beschäftige, die Unnütz sind – und dass das Gute eines Muslims ist, dass er ignoriert, was ihn nichts angeht. Prophetische Leitung, die bei Einhaltung viele Muslime verändern würde. Wir beschäftigen uns konstant mit Dingen, die uns eigentlich de facto nichts angehen. Oft tangiert das, was in den Medien etc. läuft, unseren Alltag weder direkt noch indirekt.

  1. Unhinterfragte Loyalität zur eigenen Gruppe und Meinung.

Die Einteilung gebärt die Loyalität zur eigenen Gruppe und Ansicht. Dies nährt eine gesteigerte Antipathie gegen die anderen. Die muslimischen Verbände werden verteufelt, da sie nicht handeln, wie es meine Gruppe als richtig sieht – auch wenn die sich vielleicht viel mehr Gedanken gemacht haben und viel mehr Erfahrung haben. Muslime und ihre politischen Führer werden als die „Stiefellecker“ des Westens dämonisiert, während Gelehrte aufgrund politischer Anschauungen, die meinen nicht entsprechen, als „Palastgelehrte“ denunziert werden. Die eigene Gruppe – vielleicht nicht jedes Individuum in der Gruppe, doch die Gesamtheit der Lehre und Haltung – wird idealisiert und als die einzig richtige gesehen. Meinungsunterschiede in diesem Bereich werden nicht geduldet. Menschen, die nicht der eigenen Gruppe angehören, werden gering geschätzt. Zwar kann dies das Ergebnis einer normalen Gruppendynamik sein, jedoch ist es eben die gesteigerte Antipathie, wie sie in Sozialen Medien, Foren und im „Real Life“, das Problem. Respekt und Toleranz dem Anderen gegenüber geht verloren. Die Gemeinschaft der Muslime (umma) – ob größter Sünder oder Heilige – wird beschränkt auf die Gemeinschaft der eigenen Gruppe.

  1. Extreme Gesinnungen sind zumeist antiintellektuell, antitraditionell oder antitheologisch.

Das bedeutet, diese Menschen suchen nach einfachen Antworten und Erklärungen der Welt. Je einfacher, simpler und schneller die Antwort, desto besser. Klare Antworten sind erwünscht. Graustufen gefährden die extreme Gesinnung. Es gibt nur eine Wahrheit – nur eine Rechtschule (maḏhab), eine einzige richtige Meinung (die zufällig meine Gruppe hat und nicht die anderen, die ein klein wenig zu dumm waren dafür) und nur eine ʿAqīda.  Der Traditionen der Kulturen sowie der islamischen Wissenschaften gegenüber wird entweder eine vollständige oder nur partielle Ablehnung entgegengebracht. Fiqh (praktische Theologie) oder theoretische Theologie werden vielleicht rudimentär akzeptiert oder gelernt, aber es wird eine Neuorientierung – oder Rückorientierung – gefordert. Kulturelle Elemente werden im Sinne der Moderne ihrer inne liegenden Bedeutungen beraubt und aufgelöst – und eine eigene Leitkultur wird entwickelt.

Dabei aber ist beispielsweise der Respekt vor Iḫtilāf – vor Meinungsunterschieden – so unglaublich wichtig. Imām al-Mawardī war so gebildet über die verschiedenen Positionen der unterschiedlichsten Gelehrten des Islams im Bereich der Praktischen Theologie, dass er für jeden Muslim eine Entschuldigung fand, egal welche Handlung diese Person tat. Er dachte sich nämlich, der wird in diesem Bereich wohl Imām XY folgen. Der große Muǧtahid Imām, Sufyān al-Ṯawrī, auch bekannt als einer der größten Meister des spirituellen Pfades – also sehr wohl bekannt für seine Gottesfurcht und seine Vorsicht – sagte: „In welchen Angelegenheiten die Gelehrten der Praktischen Theologie auch Meinungsverschiedenheit hatten, so verbiete ich keinem meiner Brüder davon Gebrauch zu machen. Wenn eine Person eine andere Person eine Handlung begehen sieht, bei der die Gelehrten Meinungsverschiedenheit haben und diese Person vertritt eine andere dieser Positionen, so soll sie ihr diese Handlung nicht verbieten.“ Auch wenn es eine Diskussion gibt unter den Gelehrten, ob jeder Muǧtahid (hochkompetenter Rechtsgelehrte) wirklich das von Gott intendierte Urteil trifft, gibt es eine Übereinkunft, dass keiner jemals wirklich herausfinden wird, was das intendierte Urteil Gottes hinsichtlich dieser Angelegenheit wirklich war. Dies wird uns erst im Jenseits klar werden. Dort jedoch wird Gott jeden Menschen nach dem Urteil des Gelehrten behandeln. Wenn irgendwer irgendeine andere Ansicht vertritt, auch wenn dies nicht die „korrekteste“, „beste“, oder „Fatwa“ Ansicht ist, hat keiner das Recht, diese Person dafür gering zu schätzen, wenn er hierin einem Imām folgt. Denn in den einschlägigen Rechtsbüchern heißt es: „Der Muǧtahid ist ein Schild zwischen Diener und Gott.“ Letztlich wird der Muǧtahid die Sünde tragen, nicht jener, der dem Muǧtahid folgte.

