Wir legten bereits dar, dass Offenbarung gemäß den klassischen Gelehrten rational begründet werden muss. Im Folgenden nun Ibn Ḥamzs Gottesbeweis, welcher von vielerlei philosophiefeindlichen Gruppierungen in unserer Zeit rezipiert wird. Wer Probleme mit den Begrifflichkeiten hat, oder die Arten des Wissens noch nicht kennt, der sei abermals auf die Einführung in die Erkenntnistheorie verwiesen. Weitere Gottesbeweise aus der klassischen Zeit, sowie der gesamte Reader werden inšāʾAllāh folgen.

 

 Wie wir zuvor gesehen haben, ist es nach Auffassung der klassischen Theologen notwendig, bevor man Aussagen der Offenbarung, die durch die Erkenntnisquellen für die Offenbarung erkennbar sind, als Argumente heranziehen kann, die Wahrhaftigkeit der Offenbarung ausschließlich vernünftig, d.h. ohne Rückgriff auf die Offenbarung, zu beweisen. Dies ist Aufgabe der Dogmatik. Am Anfang dieses Erweises steht der Beweis für die Existenz Gottes und dafür, daß ihm bestimmte Attribute zukommen. Aus Zeitgründen sei hier nur der Beweis für die Existenz Gottes betrachtet. Es gibt mehrere Gottesbeweise, von denen wir uns hier nur mit einem befassen werden, und zwar in zwei Versionen. Der erste Text stammt aus dem umfangreichen Werk al-muḥallā bi-l-ʾāṯāri des der bedeutenden Theologen, Gelehrten und Literaten ʾAbū Muḥammad ʿAlīy b. ʾAḥmad b. Saʿīd Ibn Ḥazm al-ʾAndalusīy al-Qurṭubīy (geb. am 30. Ramaḍān 383/18. November 993 in Cordoba, gest. 30. Šaʿbān 456/16. August 1064, ebenfalls auf der Iberischen Halbinsel):

„ʾAbū Muḥammad, [d. h. Ibn Ḥazm,] sagt: Die Erklärung dieses Satzes, [d. h. des Glaubensartikels, daß kein Gott ist außer Gott,] ist folgende: Gott der Erhabene ist der Gott und der Schöpfer eines jeglichen Dings außer ihm. Der Beweis dafür ist, daß die Welt mit allem, was in ihr ist, zeitlich ist, und die Zeit niemals von ihr, [d. h. von der Welt,] getrennt ist. Es ist weder vorstellbar noch möglich, daß die Welt frei von Zeit ist. Zeit bedeutet dabei die Dauer, [d. h. etwas, das ausgedehnt ist, ein Maß, eine Quantität,] [p.23] die ein Körper in Bewegung oder in Ruhe ist, und die Dauer der Existenz eines Akzidenz an einem Köper. Wenn die Zeit also Dauer ist, wie wir gesagt haben, dann ist sie eine begrenzte Anzahl, [d. h. eine Quantität,] die mit ihrem Vorübergehen und Andauern zunimmt. Eine Zunahme kann es jedoch nur bei etwas geben, daß einen Anfang und ein Ende hat, nämlich von seinem Anfang bis zu dem Punkt, an dem dann die Zunahme stattfindet. Eine Anzahl hat ebenfalls notwendig einen Anfang. Nun ist ja die Zeit zweifellos aus ihren Teilen zusammengesetzt, und jeder Teil der Zeit hat zweifellos einen Anfang und ein Ende, und das Ganze, [d. h. die Gesamtheit aller Zeit,] ist nichts anderes als [die Gesamtheit] seine[r] Teile. Und alle ihre, [d. h. der Zeit,] Teile haben einen Anfang und ein Ende, also hat auch ihre, [d. h. der Zeit,] Gesamtheit notwendig einen Anfang. Da nun die Zeit notwendig einen Anfang hat, die Welt insgesamt niemals ohne Zeit ist, die Zeit aber einen Anfang hat, und etwas, das einem anfänglich Begrenzten nicht voraufgeht, notwendig einen Anfang hat, hat die gesamte Welt, sowohl die Substanzen als auch die Akzidenzien, einen Anfang. Da sie, [d. h. die Welt,] einen Anfang hat, ist sie hervorgebracht. Jedes Hervorgebrachte bedarf aber notwendig eines Hervorbringenden, da ein Hervorgebrachtes ohne Hervorbringendes nicht vorstellbar und nicht möglich ist. Also ist die Welt als ganzes geschaffen und hat einen Schöpfer, der urewig ist. Er ist der Herr und Gott all dessen, was er geschaffen hat, der, der alles aus dem Nichts hervorgebracht hat, außer dem kein Gott ist.“1

