In einer Zeit der Geschmacklosigkeit freut man sich besonders, wenn man guter, anregender Lektüre vorrüberkommt. Kermanis Werk Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime ist eine solche. Mir fehlen im wahrsten Sinne des Wortes die Worte und auch die Kompetenz um Navid Kermanis Büchlein gebührend zusammenzufassen, zu umschreiben, zu loben, zu kritisieren oder gebührlich zu werten. Erschreckend fand ich, dass er es bereits 2009 verfasste, es aber nichts an seiner Aktualität eingebüßt hat. Damals hätte ich sein Buch wohl weder zu schätzen gewusst, noch verstanden – weshalb es durchaus ein Segen ist, es erst jetzt entdeckt zu haben. Ich würde eine Lektüre dieses Buches jedem empfehlen, ganz gleich welcher Ethnie oder Religion er sich zugehörig fühlt. Das gesamte Werk war mit Spannung zu lesen, wunderbarer Selbstironie und in schönem Stil, der für mich persönlich nur von Roger Willemsen übertroffen wird. Wäre ich gezwungen es zusammenzufassen, so würde ich sagen: Es ist ein Plädoyer für demokratische, plurale Vielfalt – zugleich aber auch ein Plädoyer traditionarisch zu sein, weder seine religiösen Überzeugungen abzulegen, noch sich in irgendeiner Form zu assimilieren oder aufzugeben. Darüber hinaus stellt er das Dilemma aller möglichen Volksgruppen der Bundesrepublik oft überspitzt, stets aber treffend dar. Alle anderen Werke Kermanis sind mir fremd, ich habe sie bislang nicht gelesen – möchte es aber wirklich nachholen und mache mir große Hoffnungen.

Nun aber einige Zitate, die mir besonders gefielen. Diese sind in keiner Weise repräsentativ für das Buch, denn Kermani schreibt über bürgerliche Ideologien, seine eigene Autobiographie, die Politik Deutschlands und der Welt, Ambiguitätstoleranz, die deutsche Islamkonferenz und im Anhang des Buches findet sich gar eine Rede mit dem besten Plädoyer muslimischen Lehrerinnen das Kopftuchtragen zu erlauben, das ich je gelesen habe. Die folgenden Zitate wurden bewusst gewählt, da sie – glaube ich – wichtige Punkte ansprechen und Lust auf mehr machen. Die Zitate wurden absolut aus dem Kontext gerissen und stammen aus der achten Auflage des Buches, erschienen bei C.H. Beck, 2016.

Distanzierungen? Ja, die sind schnell gesprochen und kostenlos herunterzuladen von den Homepages aller muslimischen Verbände. Das ist ein Ritual, dem ich unbeteiligt zusehe. In dem Augenblick, in dem ich mich distanziere, billige ich dem Gegenüber das Recht zu, mich zu verdächtigen. Zu den Aufgaben und Pflichten muslimischer Organisationen gehört es, sich öffentlich zu bekennen, aber wenn ich als Individuum in Europa qua Religion oder Herkunft verdächtig wäre, die Barbarei zu unterstützen, sollte ich mir lieber gleich einen neuen Kontinent suchen, möglichst weit weg vom Weltgeschehen. Viel schwieriger als die Distanzierung ist es, sich und anderen begreiflich zu machen, wo die Ursache der religiös motivierten Gewalt liegt und was dagegen zu unternehmen wäre. … [S. 85]

…Wie oft lese ich einen Artikel oder jemanden im Fernsehen und denke: Ach, Kollege, fahr doch mal für einen Monat in ein arabisches Land oder lies ein Buch mit zumindest passabler wissenschaftlicher credibility, bevor du uns hier eine Fatwa über den Islam um die Ohren schlägst. Aber dann denke ich auch: Wenn der wüßte, wie tief das Desaster wirklich reicht! Wie katastrophal etwa der Zustand der Theologie ist! Nehmen wir die Azhar-Universität in Kairo, die größte religiöse Institution des sunnitischen Islams. Nein, sie ist keine Kommandozentrale im Krieg gegen den Westen. Im Gegenteil: Der oberste Scheich der Azhar-Universität sagt jeden Tag und jede Freitagspredigt nein zum Terror und tut alles, was seine Regierung und die westlichen Medien von ihm verlangen. Er versteht sich als Bollwerk gegen den Fundamentalismus. Aber – und das steht beispielhaft für die Lage des Islams – das intellektuelle Niveau, auf dem innerhalb der zentralen religiösen Autorität der sunnitischen Muslime über Religion nachgedacht wird, dürfte von den meisten evangelischen Gemeindepfarrern übertroffen werden. Die intellektuelle Auszehrung des orthodoxen Islams – dessen einstige Beweglichkeit einen nur staunen machen kann -, dieser Niedergang einer hochstehenden religiösen Kultur ist es, was den Fundamentalismus erst ermöglicht hat. Der Fundamentalismus ist nicht in der Orthodoxie entstanden, sondern ist die Antwort auf die Krise der Orhodoxie. Weil die Orthodoxie keine Antworten mehr gab, hat sich in den städtischen Mittelschichten der politische Islam herausgebildet. … [S. 88/89]

Fragen nach der Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit des Islams mit der Demokratie oder den Menschenrechten sind deshalb so müßig, weil es erstens „den“ Islam nicht gibt und er sie zweitens, selbst wenn es ihn gäbe, nicht beantwortete. Allenfalls ließe sich mit Blick auf die Historie sagen, daß Demokratie und Menschenrechte Möglichkeiten des Islams sind. Daß der Islam in einem säkularen Staat integrierbar ist, wäre daher mit Hinweis auf die Beispiele einer solchen Integration prinzipiell zu bejahen. Zu fragen aber bliebe, ob die Muslime sich in Deutschland integrieren werden. Die Antwort muß nicht die gleiche sein. … [S. 130]

