Im ersten Teil des FAQ beantwortete ich generelle Fragen zu dem Thema Ṭarīqa, hier spirituelle Pfade zu Gott. Dieser Teil war zwar schon länger „fertig“, aber ich fand keine Zeit ihn zu bearbeiten und zu veröffentlichen.

  1. Brauch ich die Erlaubnis von meinen Eltern/meinem Ehepartner?

Generell braucht man für so etwas nicht die Zustimmung von irgendwem. Niemand muss über diese Entscheidung etwas erfahren, weder der Ehepartner, die Freunde, noch sonst wer. Das ist eine Sache zwischen der Person, Allah und dem Scheich. Es ist allgemein sowieso besser, die Zugehörigkeit zu einem spirituellen Pfad nicht als Identitätsmarker für einen selbst zu nehmen. Die Geschwister auf dem Pfad sollten wissen, wer zu ihnen gehört, da die Gemeinschaft um den Scheich eine wichtige Rolle auf dem Pfad spielt. Doch auch die Geschwister sollten schweigen über die Zugehörigkeiten der anderen. Die Ṭarīqa ist kein Club und auch der Beitritt kein Verdienst. Daher sollte ein Schleier des Schweigens über die eigene Zugehörigkeit gelegt werden, es sei denn, es existiert ein Nutzen im Erwähnen dieser Angelegenheit.

  1. Muss ich die Rechtschule meines Scheichs annehmen?

Wechsel der Madhhab ist Angelegenheit des Scheichs. Einige verlangen es, andere nicht. Von manchen verlangt es der Scheich, von manchen nicht. Das ist jeweils mit dem Scheich abzusprechen. Aus dem Maktūbāt des Imām al-Rabbānī geht hervor, dass er es für die Naqšbandis als notwendig sieht, dem Madhhab des Scheichs zu folgen.

  1. Mein Scheich – Psychologe, Eheberater, Lebenscoach, Rezeptbuch, Karrierecoach, Ratgeber, Ernährungsfachmann, Elternersatz und Trendsetter?

Ganz klar: Nein. Murīds neigen schnell dazu, den Scheich mit den obigen Rollen zu verwechseln. Das ist grundlegend fatal. Der Scheich ist in erster Linie für die Interpretation der spirituellen Erlebnisse, für Leitung und Unterstützung auf dem spirituellen Pfad, auf dem Weg zur Realisierung des Einssein Gottes in vollem Umfang da. Er hilft, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Er ist nicht da, um irgendeine der oben erwähnten Rollen einzunehmen. Natürlich soll vom Scheich die Erlaubnis eingeholt und sein Rat eingeholt werden, in dem Sinne, ob eine bestimmte Sache für die Entwicklung auf dem Pfad schädlich sein kann, doch das ist etwas ganz anderes als zum Beispiel die Frage, ob die Ehe mit dieser Person für mich gut [ḫayr] sein wird und nach Istiḫāra zu fragen. „Gut“ in diesem Fall kann eine weltliche Katastrophe bedeuten, die mich so sehr heimsucht, dass ich dadurch von meinen Sünden und meinem Ego gereinigt werde – und darin ist ḫayr. Aber erkennt der Murīd das? Die meisten denken, wenn der Scheich sein Einverständnis oder Segen für die Ehe gibt, ein Dauerflug auf Wolke 7 gebucht wurde. Eine ansässige Person, ein vertrauenswürdiger Freund etc. kann aber meistens die Situation und auch die eigene Person besser einschätzen als der spirituelle Meister aus der Ferne. Noch gravierender ist der Unterschied, wenn jemand nur eine Nummer für den Scheich, ein Name ohne Gesicht ist. Der Scheich ist nicht da, lebt nicht mit jemanden und kennt einen nicht so gut, wie es oft die nächsten Freunde tun.