Wenn jetzt jemand denkt, diese Meinungsverschiedenheiten würden ja nur kleine Bereiche betreffen, wie z.B. wo die Hände im Gebet gehalten werden, so täuschen sich diese Personen. In den Büchern des Fiqh gibt es zu fast allen Themen Meinungsverschiedenheiten – die variieren dann von verboten bis geboten oder erlaubt. Hier straucheln auch die vermeintlichen Traditionalisten. Wenn nämlich die Meinung einer Maḏhab zu konträr gegen die eigene geht, dann kann dies auch schon zur Verfeindung führen. Vom großen Imam al-Awzāʿī (gest. 157 AH) wird folgende Warnung überliefert: „Von fünf Positionen der Schule des Hedschas und der Schule des Irak sollst du dich fernhalten: von den Positionen des Hedschas meide 1. das Anhören von unterhaltender Musik, 2. die Zeitehe (mutʿa), 3. den Analverkehr, 4. der Sarf Handel (eine Umgehung des Zinsverbotes, auch Riba al-fadl), 5. das Zusammenlegen zweier Gebete ohne Grund [und ohne Reise]. Von denen der Iraker meide 1. die Erlaubnis Alkohol zu konsumieren, der kein Wein ist (nabīḏ), 2. das Verzögern des ʿAṣr Gebetes (Nachmittagsgebet) bis der Schatten die vierfache Länge erreicht hat, 3. dass an keinem Ort der Welt außer in sieben Moscheen das Freitagsgebet gültig ist, 4. die Flucht vor der Schlacht und 5. im Monat Ramadan nach Anfang des Frühgebetes zu essen.“ Imam al-Awzāʿī war gegen diese Positionen, doch Ṣaḥāba und andere Muǧtahidūn – Gelehrte auf dem gleichen Niveau des Imam al-Awzāʿī und vielleicht von höherem Rang – waren dieser Ansichten. Dies ist eine persönliche Empfehlung. Wir erinnern hier nochmal daran, wozu dieser Blog steht. Keiner soll hier Handlungsnormen für sich ableiten.

Das ist nur eine der Beispiele für die Probleme, die eine Abwendung von diesem reichen Schatz mit sich zieht – doch sie zieht noch viele andere Probleme mit sich. Sei es nun die Anfeindung der eigenen Kultur oder des Kulturraumes, in der sich jemand befindet, sei es die Ablehnung der Gelehrten und so weiter. Wie zu sehen ist, gehen all diese Punkte Hand in Hand.

