Ein Gastbeitrag des Theologen Samuel Dogan von Algazel zu einem Artikel über die unzweckmäßige und ungelenkte Evolution und das Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlichem Befund und dem Gottesbild im Islam. Er kam uns hier zuvor und wir bedanken uns bei Ihm für die Erlaubnis, das auf unserer Seite zu teilen.

Ein paar Anmerkungen zu dem hier (http://hpd.de/artikel/allah-und-darwin-13865) abrufbaren Artikel von Özbe über das Spannungsverhältnis „Allāh und Darwin“. Er bezieht sich dabei auf eine Arbeit von Turgut Demirci mit dem Titel „Die Vereinbarkeit der wissenschaftlichen Evolutionstheorie mit dem Islam“ die ich selbst nicht gelesen habe. Özbe will letztlich darauf hinaus, dass der Umstand, die Evolution sei nicht zielgerichtet (die Evolution selbst sei jetzt mal im Sinne der Diskussion einfach angenommen, dazu weiter unten etwas), gegen ein „theistisches“ bzw. „abrahamitisches“ Gottesbild spräche. Nach allem, was ich Özbes Artikel und Kommentaren und den Zitaten Demircis entnehmen kann, ist mit diesem Gottesbild das „personale“ bzw. „persönliche“ Gottesbild gemeint, welches scheinbar gleichgestellt wird mit dem Dasein Gottes als „fāʿil muḫtār“ im Sinne des des sunnītischen / šiʿītischen / muʿtazilītischen kalām, was wiederum vermengt wird mit der Frage, ob Gott nach Plänen bzw. Zielen oder sinnhaft handelt, wozu ich weiter unten etwas sagen möchte. Abgesehen davon, dass das Gottesbild, das Özbe hier in Frage stellt, nicht ausreichend definiert wurde – was ein großer Mangel des Artikels ist – laufen die Argumente – egal, ob damit das Dasein Gottes als fāʿil muḫtār oder Sein sinnhaftes Handeln gemeint ist – wie sich zeigen wird völlig ins Leere, was bei den meisten religionskritischen Ansätzen in diesem Bereich der Fall ist.

Zunächst gilt zu klären, was die scholastische Tradition der Muslime meint, wenn sie von Gott als fāʿil muḫtār spricht? Ganz einfach: Dass Gott bewirkt und spezifiziert bzw. determiniert. In anderen Worten: Er bewirkt bestimmte Denkmöglichkeiten unter Ausschluss anderer Denkmöglichkeiten.

Dem gegenüber steht ein Gottesbild, nach dem Gott nicht bewirkt (fāʿil), sondern erfordert (muqtaḍin, mustalzim). Ein Beispiel um diese Lehre zu verdeutlichen: Ebenso wie die Sonne nicht deshalb strahlt, weil sie ihre Strahlen in dem Sinne bewirkt, dass sie sie auch hätte nicht bewirken können, ist auch die Schöpfung Gottes nichts, was Er bewirkte, wobei Er sie auch hätte nicht bewirken können, sondern Sein Dasein erforderte die Schöpfung, wie auch die Sonne die Strahlen erfordert. Oder: Wenn Gott ist, ist notwendigerweise auch die Schöpfung. Dieses Gottesbild wurde in unterschiedlichen Varianten unter anderem von Ibn Rušd und Ibn Taimīya vertreten, jedoch nicht von den Vertretern des sunnitischen, šiʿītischen oder des muʿtazilītischen kalām.

