In einer Zeit, da vielerlei Menschen behaupten, man dürfe während des Gottgedenkens nicht an die Freunde Gottes denken, da dies einer Beigesellung gleichkäme, ein schöner Text. Dem ganzen sei vorausgesagt, dass niemand während des Gottgedenkens an Gott selbst zu Denken vermag, da dies schlichtweg unmöglich ist. Wir wissen, dass Gott nicht sinnlich fassbar ist, dem Geschaffenen nicht ähnelt – und dass unsere Gedanken geschaffen sind, weshalb hieraus nur folgen kann, dass alles von uns Gedachte oder Vorgestellte niemals Gott sein kann, da geschaffen. Woran aber denken wir dann im Gottgedenken? An Schöpfung, da ja bereits unsere Gedanken erschaffen wurden – und woran wäre es lohnender zu denken, denn an das beste Geschöpf ʿalayhi salām oder seine Erben, jene, welche die Welt zusammenhalten und die Menschen seinem Erbe folgend zum Allhöchsten und zur Entwerdung leiten.

Nun aber ans Eingemachte:

Das Verstehen der Aussage der Meister der Weisheit: „Wir können Allah nicht kennen, aber wir kennen Dich!“ Von Ḫwāǧa ʿAlā ad-Dīn al-Abizī, dem Gefährten von Mawlāna ʿAbd ar-Raḥmān al-Ǧāmī

 

Mawlāna ʿAlā ad-Dīn al-Abizī war ebenfalls ein Gefährte von Mawlāna Saʿd ad-Dīn Kašgarī. Er stammt aus einem Dorf namens Abiz in der Provinz Kuhistān. Nach dem Tod des ehrenwerten Mawlāna Saʿd ad-Dīn fuhr er in den Diensten des ehrenwerten Mawlāna Ǧāmī fort. Jener behandelte ihn mit großer Fürsorge und Aufmerksamkeit, sodass sein Charakter frischem, reinem Mutterboden glich.“

„(…) Der ehrenwerte Šayḫ ʿAbd al-Kabīr fragte eins Mawlāna ʿAlā ad-Dīn: „Als dein Šayḫ sind unbehaglich fühlte, was sagte er da zu dir?“ Mawlāna antwortete ihm: „Wenn du an meine Seite kommst, so nimm dich zusammen und gedenke Allah. Sogar wenn du fern von mir bist, darfst du nicht vergesslich werden und abfallen!“

Der Šayḫ fragte ihn: „Und womit hast du ihm geantwortet?“ Er antwortete: „Mit Schweigen.“ Der Šayḫ sagte: „Das war sehr unbedacht von dir! Du hättest sagen sollen: „Wir können Allah nicht kennen, aber wir kennen dich!““ {beziehungsweise: Wir können Gott selbst nicht gedenken, aber Deiner!“

Gemäß dem Autor des Rašaḥāt:

Einer der größten Gottesfreunde sprach: „Der Schüler sieht sich selbst in seinem eigenen Spiegel, doch er sieht sich nicht selbst im Spiegel seines Šayḫs.“ In Samarqand hörte ich den ehrenwerten Ḫawāǧa ʿUbayd Allāh sagen: „Da du nicht in der Lage warst Allah zu sehen, während ich am Leben war; was wirst du tun, wenn ich gestorben bin?“ Die Aussage von Šayḫ ʿAbd al-Kabīr muss ebenfalls in diesem Sinne verstanden werden. Was der ehrenwerte Šayḫ mitteilen will, ist nicht, dass man Allah nicht vom fundamentalen Standpunkt aus kennen und erkennen kann, oder dass die Erkenntnis des Göttlichen [mʿarifah al-ilahiyyah] von geringer Wichtigkeit wäre. Vielmehr will man dem Suchenden die Methode der Konzentration aufzeigen und ihn an diese Praktik binden. Der Vorreiter derer, welche durch direkte Erfahrung lernten, der ehrenwerte Āmir Ḥusayn, schreibt in seinen Werken: „Der Suchende muss in der Konzentration auf seinen spirituellen Führer vergehen [fanāʾ], sodass ihm inneres Wissen vom Angesicht seines Šayḫs offenbart wird.“

Wenn der Suchende sich bemüht sein Ziel nur über seinen Šayḫ alleine zu erreichen, so wird er sein Ziel erreichen […] Der Suchende muss sich deshalb selbst erinnern, dass der Weg zu Allahs Wohlgefallen das Wohlgefallen seines Šayḫs ist. Der Weg um bei der Wahrheit anzukommen, sich mit der Wahrheit zu verbinden, führt durch das Herz des  Šayḫs. In Wahrheit ist das Herz des Šayḫs die Heimstatt Allahs […] Dies bedeutet, dass die Weisheit, welche in der Aussage des ehrenwerten Šayḫs ʿAbd al-Kabīrs –„Wir können Allah nicht kennen, aber wir kennen dich!“- ebenfalls mit dieser Feinheit verbunden ist. Es ist gleichbedeutend mit der Aussage: „Du bist die Tür, welche zu Allah führt! Das Haus wird durch die Tür betreten!“ Sie zeigt dem Suchenden den Weg zu seinem Ziel.

[Entnommen aus: Rashahat ‘Ain al-Hayat [Beads of Dew from the Source of Life: Histories of the Khwajagan: The Masters of Wisdom]. Übersetzt ins Englische von Muhtar Holland. Al-Baz Publishing. S.194-5, 201-2. Übersetzt ins Deutsche von Matthias B. Schmidt.]