Diese Rollen kann der Scheich einnehmen, doch er muss es nicht. Wenn er diese Rolle einnimmt, kann es aber auch sehr wohl, dass er in diesem Bereich nicht der Beste ist. Es kann bessere geben. Dies ist ein Punkt, der nicht genug betont werden kann. Daher ist es sehr wichtig, den Scheich nicht mit diesen Rollen zu verwechseln. Scheich Aḥmad Sirhindī (Imām Rabbānī) sagt beispielsweise, dass auch die Normen nicht vom Scheich genommen werden sollen, wenn er kein Faqīh ist. Sie sollen genommen werden von jemanden, der Fiqh beherrscht, auch wenn dies der Meinung des Scheich widerspricht. Die Aussage des Scheichs im Bereich des Fiqh ist nicht bindend, wenn er selbst kein Faqīh ist und es ist sehr wohl möglich, dass es wissendere und bessere in diesem Bereich gibt. Wenn das im Bereich des Fiqh der Fall ist für einen Meister auf dem Pfad der Realisierung des Fiqh/Scharia, wie ist es wohl im Bereich der oben genannten Kategorien?

Mancher hat die Erwartung, dass der Scheich in das eigene Leben blicken kann und absolute Einsicht in die eigene Psyche und die Umstände hat. Das ist aus mehreren Aspekten falsch: 1. Ist dies keine Anforderung für einen Scheich und wurde nie als eine solche erwähnt, 2. Ist dies das Erwarten einer Wundertat/einer Karāmāt und somit eine Verirrung und de facto gar eine Respektlosigkeit gegenüber dem Scheich, denn die Gottesfreunde schämen sich für ihre möglichen Wundertaten, 3. Ist dies ein Zeichen dafür, dass die Rolle des Meisters nicht korrekt begriffen wurde und etwas vom Pfad erwartet wird, was gar nicht angeboten wurde. Der Pfad ist zur Bewältigung des eigenen Egoselbst da.

  1. Wo sind die großen Meister der Vergangenheit? Warum ist der Scheich nicht eine Wunderfigur dieser Art?

Es gibt ein Sprichwort: „Die Belächelten von Heute sind die Großen von Morgen“. Viele der großen Gelehrten, Heiligen und anderen waren in ihrer Zeit nicht groß bekannt. Erst nach ihrem Ableben wurde klar, wer sie waren. Dennoch, so erklärt es der Scheich Aḥmad Zarrūq, sollte kein Anwärter erwarten einen Scheich wie Ǧunayd oder einen der anderen Großen vorzufinden. Diese alten Scheichs würden in unserer Zeit, so er, nicht passen. Gott bringe zu jeder Zeit die Art von Meister auf die Welt, die zu dieser Zeit passen und die für den Stand der Schüler angemessen sind. Ein Ǧunayd würde einen nur brechen. Dieser Punkt benötigt eine längere Erklärung. Nur: Je normaler der Meister wirkt, desto höher ist er. Das ist ein wichtiger Punkt der insbesondere bei den Naqšbandīs betont wird. Der Prophet war ein Mensch wie alle anderen Menschen, er wirkte, kaufte ein, folgte alltäglichen Beschäftigungen. Seine Menschlichkeit war eine vollkommene Menschlichkeit. Die Meister, die viele Wunder wirken und die ihre Spiritualität sehr extern tragen, seien nicht auf den Stufen jener, die dem prophetischen Ideal „mehr“ entsprechen. Die spirituelle Reise ist nämlich ein Fortgehen und eine Rückkehr. Je weiter der Mensch zurückkehrt zu seinem Anfangspunkt, desto besser ist es.

Sind die Meister verschwunden? Nein, sie sind noch da. Wären die Heiligen verschwunden, dann hätte diese Religion ihre Wirksamkeit verloren. Wenn diese Religion keine Gottesfreunde mehr hervorbringen kann, ist ihre Zeit vorbei. In den Hadithen wird berichtet, dass es immer Menschen geben wird bis zum Tage des Gerichts, welche das Erbe des Propheten weiter tragen. Es wird immer Menschen geben, die das Licht und die Kraft des göttlichen Segens in sich tragen.

