Es wurde Kritik geübt an dem Artikel „Von Zuhältern und Kalifen“. Warum würden die Köche dieses Blogs dem Volk solch bitteres Mahl vorsetzen? Warum schwärmten sie nicht über die Süßspeisen und Desserts, über die „Errungenschaften“ des Kalifats, die meisterhaften Kochkünste der Kalifen und kommen auf die göttliche Pflicht sprechen? Das Kalifat müsse doch eigentlich gleich einer exquisiten Speise in einem drei Sterne Restaurant mit Ehrerbietung, Aufrichtigkeit, Blindheit und Hingebung behandelt werden.

Ganz einfach: Zuviel Zucker und Süßes führt zu Diabetes. Medikamente sind dann oftmals bitter. Diese Gerichte sind ein Heilmittel für Demagogen und vielleicht auch wie ein Energy-Drink für die eingeschlafenen Gehirnzellen, im Schlummer aufgrund der Gehirnwäsche. Der Fokus auf diese bitteren Speisen hat die Wirkung, ideologisierte Träumer am Esstisch aufzuwecken, ihre Konzentration zu fördern und sie in ihrem Weltbild zu erschüttern. Die meisterhaften Kochleistungen und die prächtige Garnierung der Muslime in der Geschichte wird überall, auf jeder Kanzel angeboten – nicht aber von uns hier. Der Leser möge bedenken, was wir in „Wieso diese Würze?“ geschrieben haben. Wir sind der Überzeugung, dass ein realistisches Bild auf unsere eigene Geschichte nötig ist. Wir lehnen aber die guten und schönen Seiten nicht ab, ganz im Gegenteil, sind von ihnen als treue Anhänger der Gelehrtentradition selbst begeistert. Folklore aber, da steigen wir nicht mit auf. Den Zirkus haben wir schon lange hinter uns gelassen, Gott sei Dank! Diese Idealisierung und Romantisierung schadet uns nur. Jugendliche werden dadurch an den Esstisch von Köchen getrieben, deren Speisen uns nur emotional und spirituell auslaugen. Wir erleiden das (angebliche) China-Restaurant-Syndrom. Das Essen scheint vorzüglich, doch danach ist klares Denken, Wohlgefühl und dergleichen nicht mehr möglich. Demagogen bauen mit diesen Speisen ein Feindbild auf: „Schau, wie schlimm ist der Westen, Europa, USA! Schau dir diese Marionetten/Herrscher an, die „Stiefellecker“ des Westens, dem, der Haram zu Halal macht, der nicht mit Gottes Gesetzen herrschen will! Vergleich das mal mit unserer guten, prächtigen, prunkvollen, glorreichen, majestätischen (+ weitere glorifizierende Adjektive) Zeit des Kalifats/des Sultanats/des Osmanischen Reiches etc.“

Die Hoffnung nach der Besserung, die Utopie ist es ja, wieso überhaupt jemand das Kalifat anstrebt. Wenn ihnen aber klar wird, dass dieses Kalifat oftmals ein reines Machtinstrument für blutrünstige Herrscher war, die sich nicht besonders an islamischen Werten orientierten und denen keiner Einhalt gebieten konnte, schwindet diese Hoffnung. Warum sollte ein solches Herrschaftssystem wieder etabliert werden? Wer dieser Demagogen würde Sisi nach Sisi, Baschar al-Asad nach Baschar al-Asad verteidigen und gut heißen? Keiner. Wer würde verlangen, dass deren Regierungsformen, Tyrannei und ungezügelte Macht und Herrschaft zurückkehrt? Niemand. Dann davon zu sprechen, Gott habe eben dieses bestimmte Herrschaftssystem als Pflicht erklärt, ist reinste Unwissenheit und Dunkelheit über Dunkelheit. Da hilft es auch nicht, die Werke von klassischen Gelehrten anzuführen, welche meist nicht mehr als drei oder vier unterschiedliche Regierungsformen kannten. Die Etablierung des Imams ist gewiss nicht als ein farḍ bi ʿaynihi zu erachten. Imām al-Ġazzālī – möge Allah sich seiner erbarmen – stellt klar, die Pflicht, einen Herrscher zu bestimmen, begründe sich aus der Offenbarung (naqlī) wegen möglicher Anarchie. Es gibt auch solche, die Imām al-Ġazzālī widersprechen und sagen, es begründe sich aus der Ratio (ʿaqlī) und es gäbe keine Texte hierzu, wie der Gelehrte al-Āmidī. Für alle aber ist der Herrscher notwendig zur Sicherung der Grenzen, zur Einhaltung der Gesetze und zur Ordnung der Gesellschaft. Dieses Thema werden wir noch, so Gott will, genauer behandeln.