Das heißt, das Dasein Gottes als fāʿil muḫtār drückt letztlich aus, dass die Wirkungen Gottes (afʿāl Allāh, bzw. in diesem Fall die gängigere Übersetzung „Handlungen Gottes“) kontingent, d.h. möglich, und an sich (!) nicht notwendig sind. Die Notwendigkeit der Schöpfung an sich, was bei den Gelehrten des kalām ihr Dasein als etwas Bewirktes ausschließt, wird durch den Begriff fāʿil ausgeschlossen, d.h. das göttliche Wesen hat die Schöpfung bewirkt, nicht erfordert. Die Notwendigkeit der Spezifika der Schöpfung wird durch den Begriff muḫtār ausgeschlossen, d.h. Gott hat die Schöpfung anhand einiger Denkmöglichkeiten unter Ausschluss anderer spezifiziert. Das heißt, die Schöpfung ist weder hinsichtlich ihrer Existenz notwendig – wie dies bei Ibn Taimīya der Fall ist –, noch hinsichtlich ihrer Spezifika, wie dies bei Ibn Rušd und Co. der Fall ist. Anders ausgedrückt: Gott hätte auch nicht erschaffen können – im Gegensatz zu dem, was Ibn Taimīya lehrt – und Gott hätte die Schöpfung auch – im Gegensatz zu dem, was Ibn Rušd lehrt – anders gestalten können, indem beispielsweise die beobachtbaren Drehbewegungen sämtlicher Planeten genau umgekehrt wären, oder die Geschwindigkeit sämtlicher Bewegungen im Universum jeweils 10% geringer wäre, etc.

Ob dieses Konzept von Gottes Dasein als fāʿil muḫtār mit dem verwendeten Begriff des „persönlichen“ bzw. „personalen“ Gottes glücklich wiedergegeben ist, ist hierbei eine terminologische und keine inhaltliche Frage.

Doch der wichtige Punkt: Wer auch immer dieses Konzept von Gottes Dasein als fāʿil muḫtār verstanden hat, wird sofort bemerken, dass die Frage, ob die Lebewesen durch einen verhältnismäßig unmittelbaren Schöpfungsakt entstanden sind, indem Gott sie aus Erde erschuf, oder durch einen verhältnismäßig mittelbaren Schöpfungsakt, wie anhand der Evolution, dieses Konzept in keiner Weise berührt. Alles, was das Konzept von Gottes Dasein als fāʿil muḫtār erfordert, ist der Umstand, dass die Schöpfung und ihre Spezifika kontingent sind.

Wenn dies gegeben ist – wovon die muslimischen kalām-Gelehrten aller Schulen aus gutem Grund ausgehen – ist auch das Dasein Gottes als fāʿil muḫtār gegeben. Somit laufen sämtliche Diskussionen im Artikel, sofern sie denn das Konzept Gottes als fāʿil muḫtār kritisieren, ins Leere. Denn der verständige Leser wird sehen, dass es dort nicht um die Frage der Kontingenz der Schöpfung und ihrer Spezifika geht, sondern um die „Intentionen“ bzw. „Weisheiten“ oder die „Sinnhaftigkeit“, hinsichtlich derer Gott bestimmte Dinge erschafft, was eine völlig andere Fragestellung ist und bei den Gelehrten des kalām unter dem Titel taʿlīl afʿāl Allāh behandelt wird; wozu es sowohl zwischen den verschiedenen Schulen des kalām, als auch innerhalb der ašʿarītischen Schule unterschiedliche Meinungen gibt.

Der Hauptverantwortliche für diese Vermengung ist jedoch möglicherweise nicht Özbe, sondern Demirci, der m. E. in der folgenden Aussage genau diese zwei Fragen miteinander vermengt:

„In dieser abrahamitischen Tradition ist Gott nicht ein willenloses Wesen, eine Art Energie oder einfach nur die Gesamtheit der Seienden ohne eigenes Bewusstsein. Er ist vielmehr der personale Gott mit eigenem Willen (fa’il muhtar), der das Universum nach einem Plan erschaffen hat. Im Unterschied zum deistischen Gott, der die Schöpfung in einem Urakt vollzogen, sich dann aber ‚zurückgezogen‘ hat und in das Weltgeschehen nicht eingreift, herrscht und wacht der abrahimitische Gott über die Welt. Darüber hinaus hat das Menschengeschlecht in diesem göttlichen Plan eine besondere Rolle.“

Özbe jedoch bemerkt diese Vermengung scheinbar nicht und lässt sich deshalb auf die fruchtlose Diskussion ein.

