Die Gelehrten [der Gesamtströmung der Salafīya] verheimlichen, dass sich ihre Ansichten und ihr Gedankengut andere Muslime als Glaubensleugner zu bezichtigen [takfīr] mit dem IS deckt. Sie widersprechen diesen zwar in politischen Angelegenheiten, widersetzen sich aber nur herzlos, faul und nachlässig dem Gedanken und dem Takfīr der Radikalen. Sie können sich ihnen nämlich nicht überzeugt widersetzen. Sie erheben sich gegen den IS oder ähnlich gesinnten, ohne die Absicht zu tragen, sie von ihren Ansichten abzubringen. Letztlich sind ja die Taten dieser Radikalen auch nur das, was auch sie in ihren Innersten gut heißen. Daher sind sie nachlässig in ihrem Widerstand und ihrer Kritik – und zwar sehr nachlässig! Wird Druck auf sie ausgeübt, sich in einer aktiven Weise gegen diese zu äußern, schwingen sie lange Reden zur Widerlegung dieser ohne Tiefgang, ohne dass es irgendeinen Verseuchten heilen oder den Durst eines Durstigen stillen könnte, ohne dass es einen einzigen Zweifel beantwortet oder irgendeine Demagogie aufdeckt hätte. Es sind lediglich oberflächliche Antworten. Größter Beweis hierfür ist, dass dieses radikale Gedankengut weiterhin existiert, Unterstützung genießt, sich verbreitet und dieser Extremismus und Radikalismus sich auf die Bücher und Schriften stützt, die hier [in Saudi Arabien] immer noch gelehrt und studiert werden. Wie können diese sich also effektiv und aufrichtig gegen diese Lehren äußern? Sie vertreten ja die gleiche Ansicht, folgen im Takfīr den gleichen Grundlagen, den gleichen extremen und radikalen Methoden:

1. Diese Gelehrten sind ebenfalls der Ansicht, dass bei Unterstützung der Nichtmuslime gegen die Muslime ein absoluter Grund für den Austritt aus dem Islam eingetreten ist. Wie sollen sie sich also gegen diejenigen stellen, welche die muslimischen Regenten, Regierungen und Staaten als Glaubensfeinde erachten, wenn doch diese Gelehrten ebenfalls diese als Glaubensleugner erachten und das als Grund für den Takfīr sehen?!

2. Wie sollen diese Gelehrten sich jenen widersetzen, die der Ansicht sind, dass das Urteilen mit etwas anderem als dem, was Allah offenbarte, ein unbedingter Grund für das Verlassen der Religion ist, wenn doch diese Gelehrten selbst dieser Ansicht sind! Hinzukommt, dass ihre eigenen Regierungen und Staaten Internationale Verträge eingegangen sind, diesen Urteilen sich untergeordnet haben und mit Urteilen herrschen, welche sich außerhalb der Scharia befinden und diese bei diesen Urteile ersuchen.

3. Wie sollen sie sich jenen widersetzen, welche die Unwissenden als Glaubensleugner erachten, wenn sie die Gräber umrunden, neben den Gräbern Tiere schächten und von den Grabesbewohnern Fürsprache ersuchen oder sich wünschen, dass mit Allahs Erlaubnis ihre Wünsche dadurch erfüllt werden?! Diese Scheichs sehen diese Handlungen ja ebenfalls als Glaubensaustritt!

4. Wie sollen sie sich jenen widersetzen, welche seit Jahrhunderten gegen die Mehrheit der sunnitischen Schulen und Gelehrten (wie die Ašʿarīs und Māturīdīs) sind und sich gegen diese Lehren erhoben haben, als Glaubensleugner erachten? Sie selbst erachten diese ja offenkundig als Glaubensleugner oder bezeichnen sie mit Eigenschaften, die Glaubensleugnung bedarf. Sie sagen, diese Sunniten würden ihren Herrn nicht kennen, oder Ihn nicht wertschätzen, wie es Seiner gebührt oder würden das Nichts anbeten…

5. Wie sollen sie sich jenen widersetzen, die Zwang ausüben auf andersdenkende Muslime, während sie der Ansicht sind, dass die Altvorderen (Salaf) gegen die Erneuerer ebenfalls Zwang dieser Art ausübten und dies berechtigt sei? Sie akzeptieren ja diesen Zwang, diese Behandlung und diesen ideologischen Druck und erachten denjenigen, der diese widerlichen Worte sprach als „Löwen der Sunna“, den „meistgelehrten Imām“ und dergleichen.

6. Wie sollen sie sich jenen widersetzen, die der Meinung sind, dass Unwissenheit und Interpretation keine Entschuldigung darstellen und das Hören des Korans allein, oder gar die Verbreitung des Hörens des Korans an alle Orte (und somit das mögliche Hören dessen) als etwas erachten, was jegliche Entschuldigung aufhebt und wodurch sie jene als Glaubensleugner erklären können, welche das Glaubensbekenntnis sprechen?! Sie selbst sind ja der Ansicht, dass Unwissenheit und Interpretation der Texte keine Entschuldigung darstellen. Sie sind der Ansicht, dass das Verstehen der Beweise oder das Aufheben der Zweifel keine Bedingung ist, sondern nur die alleinige Möglichkeit einzig den Koran zu hören jede Entschuldigung aufhebt und diese somit als Glaubensleugner zu erachten sind.

7. Wie sollen sie sich den Gruppen widersetzen, welche das Blut der Imamitischen Šīʿa als Ḥalāl erachten, mit der Behauptung, diese seien Glaubensleugner, wenn doch sie selbst diese als Glaubensleugner erachten, sie als Feueranbeter bezeichnen und sagen, sie seien schlimmere Glaubensleugner als Juden und Christen?!

8. Wie sollen sie sich jenen widersetzen, die in einer Angelegenheit ein definitives Urteil geben und obwohl es einen anerkannten und bekannten Dissens in der Thematik gibt, so tun, als wäre ihr Urteil ihnen von Gott offenbart worden und als wüssten sie die definitive Wahrheit und somit die Menschen zwingen, ihrem Urteil zu folgen und darin in Extreme verfallen?! Diese Gelehrten sind doch gleicher Ansicht! Ihre eigenen Bevorzugungen, die nur auf Vermutungen basieren, erachten sie als Wahrheit und die gewissenhaften Ansichten der vier Rechtschulen und der Imame – welche ebenfalls auf Wahrscheinlichkeit basieren, aber über die nicht gesagt werden kann, dass sie falsch sind – als Schwachsinnigkeiten abtun und der Ansicht sind, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gelehrten und den Imamen eine Falschheit ist?! Sie sind doch jene, welche dies laut verkünden! Daher also ist es unausweichlich, dass diese Gelehrten sich gegen die Extremisten und Radikalen nur nachlässig und faul erheben können.

Veröffentlicht: 8.8.2014
Von: http://www.al-madina.com/node/549396 (letzter Zugriff: 8.7.2016). [2]
Von Prof. Dr. Šarīf Ḥātim al-ʿAwnī – Ein bekannter Gelehrter aus Saudi Arabien, der die sunnitischen Lehren verteidigt, erklärt und sich gegen die salafitisch/wahhabitischen Positionen ausspricht.
Übersetzt von Muhammed F. Bayraktar