  1. Extreme Gesinnungen bieten oft ein direktes und persönliches Gefühl von Spiritualität.

Dieses Gefühl entsteht durch Assoziierung, Gruppendynamik und Aktionismus. Hier geht es aber in erster Linie nicht mehr um die Religion, ihren Heilscharakter auf den Menschen, die Selbsterziehung, die Erlösung von Egoselbst und üblem Charakter und das Erreichen des Wohlgefallen Gottes. Es geht um Religion als Weltanschauung, Ideologie, als System und Programm. Die Gruppe arbeitet nicht mehr für Gott – zwar denkt sie, ihre Arbeit sei ja indirekt für Gott – aber ihr Gott ist nun – in unserem Fall – der Islam. Der Islam sagt, der Islam tut, der Islam verlangt. Die gemeinsame Arbeit an dieser religiösen Sache, die religiöse Verpflichtung und gar Berufung ist es, was diese Gruppen auszeichnet. Dies kann zu einem regelrechten Wahn werden. Er zeigt sich beispielsweise im immensen Missionierungsdruck anderer, um die eigene Lehre zu verbreiten. Es wird geworben mit dem „globalen Jihad“ – der „vernachlässigten Pflicht“, welcher einzig nach unserem Verständnis und unserer Gruppe erfüllt werden kann, oder die vergessene Pflicht der Kalifatsgründung und zwar nur das Kalifat nach unserer Vorstellung. Das einfache Leben der Religion, das Arbeiten an einem Selbst und das vorbildhafte Leben stehen an zweiter Stelle. Die Mission muss getragen werden, die Revolution muss leben – viva la revolution! Da ist es nur verständlich, dass eine Jahrzehnt lange Arbeit am eigenen Charakter, am Ego und dergleichen, als unnötig abgetan wird. Das ist viel zu nachhaltig, viel zu langatmig. Leider aber genügt diese direkte Spiritualität für dieses langatmige Unterfangen nicht und es kommt zu einem Burnout. Die Konsumgesellschaft beeinflusst uns so sehr, dass wir sie auf die Religion übertragen. Keiner schaut 40 Minuten Videos, keiner liest lange Artikel (wie diesen, der schon zu lang geworden ist).

  1. Sie bietet Identität in der Moderne.

In der Moderne vermischen sich die Kulturen und Identitäten und durch die Raubtierkultur des Globalismus, der Monokultur, geht sie verloren. Daher, entgegen der Moderne, werden klare Identitäten, Rollenbilder, Vorstellungen und Hierarchien ins Absolute gesetzt. Frauen gehören somit in die Küche, Männer in die Daʿwa, auf die Arbeit oder eben in den Jihad. Wir sind Muslime – doch halt, wir sind nicht nur Muslime wie die anderen zwei Milliarden und paar Zerquetschten, sondern wir sind DIE Muslime! Wir folgen XY wahrhaftig, wir haben die Ungerechtigkeit der Gelehrten und der Tyrannen durchschaut. Wir bringen die Lösung für die Welt. Wir sind Träger der Botschaft. In der Finsternis sind wir das Licht. Wir sind „Ġurabā“, die Fremden, welche der Prophet lobte. Diese Floskeln schaffen Identität, geben in einer Welt, in der Individualisierung so groß geschrieben wird, Orientierung und Halt. Die eigene Orientierungslosigkeit findet für den Moment Ruhe.

  1. Schneller Zugriff auf Wissen ohne Tiefgang.

Broschüren, Pamphlets, CDs, YouTube Videos und einfache Antworten  werden geboten. Zwei Koranverse zitiert, zwei Hadithe serviert und schon ist ein verdauliches Mahl angerichtet. Kurzseminare, YouTube Fatwas und Predigten. Alles ist da – man muss es nur in Anspruch nehmen. Das Themenangebot aber variiert nicht – (Wo ist Gott? Ist das Ḥarām? Ist das Bidʿa? Wer sind XY etc.), es gibt keinerlei kritische Auseinandersetzung mit eigenen Positionen. Einzig die Verkleidung und Verpackung oder das Maskottchen ändert sich. Das Gegenüber wird mit Strohmann-Argumenten besiegt und dämonisiert. Es wird gewarnt vor den anderen Gelehrten – argumentum ad hominem, der Angriff der Person anstelle der Idee, ist an der Tagesordnung. Ein Argument, welches schon die Gelehrten als nichtig erachteten.

  1. Die Gelehrtentradition und Lehre wird nur teilweise rezipiert.

Bruchstücke von Tatsachen und Fakten oder Gelehrtenmeinungen werden benutzt, um das eigene Weltbild zu konstruieren. In Punkt drei gingen wir ja schon näher darauf ein und wir werden dies im nächsten Teil noch genauer analysieren.

