Gab es nur einen einzigen Adam – Friede auf ihm -, oder gab es tausende? Was würde das für uns bedeuten? Eine Frage, die sich zu erst ketzerisch und blasphemisch anhört. Die aber von Gelehrten ernsthaft behandelt wurde. Diesem hochinteressanten und kuriosen Thema begegnete ich in meinen Lesungen des Maktūbāt. Alles beginnt mit einer Frage an den großen Meister und Begründer der Naqšbandi-Muǧaddidī Tradition, Šayḫ Aḥmad Sirhindī (gest. 1624), möge Gott seine Seele reinigen, die er in seinen ‚Briefen‘ beantwortet. Thema des Briefes ist ein angeblicher Prophetenausspruch, Hadith, (von dem gesagt wird, er sei nach Kriterien der Hadithgelehrten zwar als ‚erfunden‘ zu deklarieren, aber durch die spirituelle Schau und Entschleierung (kašf) bestätigt). Der Brief fragt ebenfalls nach einem Geschehen, welches dem größten Meister (šayḫ ul-akbar) Muḥyiddīn ibn ʿArabī (gest. 1240) widerfahren ist und von dem er in seinem eigenen Werk Futuḥāt ul-makkīya berichtet.

Hier nun dieser interessante Brief:

>>Ihre Frage betrifft den Scheich Muḥyiddīn ibn ʿArabī – möge Gott seine Seele reinigen – und einen Hadith, den dieser in Futūḥāt al-makkīya überliefert. In diesem Hadith sage unser Prophet – Frieden und Segen seien auf ihm: „Gott, der Erhabene, erschuf tausende Adams.“ Muḥyiddīn ibn ʿArabī schreibt über einige Dinge, die er aus dem ʿĀlam al-miṯāl (Welt der Bedeutungen/Gleichnisse) gesehen habe:

„Als ich die Kaʿba umrundete, befanden sich einige Leute um mich herum. Ich kannte sie überhaupt nicht. Während der Umrundung rezitierten sie zwei arabische Verse. Einer dieser lautete:

„Nun für Jahre schon, gleich euch,

umrunden wir alle dieses Haus.“

Als ich dies vernahm, dünkte mir, die Personen müssen aus dem ʿĀlam al-miṯāl (Erscheinungen der Sphäre der Formen und Gleichnisse) sein. Während ich darüber nachdachte, sah mich einer an und teilte mir mit: „Ich bin einer deiner Vorfahren.“ Ich fragte ihn: „Vor wie vielen Jahren bist du denn gestorben?“ Da antwortete er: „Vor 40.000 Jahren.“ Ich war verblüfft über diese Aussage und sagte ihm, die Historiker behaupten doch, zwischen dem ersten Vater der Menschen Adam – Friede auf ihm – bis heute, seien nur 7000 Jahre vergangen. Da erwiderte er: „Welchen Adam meinst du denn? Ich bin das Kind des Adams, der vor dem 7000 Jahre alten Adam lebte.“ Daraufhin fiel mir dieser Hadith [der oben genannt wurde] ein.“ Ende des Zitates.<<

Für wen das schon zu scharfer Curry ist, der schließt jetzt am besten das Fenster und hört das Lesen auf. Was jetzt kommt, ist reinster Ghost-Chilli-Pepper gefüllt mit Habaneros: die Erklärung des Imam Aḥmad Sirhindī, die mehr Fragen aufwirft als Antworten zu geben:

>Mein geehrter Sohn! Das Wissen, welches diesem Armseligen von Gott, dem Erhabenen, über diese Angelegenheit gewährt wurde, sieht wie folgt aus:

Alle Adams, die vor dem ersten Menschen und Propheten Adam – Friede auf ihm – lebten, sind Teil des ʿĀlam al-miṯāl und nicht des ʿĀlam al-šahāda. In ʿĀlam al-šahāda, womit die für uns sichtbare materielle Welt gemeint ist, gab es nur den uns bekannten Adam, der ein Prophet war. Die Engel warfen sich vor diesem nieder. Gott, der Erhabene, formte den Menschen aus Lehm und verwandelte dies in Fleisch und Blut. Gott erschuf in Adam – Friede auf ihm – das Gleichnis einer jeden Sache. In Adam lagen viele Eigenschaften, Feinstoffe (laṭīfa) und Kräfte. Gott hatte lange vor seiner Erschaffung eines seiner Feinstoffe (laṭīfa), eine seiner Eigenschaften, schon lange Zeit vorher, in ʿĀlam al-miṯāl in seiner Form geschaffen und dieser Form den Namen Adam gegeben. Alles, was Adam widerfuhr und all seine Nachfahren, die bis zum Tage des Gerichts kommen sollten, brachte Gott gemeinsam mit ihren Namen im ʿĀlam al-miṯāl hervor. Sie alle lebten schon in ihrer [vergangenen] Zeit. Sie sind sogar Paradies und Höllenbewohner geworden, ihr Tag des Gerichts kam, sie wurden zur Rechenschaft gezogen und in das Paradies oder in das Höllenfeuer gesandt. Nach einer sehr langen, von Gott bestimmten Zeit, wurde eine der anderen Eigenschaften und Feinstoffe (laṭīfa) wie der vorherige geschaffen. Als auch deren Zeit vollendet war, kam die Zeit der dritten Eigenschaft und des dritten Feinstoffes. Nach dem Ende ihrer Zeit, kam die vierte Epoche der Eigenschaften und Feinstoffe im ʿĀlam al-miṯāl. Dies ging so weiter, bis alle Eigenschaften und Feinstoffe vervollständigt waren. Letztlich wurde Adam – Friede auf ihm -, der alle Eigenschaften und Feinstoffe in sich trägt, in der sichtbaren, materiellen Welt (ʿālam al-šahāda) geschaffen. Allah, der Erhabene, erwählte ihn als etwas wertvolles. Die hunderttausende Adams vor ihm waren nur Teile und Anfänge dieses Adams – Friede auf ihm.

Muḥyiddīn ibn ʿArabīs – möge Allah seine Seele reinigen – Urgroßvater, der vor 40.000 Jahren verstorben war, war eine der Eigenschaften und Feinstoffe eines seiner Urgroßväter der sichtbaren, materiellen Welt. Es war die Existenz einer dieser Eigenschaften und Feinstoffe in ʿĀlam al-miṯāl. Er hatte die prächtige Kaʿba in der ʿĀlam al-miṯāl umrundet. Denn, wie alles andere auch, hat die Kaʿba ein Gleichnis in der ʿĀlam al-miṯāl. Dieser Armselige [Imām Rabbānī – möge Allah seine Seele reinigen – meint sich selbst] dachte und forschte viel nach und kann keinen anderen Adam als den einen Adam in der materiellen Welt sehen. Ich finde nichts anderes als ihre Erscheinungen im ʿĀlam al-miṯāl. Die Aussagen einer Person, die vor 40.000 Jahren gelebt hat, er sei der Großvater, zeigt, dass die Adams vor Adam – Friede auf ihm – nur Erscheinungen der Eigenschaften und Feinstoffe Adams – Friede auf ihm – waren. Sie sind keine eigenständigen, von Adam getrennten Existenzen, denn die Söhne eines anderen Adams können nicht Urgroßväter der Söhne des einen Adams sein.<< (Band 2, Brief 58)

Das nächste Mal werden wir uns mit Paralleluniversen (?) beschäftigen. Richtig gehört: Auch dazu gibt es was.