Unter vielen Sunniten geht die Meinung umher, dass das Festhalten an einem einzigen Kochbuch/Rechtsschule/Normschule/Maḏhab notwendig sei und zwar in allen Rezepten des Lebens. Nur bei starker Erschwernis und Unauffindbarkeit der Zutaten sei das Ausweichen auf eine andere Zutat oder ein anderes Rezept. Insbesondere unter türkischen und indo-pakistanischen Köchen ist diese Meinung vertreten. Sie wird Taqlīd šaḫsī genannt – das Befolgen eines einzigen Meisterkoches. Wie sieht es aber mit der Meinung unter den klassischen Köchen aus? Geht es auch anders?

Einleitendes:

  1. Folgendes muss klar gestellt werden: Es gibt Laien (ʿāmmi) und Gelehrte, die sich in verschiedene Stufen gliedern (auch bekannt als Ṭabaqāt ul-fuqahāʾ). Die höchsten Gelehrten sind die Muǧtahid Muṭlaq – also jene, welche absolut freie und ungebundene Normen aus den Normquellen (Qurʾān und Sunna) entnehmen können und nicht an die Meinungen anderer gebunden sind. Dieser Muǧtahid darf kein Taqlīd machen. Sein Urteil, so die Prinzipien, ist das Urteil Gottes. Das bedeutet, Gott wird am Tage des Gerichts den Laien gemäß dem Urteil dieses Muǧtahids zur Rechenschaft ziehen – wenn der Laie diesem Urteil gefolgt ist.
  2. Die Frage lautet nun: Müssen die Laien – also jene, die keine Fachmänner der Praktischen Theologie, des Fiqh sind – einem einzigen Mufti=Muǧtahid folgen, das heißt, eine einzige Maḏhab haben? Die Gelehrten verneinen dies. Der Laie habe gar keine Rechtsschule/Maḏhab. Ihr Maḏhab ist der lokale Mufti und einzig dem – oder einen von denen –  haben sie zu folgen. Idealerweise ist der Mufti ein Muǧtahid, oder mindestens ein Muǧtahid fi ʾl-maḏhab. Gibt es den nicht, dann der Qāḍī.
  3. Desweiteren darf keine Handlung ausgeübt werden, ohne dass das Urteil eines Gelehrten diesbezüglich eingeholt wurde. Eine Tat zu begehen in der Hoffnung, sie sei erlaubt, ist falsch.

Während es sehr wohl die Meinung des Taqlīd šaḫsī gibt, stellt sie die Meinung einer Minderheit dar. Sie besagt, dass jemand einzig nur einer Meinung folgen darf und zwar beispielsweise nur der Meinung oder Schule des Imam Abū Ḥanīfa. Sehen wir aber, welche Ansichten es unter den Gelehrten dazu gibt:

  1. Einige der Gelehrten sagten: Es ist eine Pflicht für den Laien, dass er an einer einzigen Maḏhab festhält. Dies, weil er der Überzeugung ist, dass diese Maḏhab die Wahrheit ist. Daher ist es seine Pflicht, gemäß seinem Glauben zu handeln. Dies sagte unter anderem ʿAllāma Ibn ʿĀbidīn in Radd.
  2. Die meisten Gelehrten aber sagten: Es ist nicht notwendig, einen bestimmten Imam in allen Angelegenheiten und Geschehen zu folgen. Im Gegenteil, dem Laien ist es erlaubt irgendeinem Muǧtahid seines Wunsches zu folgen. Wenn er also sich an der Schule des Abu Ḥanīfa oder aš-Šāfiʿī festhält, ist es nicht nötig, dass er auch weiterhin daran festhält. Er kann bei Wunsch zu einer anderen Rechtsschule wechseln.
  3. Al-Āmidī und al-Kamal Ibn Humam sagten beide: jeder darf einem beliebigen Imam in beliebiger Angelegenheit folgen. Ab dem Moment aber, wo sie das Befolgen anfangen, dürfen sie in dieser bestimmten Angelegenheit nicht mehr einen anderen befolgen. In allen anderen Angelegenheiten darf er dann einem anderen folgen. Ibn Humam – möge sich Allah seiner erbarmen – und sein Schüler Amīr b. al-Ḥāǧǧ in al-Taḥrīr schreiben: „Dem Befolger ist erlaubt, jeden Taqlīd zu machen, den er will. Wenn ein Laie die leichteste Meinung eines Muǧtahid nimmt, kenne ich keinen einzigen rationalen oder textuellen Grund, der ihn davon abhalten sollte. Wenn eine Person der leichtesten Meinung eines Muǧtahid folgt, dem der Iǧtihād erlaubt ist, weiß ich nicht, warum dies im Offenbarten Gesetz verboten oder kritikwürdig sein sollte. Der Gottgesandte sallallahu ʿalayhi wa sallam liebte alles, was seiner Umma die Bürde erleichterte.“

