Prävention hier, Intervention da, Rückkehrer dort, Deradikalisierung drüben. In mancherlei Kreisen wird oft vom Für und Wider staatlicher geförderter „Präventionsprojekte“ gesprochen, und einige muslimische Dachverbände fungieren gar als Träger für Modellprojekte, welche meist im Themenfeld „Prävention gewaltbereiten Islamismus‘“ angesiedelt sind. Da man diese Projekte hat, muss man sich selbstredend auch positionieren – das ist zwar theoretisch einfach, praktisch allerdings nicht immer. Sprache und Begrifflichkeiten spielen eine große Rolle, und zum Begriff der „primären Prävention“ möchte ich einige Zeilen schreiben, dafür plädieren diesen Begriff umzubenennen, und schlussendlich den Begriff der „Quartiärprävention“ einführen.

Da mir die Freude vergönnt war zu Beginn dieses Monats aufgrund meiner Arbeitsstelle an einem zweitätigen Fachaustausch zum Thema „Präventionsansätze im Vergleich“ teilzunehmen, und Dr. Christian Lüders dort einen wunderbaren Impulsvortrag zum Thema „Prävention im Spannungsfeld zwischen Bildungsarbeit und sicherheitspolitischen Debatten“ hielt, möchte ich fortfolgend kurz von mir Verstandenes und als wichtig Erachtetes anführen und zur Diskussion stellen. Die Aussagen von Herrn Dr. Lüders kann ich leider nicht kennzeichnen, da ich schlicht aufgrund von Notizen und Erinnerung schreibe. Doch nun ans Eingemachte:

„Prävention“, besonders staatlich geförderte „Prävention“, steht gemeinsam mit „Bildung und Pädagogik“ und „innerer Sicherheit“ in einem Spannungsdreieck, wobei zwischen allen Dreien wechselseitige Beziehungen herrschen.

Prävention hat immer folgende drei Komponenten:

  1. Etwas „Unerwünschtes“

Wobei sich natürlich die Frage stellt, wie ich darauf komme, dass etwas unerwünscht ist. Was ist schon Radikalisierungsprävention? „Radikal“ sind viele Menschen, insbesondere Jugendliche, wobei niemand darauf kommen würde radikalem Veganismus oder anderen Dingen präventiv entgegenwirken zu wollen – man nimmt diese Dinge als Jugendphänomene schlicht als „normal“ hin.

  1. Sie befindet sich in der Zukunft.

Man will ja präventiv, vorausschauend, im Voraus wirkend Dinge verhindern.

  1. Das „Unerwünschte“ kann durch eigenes Handeln verhindert werden.

Das heißt: Wenn ich „Prävention“ betreibe, dann behaupte ich zwangsläufig einen direkten Zusammenhang zwischen meinem eigenen Handeln und dem erwünschen Vermeidungseffekt in der Zukunft.

Aus alledem ergeben sich bestimmte Voraussetzungen um eine Prävention überhaupt zu rechtfertigen:

  • Wir müssen „das Unerwünschte“ begründen. (Folgt es aus dem politischen Diskurs? Unterliegt es historischem Wandel? Welche Methoden und Konstrukte liegen dem zu Grunde? )
  • Verdachtslogik / Defizitdiagnose / belastbare Prognose
  • Wir benötigen eine präventiv wirksame Technologie bzw. Arbeitsweise und Methodik. (Dies bedingt, dass wir robustes Wissen um Verursachungszusammenhänge und Wirkungsketten haben. [zumindest im „Islamismusbereich“ hat das keiner, falls doch bitte ich um Mitteilung].)
  • Die Macht der Expertise

Die Bundesinitiative „Demokratie leben!“ hat dankenswerterweise ein recht gutes online Glossar, äußert sich hier  auch zum Präventionsbegriff, wo es unter anderem heißt:

Da Prävention ein voraussetzungsvolles Konzept ist (Holthusen et.al. 2011), kann die Vertrautheit mit geläufigen Kategorien und Unterscheidungen einen differenzierten Einsatz von Präventionsansätzen befördern, obwohl bisher kein einheitliches Kategorienraster vorliegt. Einflussreich ist eine Begrifflichkeit des amerikanischen Psychiaters Gerald Caplan (1964) geworden, der die primäre, sekundäre und tertiäre Prävention unterschieden hat und damit den jeweiligen Interventionszeitpunkt zum Abgrenzungsmerkmal unterschiedlicher Präventionstypen gemacht hat. Primäre Prävention setzt bereits im Vorfeld des Auftretens unerwünschter Zustände an und will ihre Herausbildung unterbinden, sekundäre Prävention richtet sich auf erste Ausprägungen und Anzeichen und möchte deren Verfestigung verhindern und tertiäre Prävention richtet sich auf bereits manifeste Erscheinungen, um einem erneuten Auftreten vorzubeugen (Johansson 2012).

