Kaum ein Wort ist in vielen muslimischen Kreisen solch ein Unwort wie das des „Islamismus“. Große Mitschuld hieran trägt wohl unter anderem die inflationäre und falsche mediale Benutzung jenes Begriffes, doch es soll hier nicht um das für und wider von Worten gehen – denn sie sind nun mal da. Vielmehr geht es darum eine wirklich gute Beschreibung jenes Begriffes vorzustellen.

 

Der Münsteraner Thomas Bauer schreibt in seiner  bereits empfohlenen „Kultur der Ambiguität“ treffend:

 

Im Laufe des 20. Jahrhunderts findet ein Prozeß statt, der oft fälschlich als „Re-Islamisierung“ bezeichnet worden ist, in Wahrheit aber die Neuschaffung des Islams als einer Ideologie ist, die die Strukturen westlicher Ideologien aufnimmt und nach dem Scheitern der westlichen Ideologien in der islamischen Welt als die einzige „eigene“ Alternative verstanden wird. Wie alle Ideologien ist auch die des Islamismus intolerant, ambiguitätsfeindlich und totalitär. Ihre Vertreter kennen die präzise Bedeutung jeder Koranstelle, wissen genau, welche Ḥadīṯe gültig sind und welche nicht, und sie gelangen zur einzigen, allein richtigen Deutung. Abweichende Deutungen können nichts anderes sein als Fehler. Ihre Vertreter sind auch davon überzeugt, daß alle Lebensbereiche des Menschen ganz und ausschließlich vom Islam, d.h. von dem ideologischen System, als das ihnen der Islam erscheint geregelt werden müssen. Da auch die Juristen des traditionellen Islams den Ehrgeiz hatten, zu allem und jedem etwas zu sagen, entsteht der Eindruck, dieser Anspruch auf Allumfassendheit sei dem Islam wesenhaft. Er ist es nicht.[1]

 

 

Auch wenn es nur teilweise mit dem Islamismusbegriff zu tun hat, sei noch folgender, damit zusammenhängender interessanter Auszug aus Bauers Werk gewährt:

 

Der Slogan, der Islam sei dīn wa-daula, „Religion und Staat“, ist kein klassischer islamischer Grundsatz und kein wesenhafter Bestandteil des Islams. Tatsächlich findet er sich erstmals in der islamischen antikolonialistischen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts. Bei den Vordenkern des „politischen Islams“ wie Abū l-ʿAlāʾ al-Maudūdī und Sayyid Quṭb nimmt er eine zentrale Stellung ein und wird schließlich zur Leitmaxime des modernen politischen Islams. Erstmals wird damit der Anspruch erhoben, alle Aspekte des öffentlichen Lebens, von der Kultur über die Politik bis hin zur Wirtschaft, aus einer einheitlichen islamischen Perspektive zu regeln. Es versteht sich von selbst, daß die alte Ambiguitätstoleranz hier keinen Platz findet. […]

Doch die Entwicklung, so bedauernswert sie sein mag, bietet auch neue Chancen. Auch am dogmatischen Islamismus des 20. Jahrhunderts ist die Entideologisierung der Welt nicht spurlos vorübergegangen, und überall dort, wo islamistische Strömungen in die Politik mit einbezogen werden, lässt sich eine „Normalisierung islamistischer Parteien“ beobachten. Betrachtet man den historischen Hintergrund, dann wird deutlich, daß gerade in der Einbeziehung islamistischer Strömungen ein nicht unbedeutendes Demokratisierungspotential der islamischen Welt erschlossen werden kann. Denn die Trennlinien zwischen religiöser und staatlicher Sphäre waren in der islamischen Welt andere als im Westen. Im Westen stand über lange Zeit dem Bürgertum eine Allianz aus „Thron und Altar“ gegenüber. Die Emanzipation des Bürgertums mußte daher zwangsläufig mit einer Emanzipation von religiösen Autoritäten einhergehen. Ganz anders in der islamischen Welt. Dort waren die Religionsexperten ein Teil des Bürgertums, und es ist staatlichen Autoritäten nie über längere Zeit gelungen, das Religionssystem zu einem gefügigen Werkzeug zu machen. Ganz im Gegenteil waren es immer die Religionsgelehrten, die die Bevölkerung vor den Ansprüchen der Herrscher und des Militärs in Schutz nahmen. Im Gelehrtentum, das in der praktisch autonomen Sphäre des Rechts seine wichtigste Machtgrundlage hatte, konnte sich das klassische Bildungsbürgertum über Jahrhunderte in einem weiten Freiraum entfalten. Diesem bürgerlichen Raum, in dem der Religion eine durchaus emanzipatorische Funktion zukam, stand die Machtsphäre der Herrscher und des Militärs gegenüber. Im Laufe der Geschichte wurden Sultane durch Kolonialoffiziere und Militärdiktatoren abgelöst […][2]

 

Und abschließend sei gesagt:

 

Um es auf eine zweifellos überspitzte Weise zu formulieren: Es sind nicht die Errungenschaften der Aufklärung, die im Nahen Osten nicht angekommen sind, es ist die 68er-Bewegung. Etwas weniger plakativ ausgedrückt: Der Zweifel am Wahrheitsanspruch der Ideologie und an der Möglichkeit, die Welt durch eine einzige, allumfassende Theorie zu erklären (im Sinne der Toulminschen „Re-Renaissance“), ist in der islamischen Welt gegenwärtig die weniger attraktive Option. Auch „in dem blutigen theologischen Patt des Dreißigjährigen Krieges wurde die philosophische Skepsis weniger attraktiv und die Gewißheit attraktiver.“[3] […]

Regierungen, die meist enge Verbündete des Westens sind, fördern einen engstirnigen dogmatischen Islam, weil sie hoffen, damit islamischen politischen Kräften, die auf demokratischem Wege Einfluß gewinnen wollen, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nicht selten können sie dabei auf westliches Einverständnis zählen. Ein solches Vorgehen verhindert aber den unausweichlichen Prozeß einer Demokratisierung des Nahen Ostens, die ohne Einbeziehung auch islamistischer Strömungen nun einmal nicht geschehen kann.[4]

 

[1] Bauer, Thomas, Die Kultur der Ambiguität – eine andere Geschichte des Islams, Berlin, 2011, S. 52.

[2] Ebd. S. 342f.

[3] Ebd. S. 400f.

[4] Ebd. S. 402.