Ein weiterer Nutzen ist, dass die Menschen erkennen, dass Politik oder Herrschaft die Menschen nicht direkt zu besseren Menschen machen wird. Regierungen haben die Aufgabe, dem Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr Potenzial zum Guten auszuschöpfen und dies zu fördern. Mehr nicht. Diese Erkenntnis lässt uns auf das Wesentliche konzentrieren – das Erlernen des Pflichtwissens, die Korrektur der Glaubensinhalte und der Riten, die Reinigung des Herzens, den guten Umgang mit Menschen und insgesamt der Schöpfung – und nicht auf Nebensächliches wie die Rekrutierung der Menschen für die anstehende Revolution des verborgenen Kalifen, den einzig meine Gruppe hervorbringen kann/konnte.

Dieses angeblich von Gott gebotene, also von der Scharia her vermeintlich unabdingbare Kalifat, welches nach den Demagogen ja das Paradies auf Erden schaffen würde, scheint irgendwie, ganz merkwürdigerweise, den Trägern und wahren Erben des Propheten, die Interpreten der Scharia, gar nicht wohlgesonnen gewesen zu sein. Viele Despoten und Tyrannen waren nicht gerade zimperlich, bedeutsame Personen zu massakrieren. Abdulmalik b. Marwān und sein blutrünstiger General Ḥaǧǧāǧ al-Ẓālim (der Tyrann b. Yūsuf aṯ-Ṯaqafī) waren bekannt  dafür, Sahaba zu töten, wenn diese Hadithe oder Meinungen sprachen, die nicht in ihrem Interesse waren. Zwar ist unserer Auffassung nach jedwedes Töten von Menschen jeder Art schlimm, aber Kollateralschäden könnte der Kalifatsideologe ja schnell entschuldigen: Aufständische müssen eben niedergeschlagen werden, was denn sonst? Doch der Geschichte des passiven Aufstandes der Gelehrten, der Tötung von Sahaba unter dem Banner des Kalifats – dem kann der Demagoge nicht ausweichen.

Hier also eine weitere Geschichte aus den dunklen Chroniken des Kalifats:

Imam Abū Ḥanīfa, der wohl größte Imām des Fiqh nach Ibn Ḥaǧar al-Makkī al-Šāfiʿī, wurde von Yazīd b. Amr einberufen, Richter und Gouverneur Kufas zu werden. Der Imam lehnte dies aber ab. Er sah es nicht als die große Chance, endlich die Scharia voll durchzusetzen, nicht als Ehre und Aufrichtigkeit, dem Kalifats zu dienen. Im Gegenteil, er fürchtete die Ungerechtigkeit. Da wurde er geschwind in den Kerker geworfen und ausgepeitscht. Das geehrte Gesicht dieses Imams quoll auf. Am nächsten Tag wurde ihm die Stelle erneut angeboten und er bat um Bedenkzeit. Da reiste er nach Mekka und blieb fünf bis sechs Jahre in Mekka. Als dann der zweite Kalif der Abbasiden, Mansur, an die Macht kam, sollte der Imam wieder geprüft werden. Der Kalif Manṣūr respektierte den Imām sehr. Er schenkte ihm 10.000 Silbermünzen und eine Sklavin. Der Imām lehnte dieses Geschenk aber ab. Manṣūr war, wie nicht wenige vor ihm, ein Tyrann. Im Jahre 145 AH sammelte Ibrāhīm b. ʿAbdullāh b. Imām Ḥasan in Medina für die Verkündigung seines eigenen Kalifats Soldaten. Er kam nach Kufa und es verbreitete sich in Kufa das Gerücht, der Imām Abū Ḥanīfa hätte ihn unterstütze. Manṣūr war natürlich nicht erfreut. Er ließ den Imām von Kufa nach Bagdad bringen. Dort zwang er den Imām zu verkünden, dass er, Manṣūr, der einzig wahre Kalif sei und Manṣūr bot ihm hierfür das oberste Richteramt an. Da der Imām aber von hoher Gottesfurcht war und weltliche Ränge ihn nicht interessierten, lehnte er dies ab. Dies verletzte Manṣūr und er kerkerte Abū Ḥanīfa ein. Seine Folter begann mit 30 Stockhieben – Blut floss von den Füßen des Imam. Manṣūr bereute dies und in einem Akt der Reue und Wiedergutmachung und Besinnung, sandte er dem Imam 30.000 Silbermünzen. Der Imām lehnte dies aber erneut ab. Das ging dem guten Manṣūr jetzt aber wirklich zu weit! Er kerkerte Abū Ḥanīfa erneut ein und verordnete abermals 40 Stockschläge – jeden weiteren Tag sollten es zehn mehr sein. Am 11. Tag fürchtete Manṣūr die Revolten des Volkes. Prompt kam der Tötungsbefehl, man legte den Imam auf den Rücken und flößte ihm Gift ein. So starb er dann im Jahre 150.