Kaum ist das neue Jahr in all seiner Wirklichkeit über uns hereingebrochen, vergessen wir das vergangene und die Zeit fließt unaufhörlich und unbemerkt dahin, bis schließlich das angebrochene Jahr ein jähes Ende findet. Noch nie schrieb ich einen „Jahresrückblick“, aber da mich ein lieber Mensch auf diesen Wettbewerb aufmerksam machte, ließ ich mich nieder und reflektierte faktisch subjektiv in meiner eigenen Postfaktizität über das vergangene Jahr, um einige Zeilen zu tippen. Vielleicht inspiriert es ja den einen oder die andere ebenfalls bis zum 15. Januar am Wettbewerb des BIG  mitzumachen, oder es gefällt ihm oder ihr gar untenstehender Text und regt zur Reflexion an. Kritik ist ausdrücklich erwünscht.

2016 –faktisch postfaktische, ultrasubjektive Gedanken.

Das Jahr 2016 war, wie alle Jahre vor ihm, ein ereignisreiches Jahr und ist nun faktisch vorbei, gegessen, vorüber, unwiederbringlich vergangen. Vieles, was in diesem Jahr geschehen ist, geschah „postfaktisch“ – wobei „postfaktisch“ auch das Wort jenes Jahres darstellt, welches die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ eng gefolgt von „Brexit“ und „Sylvesternacht“ zum Wort des Jahres wählte. Das Jugendwort des Jahres ist übrigens „fly sein“ – wobei ich von diesem nur dank meinem Newsfeed erfuhr, da dessen Verwendung faktisch an mir vorbeigezogen ist. Der britische Moderator und Satiriker John Oliver prägte zudem zum Ende des glorreichen Jahres den Hashtag #fucku2016 und wünscht sich, jenes Jahr ungeschehen machen zu können, um es aus der Menschheitsgeschichte zu streichen. Vielen von uns wird es postfaktisch als grauenvolles Jahr in Erinnerung bleiben – die AfD hielt aufgrund postfaktischer Gefühle faktisch Einzug in viele Landtage; Donald Trump wurde durch einen postfaktischen Wahlkampf zum faktischen Präsidenten der Vereinigten Staaten; Recep Tayyip Erdogan und die Türkei überlebten faktisch einen wirklichen Putschversuch, was postfaktisch alle aus unterschiedlichsten Gründen empörte und zu einem politischen Durcheinander führte, welches wohl weder Politik noch Bürger in den kommenden Jahren faktisch auflösen können werden. Faktisch geschahen überall auf der Welt zudem fürchterliche, unvorstellbar schlimme Verbrechen an unzählbaren Menschen – woraufhin wir uns faktisch – oft aufgrund postfaktischer Meldungen und Nachrichten –empörten, uns in den sozialen Medien darüber ausließen, Dinge verurteilten, Petitionen unterzeichneten, um uns ein bisschen besser zu fühlen.  Faktisch können wir jenes Jahr aber nicht rückgängig machen, ja nicht einmal mit unserem beschränkten Auffassungsvermögen in Gänze erfassen und verarbeiten – was allerdings in der Natur der Sache liegt, denn Fakt ist: die Welt ist groß! Faktisch konsumieren wir meist nur Informationen über das Weltgeschehen, ohne wirklich zu wissen oder zu verstehen, um es dann postfaktisch zu verarbeiten, um unseren Verstand – oder das, was wir dafür halten – nicht gänzlich zu verlieren. Vielleicht liegt es an unserem Zeitalter, der Postmoderne, dass wir faktisch alle glauben zu wissen, allerdings nicht mehr wissen, was denn eigentlich „Wissen“ von „Verstehen“, „gehört haben“, „Gewissheit“ und „verstanden haben“ unterscheidet. Vielleicht wissen wir es faktisch, sind aber aufgrund von postmoderner Degeneration, Dekadenz und Sprachverarmung schlicht nicht mehr in der Lage unsere Gedanken durch Sprache auszudrücken oder auf Papier zu bringen, weil wir zu viel Zeit vor Monitoren, Tablets und Smartphones verbringen, die Welt um uns aus den Augen verloren haben, und unser Newsfeed auf Instagram und Facebook geprägt und gefüllt ist von Menschen, die ähnlich denken wie wir, welche weder Groß- noch Kleinschreibung achten, Kommata und Satzzeichen nicht kennen, verlernt haben ihre Gefühle durch Worte zu beschreiben und stattdessen lieber aus 500 Emojis wählen. Oft konsumieren wir dies unreflektiert und merken nicht, dass uns die Faktizität unseres Informationskonsums gleichschaltet. Da wir alle bestens „informiert“ sind, glauben wir Experten geworden zu sein, der Lügenpresse keinen Glauben mehr schenken zu können, da sie ja in Wahrheit gleichgeschaltet sei. Wobei bezeichnend ist, dass der „Gutmensch“ des Mittelstands von den türkischen Medien glaubt, dass diese faktisch gleichgeschaltet wären, wohingegen der ostdeutsche AfD-Wähler zu wissen meint, dass es faktisch die deutschen Medien wären, und der in Deutschland geborene, einen deutschen Pass besitzende, junge, AKP-affine Erwachsene mit türkischen Migrationsbonus meint, es seien schlicht die westlichen Leitmedien und einzig die Türkei besitze eine wahre Demokratie und freie Medien – und würde sich zudem wirklich um ihn, als deutschen Exiltürken mit blauer Karte selbstlos sorgen, seine Interessen mitvertreten und die Welt schon richten. Wir sind zu Beginn des neuen Jahres in unserer Subjektivität verfangen, glauben faktisch, dass unser Weltbild und Denken auf Wissen basiere, wir die einzig aufgeklärten Menschen wären, wobei wir keine Nachricht aus gleich welchem Medium noch einmal verifiziert hätten, sie geschweige denn wirklich verifizieren könnten. Wir glauben schlicht aufgrund emotionaler Affinität, und weil es eben unser gesamtes Umfeld, unser unhinterfragter Staat, unser Newsfeed mit ähnlich denkenden Freunden ebenfalls glaubt, ohne zu wissen, ohne wirklich zu hinterfragen, ohne uns selbst zu verstehen – oder gar die Welt in der wir leben. Wir bedienen ständig Stereotype und stigmatisieren, so wie ich zwei Sätze zuvor, da wir faktisch nie Denken und Differenzieren gelernt haben und es in einer Zeit, da so viel Schlimmes geschieht, auch viel zu anstrengend und nutzlos scheint, wirkliche Sinnfragen zu stellen, uns mit uns selbst, unseren Familien, unseren Gemeinden, unserem Freundeskreis und den Problemen, die wir wirklich verändern können, zu beschäftigen. Wer kann als einzelner faktisch schon wirklich etwas bewegen und den Schaden des postfaktischen Handelns der Menschheit faktisch beheben? Wir sind faktisch verzweifelt, wenn wir darüber nachdenken, und hoffnungslos, verstehen faktisch, dass wir uns faktisch kollektiv in diese Situation gebracht haben, unseren Planeten kollektiv faktisch vernichten und unsere Kindeskinder ihrer Lebensgrundlage berauben, wobei wir fröhlich damit fortfahren, die wahren Herausforderungen faktisch zu ignorieren, während wir uns durch postfaktische Emotionen zu faktisch sinnlosem Handeln und gravierenden Fehlern anstiften lassen. Es macht mich traurig und nachdenklich faktisch auf das Jahr 2016 zurückblicken zu müssen, um zu erkennen, dass auch ich nur postfaktisch darüber urteilen kann; dass all mein Geschriebenes, meiner eigenen Subjektivität entspringt, ich in jener ebenso befangen bin wie die restlichen acht Milliarden Menschen dieser Erde – wobei ich mir im Gegensatz zur absoluten Mehrheit dieser den Luxus erlauben kann, überhaupt darüber nachzudenken und zu schreiben, da mich keine existenziellen Ängste plagen und ich faktisch den Frieden und Wohlstand der Postmoderne in der ersten Welt tatsächlich leben darf. Vielleicht lässt sich faktisch ja feststellen, dass im postmodernen Zeitalter der Postfaktizität schlicht die Wahrheit, gemeinsam mit dem Wunsch und Streben nach ihr, schließlich schleichend verloren gegangen ist. Denn harte Fakten interessieren uns nicht mehr, es geht uns vielmehr um „gefühlte“ Ausgrenzung, „gefühlte“ Ängste, „gefühlte“ Gefahren, „gefühlten“ Gottglauben, „gefühlte“ Sicherheit, damit wir uns eben gut fühlen. Wir leben so spät „post christum“ und „post Muḥammadun“, sind in unserer postmodernen, postindustriellen, pornosüchtigen und postfaktischen Welt derart verfangen, dass wir die Wirklichkeit unserer eigenen Welt und unseres eigenen Lebens wohl erst post mortem, nach dem Tode, wirklich begreifen werden. Dann erst werden wir post festum, wenn es bereits zu spät ist, wirklich begreifen und uns unserer eigenen Nachlässigkeit rügen, ohne es allerdings den postpostmodernen Menschen mitteilen zu können oder das Leid unserer Kindeskinder verringern zu können.