[Fawātiḥ ur-raḥāmut šarḥ musallam iṯ-ṯubūt, Ibn ʿAbdišakūr, 2/402; Musallam aṯ-ṯubūt, 2/355; Šarḥ ul-maḥallī ʿalā jamʿi ʾl-ǧawāmiʿ, 2/328; at-Taqrīr wa ʾt-Taḫbīr, 3/344; Šarh ul-Isnawī, 3/266; al-Madḫal ila maḏhab il-imām aḥmad, S. 193; Iršād ul-fuhūl, Šawkāni, S. 240; Fatāwa Šayḫ ʿAyyāšī ʾl-Mālikī, 1/60. Quellenangaben sind aus der Schrift des verstorbenen Dr. Wahbī Zuhaylī  – möge Allah sich seiner erbarmen – und diese Zusammenfassung ist von Abdulaziz Suraqah]

Oft wird die Frage aufgeworfen, ob das Mischen der Rechtsschulen erlaubt sei. Die Frage lautet: Darf ich z.B. im Essen Mālikī sein, im Gebet Ḥanafī und im Wuḍūʾ Šafiʿī? [In der Welt der Theologenwürze ist uns bislang niemand begegnet, der Ḥanbalī sein wollte.]

Es gibt verbotene Arten des Talfīq [des Mischens von Rechtschulen]. Beispiele für diese Art von Talfīq sind Mischungen, die letztlich dazu führen, dass eindeutig Verbotenes zu Ḥalāl erklärt wird, wie beispielsweise Zinā. Diese Art des Talfīq ist in sich verboten. Andere verbotene Formen nach einer großen Anzahl von Gelehrten sind:

  1. Absichtlich und danach suchend die Erleichterungen aus allen Schulen zusammenwürfeln, ohne dass es dafür eine Notwendigkeit oder rechtliche Begründung gibt. Dies ist nicht an sich verboten, sondern verboten aufgrund der Abwehr des Schadens [sadd uḏ-ḏarīʾa]. Der Schaden wäre die Korruption die um sich greifen würden. [Das heißt, an sich wäre dies nicht verboten, doch es würde zu einem Spielen mit der Religion werden, was nicht erlaubt ist. Der Hinweis „eine große Anzahl von Gelehrten“ sagt uns, dass auch Großgelehrte und auch Meister des Sufismus gab, die dergleichen erlaubten.]
  2. Talfīq welches die Herrschaft der Regierung in Frage stellen würde, da die Regelungen des Herrschers die Meinungsverschiedenheit aufhebt um die Anarchie zu verhindern. [Auch hier gibt es Feinheiten zu beachten. Imam al-Qarāfī war strikt gegen die Forcierung einer bestimmten Meinung.]

Alle anderen Formen des Talfīq sind nach Mehrheit der Gelehrten akzeptiert und erlaubt.

Guten Appetit!