Zu Tatsachen und Fakten fallen mir etliche Beispiele ein, doch nur eines will ich – als kleinen Exkurs – erwähnen: Auf Facebook wurde ein Bild von Aleppo aus dem 19. Jahrhundert geteilt. Darunter war ein Bild von Aleppo aus dem Jahr 2016 zu sehen, eben nach der Zerstörung durch den Krieg. Untertitel des Bildes aus dem 19. Jahrhundert besagte: „Unter dem Osmanischen Kalifat“, und unter dem Bild aus der Neuzeit: „unter der Herrschaft des Dikators Asad, eingesetzt vom Westen“.  Als Hadith war dann angeführt: „Der Imām ist ein Schild, der die Umma schützt.“ Mir kamen die Tränen – nicht. Die Message hinter dem gesamten Bild ist: Seht her, wie pöse der Westen und Asad sind, sie haben Aleppo zerstört, doch unter den Osmanen, da blühte Aleppo ja regelrecht auf, keiner Fliege wurde da was angetan! Der Kalif schützte gar die Tiere! Wir brauchen ihn JETZT, unseren Kalifen (aus unserer Gruppe).

Kritisches Hinterfragen ist nicht – was hat das eine mit dem anderen zutun? Nichts. Jeder, der ein wenig nachdenkt, versteht das. Das Traurige war, dass ich dies mit einem Schüler der islamischen Wissenschaften ausdiskutierte, der dieses Foto geteilt hatte. Wie traurig das war. Dann beweinte diese Gruppe unter den Kommentaren die Situation und riefen nach dem Kalifen – den Ritter in glänzender Rüstung, der auf weißem Schemel angeritten kommt und die im Turm eingesperrte Magd – äh Muslime  – vom Drachen befreit. Das an diesem Zustand maßgeblich die Muslime selbst Schuld sind, daran dachte anscheinend keiner.

  1. Der Fokus auf eine unmittelbare Krise.

Die Wiederholung und regelrechte Bombardierung mit der schlimmen Situation geschieht, um dieses Gefühl der Krise am Leben zu halten. Die Krise ist ja an sich wahr. Weltweit leiden Menschen – nicht nur Muslime. Doch das Gefühl des Schocks, der Empörung, der Übelkeit – diese werden am Leben erhalten durch das ständige Wiederholen und Erwähnen. Es müsse endlich was getan werden – und zwar das, was unsere Gruppe lehrt. Nur dann bewältigen wir die Krise. Es ist eine emotionale Ausbeutung.

Im nächsten Artikel werden wir behandeln, wie die Tradition der Gelehrten von Extremisten jeder Gattung missbraucht wird. Ein großes Problem stellt die Unfähigkeit dar, die Texte in unserer Zeit zu verstehen. Was einen wirklich traurig macht ist, dass manche Hocas und Gelehrte leider dieses Denken fördern. Wer sich beispielsweise im türkischen Raum oder englischen Raum (da aber beachtlich weniger als im türkischen) umhört, wird viele dieser erwähnten Punkte bei manch einem Gelehrten oder bekannten Prediger finden. Noch trauriger wird es, wenn das auch noch Personen sind, die wirklich Wissen haben.  Diese Punkte sind verknüpft miteinander und der rote Faden ist das Schwarz-weiß-Denken, die Vereinfachung der Welt und die oberflächlichen Antworten. Dies wird auch im Umgang mit den Texten gepflegt.

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[1] Viele der hier erwähnten Marker oder Faktoren, die zu Extremismus führen, sind von Dr. ʿUmar Farūq Abdallah, Islamic Extremism in the Context of Globalism; von Laurence R. Iannaccone und Eli Berman, Religious Extremism: The Good, the Bad and the Deadly, in: Publice Choice, Vol. 128, Nr. ½, The Political Economy of Terrorism, S. 109 – 129; Shamit Saggar, The One Per Cent World: Managing the Myth of Muslims Religious Extremism, in: The Political Quarterly, Juli – September 2006, Vol. 77, Nr. 3; Ḥamza Yūsuf, Overcoming the Challenges of Extremism. Lesenswert ist auch Laurence R. Iannaccone, Religious Extremisms: Origins and Consequences, in: Contemporary Jewry, Vol. 20, Issue 1, 1999, S. 8 – 29.

[2] Siehe den Šarḥ des Imām Nawawī zum Hadith: „Keiner von euch ist wahrhaft gläubig, bis er seinem Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht.“