Daher plädiere ich dafür gemäß dem sufischen Rat „Stirb, ehe Du sterben musst!“ in aller postmodernen Postfaktizität, es mit einem Perspektivwechsel zu versuchen und präfaktisch zu sterben, um faktisch zu leben – da es nach dem faktischen Ableben wirklich vorbei und tatsächlich zu spät ist. Auf dass wir einen Neuanfang wagen, versuchen emotional, in unserem Denken und im Geiste, präfaktisch für einen Moment zu sterben, auf dass uns eine neue, frische Geisteshaltung zuteilwerde, ehe uns faktisch und tatsächlich das Zeitliche segnet, denn noch ist Zeit die Welt zu ändern, und sei es auch nur die kleine Welt, welche wir faktisch beeinflussen und lenken können. Ganz nach Goethe, der da schrieb:

Und so lang Du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist Du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde

Das beste Geschöpf Gottes empfahl uns nämlich einen Baum zu pflanzen, auch wenn wir wüssten, dass am Tag darauf die Welt zugrunde gehe. So lasst uns denn der Welt und unserer jeweils eigenen Wirklichkeit ins Auge blicken und die große Welt faktisch relativieren, auf dass zumindest unsere kleine Welt im kommenden Jahr eine bessere wird, auf dass wir mit dem zufrieden sind, was Gott für uns bereits vorhergesehen hat, und wir im Gedenken Seiner wahren Frieden finden.

Hier als PDF: essay-2016-matthiasbschmidt-endversion