Abschließend noch ein Auszug aus Kermanis Rede vom 14. Januar 2015, anlässlich einer Trauerkundgebung für die Opfer der Pariser Anschläge, ebenfalls im Buch abgedruckt:

 … Erlaubt mir deshalb, liebe Mitbürger, liebe Freunde, erlaubt mir, an dieser Stelle ein Wort speziell an Muslime unter Euch zu richten, an meine Geschwister im Glauben. Es reicht nicht zu sagen, daß die Gewalt nichts mit dem Islam zu tun habe. In dem Augenblick, da sich Terroristen auf den Islam berufen, hat der Terror auch etwas mit dem Islam zu tun. Wir müssen die Auseinandersetzung mit der Lehre suchen, die heute weltweit Menschen gegeneinander aufhetzt und Andersgläubige ermordet oder erniedrigt. Dschihadisten haben in den vergangenen Monaten Hunderttausende Christen, Jesiden und überhaupt alle Andersdenkenden vertrieben, vergewaltigt, ermordet. Sie haben in Pakistan erst vor ein paar Wochen eine Schule überfallen und 141 Menschen erschossen, die allermeisten von ihnen Kinder. Und am selbten Tag, da Dschihadisten in Paris die Redaktion von Charlie Hebdo überfielen, haben Dschihadisten in Nigeria ein ganzes Dorf dem Erdboden gleichgemacht und viele Hundert, wenn nicht zweitausend Zivilisten massakriert – im Namen des Islams, meine Brüder und Schwestern. Und ob diese Dorfbewohner Muslime waren oder Christen, das interessiert mich überhaupt nicht, das will ich hier nicht einmal erwähnen – es waren Menschen, friedliche, wehrlose Menschen, auch sie unsere Brüder und Schwestern.

Der Islam hat immer wieder Wellen der Gewalt und Barbarei erlebt, es gab den Sturm der Mongolen und es gab den Sturm der Kreuzfahrer. Aber diese Gewalt und diese Barbarei, sie kommt aus unserer eigenen Mitte, für sie ist weder der Mossad noch die CIA zuständig. Es liegt an uns – nicht nur an den Verbänden, nein, an jedem einzelnen von uns -, die Fratze abzureißen, die das Gesicht unserer Religion entstellt. Es ist unsere Verantwortung und unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, daß man den Islam nicht mehr mit Terror und Gewalt, sondern wieder mit Freiheit und Gerechtigkeit verbindet, nicht mehr mit Engstirnigkeit und Dogmatismus, sondern Vernunft und Toleranz, nicht mehr mit Unterdrückung und Strafe, sondern Humor und Kultur. Vor allem aber liegt es an uns, das höchste Gebot des Islams, der Barmherzigkeit, wieder Geltung zu verschaffen. „Wahrlich, erhebst du auch deine Hand gegen mich, um mich totzuschlagen, so erhebe ich doch nicht meine Hand gegen dich, um dich zu erschlagen“ – das werden heute die meisten für die Bergpredigt halten, ist aber doch unser eigener Koran, Sure 5,28.

Schaut nicht weg, wenn Eure Kinder, Geschwister oder Freunde von einem auf den anderen Tag den Koran hochhalten, den es nur streng wörtlich auszulegen gelte, und sich als Moralapostel aufführen, die alles besser zu wissen glauben, diskutiert mit ihnen, weist sie hin auf die tausendvierhundertjährige Tradition islamischer Gelehrsamkeit, beginnend mit dem Propheten selbst, der den Koran niemals nur wörtlich verstand und stets mehr als nur eine einzige Auslegung akzeptierte. Sagt ihnen, daß die Nachfolge des Propheten nicht darin besteht, eine bestimmte Kleidung oder einen bestimmten Bart zu tragen, sondern von der Vernunft Gebrauch zu machen, das Wissen selbst in fernsten Ländern zu suchen und Werke der Mildtätigkeit zu tun. Macht ihnen klar, daß Dschihad nach allen maßgeblichen Deutungstraditionen des Islams nur ein genau umrissener und zeitlich begrenzter Verteidigungskampf sein kann und nie und niemals die Ermordung wehrloser Menschen. Erinnert sie daran, daß der eigentliche Dschihad keineswegs der Kampf gegen Ungläubige ist, sondern der Kampf des Gläubigen mit sich selbst.

Ignoriert in Euren Moscheen und Schulen und Familien nicht die Verse, die im Koran selbst zur Gewalt aufzurufen scheinen, sondern sprecht sie offen an, diskutiert sie und bettet sie ein in ihren historischen Kontext. Schreitet ein, wenn verächtlich über Andersgläubige gesprochen wird und zumal, wie es unter unseren Jugendlichen immer häufiger geschieht, zumal über Juden. „Der Mensch ist entweder ein Bruder im Glauben oder ein Bruder in der Menschlichkeit.“ Das sagte im siebten Jahrhundert ʿAlī b. Abī Ṭālib, der als vierter Kalif und zugleich erster Imām wie kein anderer Nachfolger des Propheten Sunniten und Schiiten verbindet. Das, genau das ist aber auch zugleich der humane Kern, der den morgen- und abendländischen Religionen gemeinsam ist und in der Französischen Revolution als Gleichheitsgebot säkularisiert wurde. … [S. 185-188.]

Wer bis hier gelesen hat, die Zitate aus Kermanis Buch doof findet, oder gar Kermani selbst – der sollte das Buch dennoch lesen. Denn es ist brillant und unbedingt lesenswert – könnte ich, so würde ich es gar zur Pflichtlektüre erheben und in jeder Moscheebuchhandlung Deutschlands zum Verkauf feilbieten.

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