Doch selbst innerhalb dieser fruchtlosen Diskussion zielen Özbes Argumente ins Leere. Er will letztlich zeigen, dass die Annahme der Schöpfung des Menschen durch Gott anhand einer nicht zielgerichteten bzw. in dieser Hinsicht ineffizienten Evolution „keinen Sinn“ ergibt, oder in anderen Worten „nicht weise“ ist, oder in anderen Worten „nicht nahelegt, dass hier ein ziel- bzw. zweckorientiertes Handeln [Gottes]“ vorliegt, was gegen das abrahamitische Gottesbild spräche.

Zwar haben die meisten kalām-Gelehrten der verschiedenen Schulen durchaus auf partikulare Weisheiten bzw. partikulare Sinnhaftigkeit (ḥikam ǧuzʾīya) innerhalb der Schöpfung verwiesen, dennoch waren sie sich – allen voran die ašʿarītischen Gelehrten – durchaus bewusst, dass sämtliche Ereignisse – wie auch ihre exakten Gegenteile! – je nach Perspektive als weise bzw. sinnvoll interpretiert werden können (kullu mā taqtaḍīhi l-ḥikmatu min waǧh, fa-taqtaḍī naqīḍahū min waǧh āḫar), das heißt, alles was in einer Hinsicht weise oder sinnvoll ist, ist in einer anderen Hinsicht unweise; womit Weisheit und Sinnhaftigkeit relative Begriffe sind. Sie können nur in einem vorgegebenen Rahmen, der diese vollständige Relativität eingrenzt, sinnvoll sein, d.h. nur in Bezug zu etwas anderem, was nun kurz erläutert werden soll.

Man betrachte das von Özbe angeführte Beispiel der ausgestorbenen Dinosaurier, was ein für sein Ziel sehr unglücklich gewähltes Beispiel ist:

„Unsere Spezies konnte nur deshalb entstehen, weil zuvor andere Arten, die die Erde bevölkerten, etwa durch globale Naturkatastrophen ausgestorben sind. Ist es wirklich naheliegend, dass eine übergeordnete Intelligenz von Anfang an genau diesen Weg geplant haben soll? Wo liegt der Sinn darin, durch geplante oder gelenkte Evolution zum Beispiel so viele Arten von Dinosauriern in Jahrmillionen entstehen zu lassen, nur damit sie auf einen Schlag aussterben, sodass dann Säugetiere – wieder in Jahrmillionen – die freigewordenen Nischen „übernehmen“ können?“

Özbe stellt hier die Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens in Frage, was durchaus berechtigt ist, jedoch – und das ist der springende Punkt – nur in einem bestimmten Rahmen, nämlich im Rahmen der Annahme eines Gottes, der schnellstmöglich ein bestimmtes Wesen auf der Erde – z.B. den Menschen – erschaffen möchte, mit so wenigen Umwegen wie möglich. Jedoch nur in diesem Rahmen – d.h. unter der Annahme, dass Gott dieses schnellstmögliche Anpeilen der Schöpfung des Menschen zum Ziel hat – kann die vorherige Schöpfung und Auslöschung anderer Spezies als sinnlos bzw. unweise bezeichnet werden.

Gehen wir jedoch von einem Gott aus, der den Menschen erschaffen möchte und ihm darüber hinaus demonstrieren möchte, dass Er in der Lage ist, ihn ohne Mühen wieder auszulöschen, so ist das vorherige Erschaffen und Auslöschen einer anderen Spezies durchaus sinnvoll, da Gott damit demonstriert, dass Er hierzu durchaus fähig ist. Dieses Beispiel Özbes war deshalb besonders unglücklich gewählt, da der Koran an zahlreichen Stellen eben genau diesen Rahmen der Sinnhaftigkeit vorgibt: Gott demonstriert durch das Auslöschen vorheriger Völker und Spezies Seine Fähigkeit, dies auch mit anderen Völkern oder Spezies zu tun. Gar spricht die muslimische außerkoranische Tradition davon, dass die Welt vor den Menschen von anderen vernünftigen Wesen bewohnt wurde.

