Das Buch kommt schlicht daher, sieht nicht besonders appetitlich aus, ist aber ein echter Leckerbissen! Der Münsteraner Professor für Arabistik Thomas Bauer liefert uns ein „Schmankerl“ sondergleichen. Der Titel „Die Kultur der Ambiguität“ lässt einen zunächst innehalten und zumindest ich wusste zu Beginn nicht wirklich etwas damit anzufangen. Wer sich allerdings die Zeit nimmt und sich aufmerksam vom Anfang bis zum Ende des Buches durchbeißt, der wird das Wort „Ambiguität“ danach lieben und nie wieder vergessen!

Der Klappentext fasst den eigentlichen Inhalt des Buches gut zusammen:

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Stark vereinfacht erklärt bezeichnet die Kultur der Ambiguität nämlich eine Kultur und ein Denken, welches keine Eindeutigkeit verlangt und in der Lage ist mit Doppeldeutigkeiten umzugehen, mehrere Wahrheiten nebeneinander akzeptieren kann und will. Wir kennen dies aus dem Bereich des Fiqh und den Rechtsschulen, welche sich ja gegenseitig irgendwie akzeptieren, obgleich sie in vielerlei Fragen ganz unterschiedlicher Auffassung sind. In seinem Buch erweist Bauer einen tollen Lesefluss gewährleistend, dass alle Bereiche muslimischen Lebens von Ambiguität durchdrungen waren. Ganz gleich ob es die Religion, die Kunst oder die Sexualität der Menschen war.

Besonders bemerkenswert und für uns Muslime interessant ist allerdings, wie er den modernen Islamismus und das moderne Phänomen des Salafismus darstellt. Es wird in Zukunft auf diesem Blog noch einige Auszüge aus seinem Werk zu lesen geben, aber vorab gibt es eine klare Kauf- und Leseempfehlung. Dieses Buch ist zwar nicht gerade billig, allerdings jeden Cent wert. Wer einen Einblick in die vorkoloniale muslimische Gesellschaft erlangen, die Entwicklung der muslimischen Welt seitdem verstehen und mitreden möchte, der hat sich den Bauer unbedingt zu Gemüte zu führen. Dann wird wohl so mancher Leser merken, dass sein Islamverständnis und seine politischen Überzeugungen eigentlich sehr „westlich“ sind, obgleich er denkt, sie seien „islamisch“.