Leid und Leben sind beinahe untrennbar miteinander verbunden, und seit jeher ist jede Seele gezwungen damit umzugehen. Zweifelsohne ist dies oft schwer, schmerzhaft und nicht leicht zu bewältigen. Helfen kann in diesem Falle die Lektüre bestimmter Gebete und Gedichte, die wirklich erbaulich wirken:

Präludium

Wie anders ists’s gekommen,

Als ich mir einst gedacht,

Da sonnenheller Frühling

Im Herzen noch gelacht!

Und als zum Hochzeitsfeste

Die Myrte mich geschmückt,

Wer war, wie ich, beseligt,

Und wer, wie ich, beglückt?

Wie hab‘ ich schön geträumet

Der Ehe Himmelreich,

An Liebe und Vertrauen

Und süßen Freuden reich!

Es ist ganz anders kommen:

Der schöne Traum entwich,

Die Blüten mussten sterben,

Der Sonne Glanz erblich.

Nicht schaue ich die Reize

Der freundlichen Natur,

Nicht stolzer Wälder Schatten,

Die Blumen nicht der Flur –

Hab‘ manches Weh erfahren

Und manches Herzeleid,

Mußt‘ opfern und entsagen

In stiller Einsamkeit.

Oft hat in meine Seele

Sich bange Furcht gesenkt,

Oft wollte ich verzagen –

Doch Gott hat es gelenkt!

Er griff mit weisen Händen

Selbst in mein Schicksal ein,

Er wird’s zum Besten wenden,

Will ich nur treu ihm sein.

Er trocknet mir die Thränen,

In stiller Nacht geweint,

Er kennet all‘ mein Sehnen,

Er ist mein bester Freund.

Er weiß um meine Kämpfe,

Er hört mein kindlich Flehn

Und läßt zu meinem Heile

Nur alles so geschehn,

Tauscht einst mit Himmelwonne

Mein armes Erdenlos:

Drum will ich nicht verzagen,

Mein Gott ist reich und groß!

Beklagt mich nicht

Beklagt mich nicht in meinen Schmerzen,

Das, was ich leide, leid‘ ich gern,

Ich trag‘ es mit ergeb’nem Herzen

Still betend hin zu meinem Herrn.

Was ist denn auch die ird’sche Freude?

Was ist denn all das Glück der Welt? –

Ein täuschend Bild im Nebelkleide,

Das, ach, so bald in Staub zerfällt.

Wie anders herrlich ist das Hoffen,

Des sich das fromme Herz bewusst;

Den ganzen Himmel sieht es offen,

ist tief bewegt von heil’ger Lust.

Es weiß ja, daß in sel’ger Ferne

Ein Gott und ein Erbarmer wohnt,

Der, was es leidet, einstens gerne

Mit ew’ger Liebeswonne lohnt.

 [Im Original heißt es eigentlich: Ein Vater, ein Erbarmer…]

Laßt mir den Schmerz!

O laßt mir den Schmerz

Und das Leid und die Thränen!

Es bricht nicht mein Herz

Unter quälenden Sehnen.

Erst leidend und krank

Hab‘ den Herrn ich gefunden;

Wie tief’s in mich drang

Aus den heiligen Wunden!

Mein Glaube ward fest

Erst im Feuer der Proben;

Wer Gott nicht verläßt,

Wird gesegnet von oben!

Drum, stürmt auch der Schmerz,

Fort mit Kleinmut und Zagen!

O, still himmelwärts

Will ich kindlich ihn tragen,

Zum Throne des Lichts,

Hin zum ewigen Frieden,

Bis irdischem Nichts

Wird die Ruhe beschieden

[Entnommen aus: Emmy Giehrl, Kreuzesblüten, Paderborn, 1891.]