Genauso verhält es sich mit dem Hauptanliegen Özbes: Wenn Gott das Ziel hatte, den Menschen zu erschaffen, wäre es sinnlos, dies anhand einer so ineffizienten Evolution zu tun, anhand derer durch Mutationen zahlreiche Spezies oder Rassen (ich bin ebenso wie Özbe kein Biologe, entschuldige mich also im Voraus für die wahrscheinlich nicht präzise gewählten Begriffe) entstanden und danach wieder ausgestorben sind, deren Dasein somit „sinnlos“ war. Denn auch dies ist richtig, jedoch nur in einem bestimmten Rahmen, nämlich wenn man davon ausgeht, dass Gott den Menschen möglichst effizient und ohne Umwege anhand einer zusammenhängenden Entwicklung erschaffen wollte. Wenn man diesen Rahmen nicht zugrunde legt, kann die Evolution jedoch weder als sinnvoll oder weise, noch als sinnlos oder unweise bezeichnet werden.

Wir könnten auch einen anderen Rahmen zu Grunde legen, innerhalb dem diese ineffiziente Evolution wieder weise und sinnvoll erscheint: Wenn Gott demonstrieren wollte, dass der Mensch eine besondere Stellung im Universum einnimmt, indem Er ihn mit Eigenschaften entstehen lässt, durch die er sich – im Gegensatz zu den meisten anderen Ergebnissen der Evolution – in der Natur durchsetzen und überleben konnte. Somit würde jede Spezies oder Rasse, die Gott anhand der Evolution entstehen und alsdann wieder aussterben ließ, als Hinweis darauf fungieren, welch besondere Stellung bei Gott doch diejenigen Rassen oder Spezies einnehmen, die sich in der Natur durchsetzen könnten.

Ja – beide zugrunde gelegten Rahmen sind letztlich willkürlich und man könnte zig andere Rahmen anlegen, wodurch diese ineffiziente und nicht zielgerichtete Evolution in verschiedenen Graden sinnvoll oder sinnlos erscheint, aber eben das soll ja gezeigt werden. Denn: „Alles was in einer Hinsicht weise ist, ist in einer anderen Hinsicht unweise“, je nach dem, welcher Rahmen zu Grunde gelegt wird.

Das gilt auch für sämtliche weitere Beispiele Özbes. Somit ist jede Diskussion, die sich an Weisheiten und Sinnhaftigkeit aufhängt, letztlich fruchtlos, solange kein gemeinsamer Rahmen vorgegeben ist, und betrifft weder die Frage, ob Gott existiert, noch, ob Er fāʿil muḫtār ist, in irgendeiner Weise. Dessen waren sich die sunnitischen Schulen des kalām im Gegensatz zu Özbe – und möglicherweise auch im Gegensatz zu Demirci – im Großen und Ganzen bewusst.

Ganz zum Schluss sei noch kurz darauf hingewiesen, dass sich Özbe in der Einleitung zu seinem Artikel zu einer durchaus überzogenen und unvernünftigen Aussage hinreißen ließ:

„Nicht nur evangelikale Christen, sondern auch sehr viele Muslime – wahrscheinlich die Mehrheit – lehnen die biologische Evolutionstheorie ab. Eine solche Geisteshaltung mutet im 21. Jahrhundert in etwa wie die Behauptung an, die Erde sei eine Scheibe.“

Dass sich die Frage nach der Evolution grundlegend und kategorisch von der Frage der Form der Erde unterscheidet, sollte jedem klar sein. Schließlich lässt sich die Form der Erde für uns in diesem Moment anhand der Sinne erkennen. Eine angenommene Evolution, die zum Menschen führte, kann jedoch nicht mehr sinnlich erkannt, sondern lediglich rekonstruiert werden. Dieser Akt der Rekonstruktion jedoch ist interpretativ und abstrakt, nicht beobachtbar. Soll heißen: Selbst wenn die Faktenlage anhand von Funden verschiedener Fossilien und Skelette eine vollständige und lückenlose (wann ist diese lückenlos?) Kette im Sinne der Evolution des Menschen hergibt, ist die Evolution selbst nicht sinnlich erkennbar, sondern wird in diese lückenlose Kette hineininterpretiert. Das heißt, die Evolution des Menschen wird niemals sinnlich erkennbar sein, im Gegensatz zur Form der Welt, weswegen es sich hier um kategorisch unterschiedliche Fragen handelt, die auch mit dem von Özbe gewählten Zusatz „in etwa“ nicht verglichen werden können.