Lieber Frömmler, heute schon über jemanden schlecht gedacht, um deinen Īmān zu stärken im Sinne des „Hasses“ für Gott? [1] Hast Du dir nicht auch schon oft vorgestellt, wie eine dir unausstehliche Person an seinem Mahl erstickt, weil er deine Weltanschauung, deinen Fiqh oder deineʿAqīda nicht teilt? Sicher bist du heute irgendwo unterwegs gewesen, insbesondere am Freitagabend, und hast vieles gesehen was Du als Ḥarām siehst. Hast Du dich dabei vielleicht an deiner Mekka Cola verschluckt, ganz laut Astaġfirullāh geschrien [nebenbei bei deiner Tasbih App 1x mehr Dhikr eingetippt] und deine Religiosität im großen Rahmen bekannt gemacht? Vielleicht hast du auch die ganzen „unanständigen Schwestern“ gewarnt, indem Du sie mit Bonbons verglichen hast – und warst ganz stolz? Dann ist hier das Gegengift für dich – doch verschluck dich nicht!

Der Gottesfreund, Gelehrte und Dichter Niyāzī-i Miṣrī ist Gründer der Abzweigung Niyāzīya der Ḫalwatīya. Geboren am 9. März 1618 / 12. Rabiʿ al-awwal 1027 im heutigen Dorf Soğanlı in Malatya und starb auf der Insel Limni im Jahre 1693. Seine Worte schallen durch Raum und Zeit an unsere Ohren, damit wir diese wunderschöne Speise an seiner Tafel genießen können. Wohl bekomm’s!

„Eine Sünde in Gebrochenheit ist besser als Gehorsam in Hochmut.“ – Ibn ʿAṭāillāh al-Iskandarī

11. Speisetafel

Am Ende des Monates Rabīʿ al-Āḫir, im Jahre 1067 AH, bedachte ich die Vielzahl der Menschen, doch die geringe Menge an jenen, welche sich in der Anbetung Gottes üben, die Seltenheit der Asketen und die Rarität der Gotteskenner, welche dem Erhabenen nahe sind. Mehrheit der Menschen stellten die offenkundigen Sünder, die Rebellen und die Verleugner [Kuffār] dar. Ich dachte, diese seien der Barmherzigkeit Gottes fern. Ich sprach zu mir selbst: „Was ist wohl mit dieser Mehrheit? Wir wissen doch, dass Gott sehr wohl der Barmherzigste aller Barmherzigen ist.“

Damit dieses Geheimnis von Seiten Allahs mir eröffnet wird, wanderte ich in den Bastionen meines Herzens. Plötzlich öffnete sich vor mir ein Tor mit zwei Flügeln. Auf einem der Flügel stand: „Dies ist das Geheimnis der Welt”, und auf dem anderen Flügel stand: „Dies ist das Geheimnis des Jenseits.” Direkt hinter der Tür stand ein hübscher, stattlicher Junge, dessen Licht die Sonne verblassen ließ. Er sprach zu mir: „Dir wurde das Geheimnis der Welt und des Jenseits eröffnet. Verwerf dein menschliches Kleid und deine Scheinexistenz (wuǧūd iḍāfī) und trete durch das Tor. Du wirst merkwürdiges erblicken und Verborgenes Wissen wird sich dir enthüllen. Du wirst erkennen, wer Gott dem Erhabenen nah und wer fern ist und deine Sorgen werden schwinden.“

Ich verwarf [mein menschliches Sein und meine bedingte Existenz] und betrat das Tor. Er bekleidete mich mit einer Kleidung aus Licht. Plötzlich bemerkte ich, mein Wissen, mein Verständnis meine Ohren, meine Augen, alle meine inneren und äußeren Sinne wandelten sich in anderes Wissen, Verständnis, Ohr, Auge und Sinne. Mein Tag wurde zu: „Wenn die Erde zu einer anderen Erde gewandelt wird, wenn die Himmel zu einem anderen Himmel gewandelt werden, der Tag an dem alle vor dem einzig vernichtenden Gott stehen“, und die [wahrhaftige] Bedeutung des edlen Koranverses: „Alles außer Seinem Antlitz wird erlöschen“  kam zum Vorschein. Ich wusste, dass die mir angelegte Kleidung meines Herrn die wahrhaftige Existenz war. In diesem Zustand blickte ich auf die Schöpfung. Da sah ich, dass jene, die meiner Ansicht nach sich im Gottesdienst übten, Asketen und Freunde des Erhabenen waren, fern von Gott und Seiner Barmherzigkeit sind.

Zwischen Gott und diesen lag ein Schleier aus Augendienerei, Angeberei, Stolz, Hochmut, Selbstbehauptung, schlechte Vermutung (sūʾ al-ẓann) über das eigene Selbst oder über andere Menschen in Hinblick auf Gottes Umgang mit ihnen, sowie ein Schleier aus abwertenden Blicken auf all jene, die äußerlich auf niedrigeren Stufen erschienen.

Sie jedoch dachten, diese ihre Taten seien etwas Gutes. Jene, die ich als offenkundige Sünder, Rebellen, Augendiener, Irregeleitete, Träger übler Neuerungen, Religionslose und Gottlose ansah, waren in Wirklichkeit dem Erhabenen Herrn nahe, waren Seine nächsten Freunde, Seine Geliebten. Die Trauer in ihren Herzen, die Demütigung die sie verspürten, die Schande die sie wahrnahmen, ihre Erkenntnis Gottes und die Hoffnung auf Gott, auf guten Umgang Gottes mit ihnen und den Geschöpfen und ihrer Demut vor allen Geschöpfen, waren sie in die Nähe Gottes gelangt.

Ich sah, dass die stärksten Gründe für die Ferne von Gott Hochmut und Ruhm sind. Die stärksten Gründe für die Nähe zu Ihm sind Demut und Nichtigkeit vor Ihm. Nähe und Ferne jedoch sind keine wirklichen Existenzen/Entitäten, sondern nur Gedankenkonstrukte. So dann öffnete sich mir das Geheimnis des Hadith: „Meine Freunde verbergen sich unter Meinen Kuppeln und keiner außer Mir kennt sie.“ Die Freunde Gottes, die verborgen sind unter den Schleier Allahs, den Kuppel der Schande, kennt niemand außer Gott selbst. Diese erkennen einzig nur jene, welche die Scheinexistenz ablegen. Der Gottgesandte – Frieden und Segen seien auf ihm – sprach: „Deine Existenz ist eine solche Sünde, keine Sünde kann mit ihr verglichen werden.“ [dies ist kein Hadith, sondern eine Aussage des Imām al-Ǧunayd al-Baġdādī – möge Allah seine Seele reinigen.]

Darauf zog ich die wahrhaftige Existenz [erneut] an und blickte erneut auf das Volk. Da sah ich die gesamte Schöpfung in der Nähe Gottes. Ich war bekümmert über meinen ersten Blick, der getäuscht wurde. Der Imām al-Šāṭibī sprach ein Gedicht auf dieser Stufe: „Alle Menschen können als Nahe gesehen werden, denn sie alle Handeln nach der Entscheidung Gottes.“ Mir wurden weitere Geheimnisse und Informationen entschleiert, doch diese aufzudecken ist mir nicht gewährt. Seit jenem Tag an, hat sich meine Sicht auf die Welt nicht verändert. Preis sei Gott, dem Ersten und Letzten.