1 Ibn Ḥazm, ʿAlīy b. ʾAḥmad b. Saʿīd, ʾAbū Muḥammad, al-ʾAndalusīy, al-Qurṭubīy: al-uṣūlu d-dīn – Textsammlung 2 11 muḥallā bi-l-ʾāṯāri, I, p.22–23 (at-tawḥīd, masʾalah 2): „qāla ʾAbū Muḥammadin: wa-tafsīru hāḏihī l-ǧumlati: huwa ʾanna llāha taʿālā ʾilāhu kulli šayʾin dūnahū, wa-ḫāliqu kulli šayʾin dūnahū. burhānu ḏālika: ʾanna l-ʿālama bi-kulli mā fīhi ḏū zamānin lam yanfakka ʿanhu qaṭṭu, wa-lā yutawahhamu wa-lā yumkinu ʾan yaḫluwa l-ʿālamu ʿan zamānin. wa-maʿnā zzamāni huwa muddatu [p.23] baqāʾi l-ǧismi mutaḥarrikan ʾaw sākinan wa-muddatu wuǧūdi l-ʿaraḍi fī l-ǧismi, wa-ʾiḏi z-zamānu muddatun kamā ḏakarnā fa-huwa ʿadadun maʿdūdun, wa-yazīdu bi-murūrihī wa-dawāmihī, wa-z-ziyādatu lā takūnu l-battata ʾillā fī ḏī mabdaʾin wa-nihāyatin min ʾawwalihī ʾilā mā zāda fīhi. wa-l-ʿadadu ʾayḍan ḏū mabdaʾin wa-lā budda, wa-z-zamānu murakkabun bi-lā šakkin min ʾaǧzāʾihī, wa-kullu ǧuzʾin min ʾaǧzāʾi z-zamāni fa-huwa bi-yaqīnin ḏū nihāyatin min ʾawwalihī wa-muntahāhu wa-l-kullu laysa huwa šayʾan ġayra ʾaǧzāʾihī, wa-ʾaǧzāʾuhū kulluhā ḏātu mabdaʾin, fa-huwa kulluhū ḏū mabdaʾin ḍarūratan, fa-lammā kāna z-zamānu lā budda lahū min mabdaʾin ḍarūratan, wa-kāna l-ʿālamu kulluhū lā yanfakku ʿan zamānin wa-z-zamānu ḏū mabdaʾin, fa-mā lam yataqaddam ḏā l-mabdaʾi fa-huwa ḏū mabdaʾin wa-lā budda, fa-l-ʿālamu kulluhū ǧawharuhū wa-ʿaraḍuhū ḏū mabdaʾin wa-ʾiḏ huwa ḏū mabdaʾin fa-huwa muḥdaṯun, wa-l-muḥdaṯu yaqtaḍī muḥdiṯan ḍarūratan ʾiḏ lā yutawahhamu ʾaṣlan wa-lā yumkinu muḥdaṯun ʾillā wa-lahū muḥdiṯun, fal-ʿālamu kulluhū maḫlūqun wa-lahū ḫāliqun lam yazal, wa-huwa maliku kulli mā ḫalaqa, fa-huwa ʾilāhu kulli mā ḫalaqa wa-muḫtariʿuhū lā ʾilāha ʾillā huwa.“

[Obenstehende geistige Nahrung wurde in Gänze und unverändert einem Skript Herrn Dr. Bakkers genommen. Ich war lediglich so frei einige Fußnoten zu kürzen. Herr Bakker stellte uns die Textsammlung 21 während des Wintersemesters 12/13 im Seminar “Einführung in die Glaubensgrundlagen des Islam – uṣūl al-dīn“ zur Verfügung. Die Übersetzungen findet sich auch in seiner hier empfohlenen Dissertation.]