Wer obige drei Komponenten und ihre Voraussetzungen vor Augen hat und dies liest, wird merken, dass primäre Prävention irgendwie keinen Sinn macht. Warum? Weil sie, so Dr. Lüders, eine Frechheit, logischen Unsinn, unerlaubte Annahmen und einen Generalverdacht darstellt. Denn: Wenn ich mit einer bestimmten Gruppe aus bestimmten Gründen arbeite, betreibe ich bereits sekundäre Prävention. Primäre Prävention würde ich dann prinzipiell mit der gesamten Bevölkerung betreiben, oder eben mit „ostdeutschen Jugendliche“ oder „muslimischen Jugendlichen“ – was auch nicht so differenziert ist. Sollte ich aber wirklich davon ausgehen, dass jeder Jugendliche suchtgefährdet, rassismusgefährdet, ausreisegefährdet oder sonstwas ist? Ein Generalverdacht ist empirisch nie haltbar, sondern nur postfaktisch möglich, um das Unwort des Jahres auch einmal benutzt zu haben… Sollte ich, wenn ich einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz vertrete die von mir verrichtete Arbeit nicht vielleicht besser „Demokratieförderung“, „politische Bildung“, „Vielfaltsförderung“ oder irgendwie anders nennen?

Das gleiche Problem ergibt sich übrigens auch, wenn ich nicht von primärer, sekundärer und tertiärer Prävention spreche, sondern von universeller, selektiver und indizierter – Eine bloße Begriffsänderung entledigt uns nicht des Problems. Der Begriff „Prävention“ hat nämlich im Gegensatz zum Begriff „Bildung“ immer einen gewissen negativen Ansatz.

Natürlich kommt man, wenn man denn „offiziell Prävention betreibt“ dem Präventionsbegriff – der ja auch seine Daseinsberechtigung hat – selbst nicht aus, wohl aber dem Begriff der „primären Prävention“. Wenn ich auf Bitte eines Schulleiters hin Workshops mit einer bestimmten Klasse durchführe, mit einem Lehrerkollegium aufgrund bestimmter Vorfälle, in einem Jugendzentrum aufgrund gegebener Anlässe bestimmte Dinge gleich welcher Natur zu erarbeiten, dann betreibe ich nämlich bereits sekundäre Prävention. Jeder, der in diesem Feld arbeitet möchte Stigmatisierung  und Generalverdacht vermeiden, und indem wir den Begriff der „primären Prävention“ bewusst meiden, tun wir das meines Erachtens nach. Vielleicht ändert es ja auch etwas an unserem Verhalten und unserer Didaktik in der Bildungsarbeit, wenn wir vorrangig an „Bildung“ denken, und nicht an „Prävention“.

Darüber hinaus erwähnte Herr Dr. Lüders noch den Begriff der „Quartiärprävention“ oder „quartiären Prävention“, welcher aus der Medizin stammt und die Verhinderung unnötiger Medizin oder Verhinderung von Übermedikalisierung zum Ziel hat und das Prinzip des „primum non nocere“ als einen Grundpfeiler aller Medizin berücksichtigt.“

Wenn ich lese, was manche selbsternannte Internetimame und Koryphäen der „Prävention“ zu kritischen Themen schreiben, wie sie mit ihrer Zielgruppe und Kritikern umgehen, und anhand welcher Methode wie versuchen Inhalte zu vermitteln, sollten „Schäden“ durch Methodik und Lehrinhalte durchaus thematisiert und analysiert werden. Obgleich dieser Begriff bislang in der „Radikalisierungsprävention“ noch keine Verwendung findet, plädiere ich dafür. Unaufrichtige Theologie und Anbiederung gehören meines Erachten nach nämlich zu den fatalsten Fehlern, die in jenem Feld begangen werden können.