  1. Ist die Ṭarīqa eine Wunderpille?

Für die Erziehung auf diesem Pfad ist ein Lehrer unabdingbar. Nur ist der spirituelle Pfad keine Wunderpille, sie wird nicht die charakterlichen Schwächen und Probleme direkt lösen. Keiner wird von heute auf morgen ein Gottesfreund werden. Die Ṭarīqa kann ein wunderschöner, wunderbarer und erfüllender Weg sein, wenn er mit Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit, Standhaftigkeit, Ausdauer und Anstrengung gegangen wird. Geschieht dies nicht, dann wird eine Bindung zu dem Meister allein nichts bringen. Die Meisten scheitern hier. Viele der Ṭarīqas verlangen keine große Lebensänderung, aber intensives Zeitmanagement. Oft ist der Ḏikr lang und stark. Jedoch wird er bei den meisten keinen direkten Einfluss haben auf das Leben. Die Ṭarīqa ist keine 5 -Minuten Terrine, kein schnell produziertes Fast-Food. Sie ist ein langer Prozess der Olive zum Olivenöl. Der Baum muss gepflegt werden, die Oliven sorgfältig gepflückt und ausgesucht, dann werden sie aufgeschnitten, der Kern wird entfernt, die Olive wird gepresst, dann geschleudert und so weiter. Ein langer, mühseliger, anstrengender, manchmal gar zerbrechender, schrecklicher, fürchterlicher Weg. Es kann Verzweiflung, tieferschütternde Erkenntnisse über einen Selbst und dergleichen bringen. Letztlich stellt sich der Mensch sich selbst – seinem niedrigsten Ich. Verzweiflung kann an der Tagesordnung sein. Verzweiflung mit sich Selbst, mit seinem Versagen und seiner Nachlässigkeit. Wichtig ist aber, beständig weiter zu machen. Steter Tropfen höhlt den Stein.

6. Ich bin seit längerer Zeit in einer Ṭariqa und mache keinen ‚Fortschritt‘. Darf ich wechseln?

So sehr ich auch in diesem FAQ die spirituelle Entwicklung, das Erleben und die Erfahrung in den Vordergrund gestellt habe, muss ich auch darauf aufmerksam machen, dass wie in Punkt 5 auch schon erwähnt, der Pfad kein Wundermittel ist. Letztlich obliegt es Gott allein wem Er was gibt und wie viel Er von sich öffnet. Die Scheichs sagen, alleine das jemand tagtäglich seine spirituelle Übung macht, ist Zeichen seines „Fortschrittes“ oder „Nutzens“ durch den Pfad. Die Einhaltung der göttlichen Ordnung (scharia) und die Standhaftigkeit darin, die sogenannten „Istiqāma“, Gradlinigkeit, ist der Pfad und einer ihrer größten Früchte. Wenn der Pfad und die Übung dies einem gibt, dann ist dies schon etwas, womit der Suchende zufrieden sein soll. Der Suchende sollte auch verstehen, er folgt einem Ruf – ohne diesen Ruf Gottes wäre er kein Sucher, ohne diesen Ruf wäre er nicht da wo er ist. Der Tag wird kommen, wo die spirituelle Übung ihre Früchte trägt. Daher ist es gefährlich von „Fortschritt“ zu sprechen. Frustration und Desillusionierung, weil die spirituelle Übung anscheinend keine Früchte trägt, ist ein Zeichen dass in der Absicht etwas falsch ist. Die Übungen und der Pfad werden allein für Gott und nur für Gott verfolgt. Für nichts anderes. Deswegen sagen beispielsweise die Naqschbandis immer wieder „Ilāhī! Anta maqṣūdī wa riḍāka maṭlubī!“ „Gott, Du allein bist mein Ziel und dein Wohlgefallen ist mein Wunsch!“

Dies gesagt, jede Meditation und Übung bringt normalerweise physisch nachvollziehbare Auswirkungen über die jeder bei ein wenig googlen herausfinden kann. Wenn diese Auswirkungen sich nicht zeigen, dann muss die Person sich die Frage stellen, ob die Übung wirklich sorgfältig und anständig gemacht wird und wie der Fokus bei der Übung ist. Existiert kein Fokus, sitzt jemand nur die Zeit „ab“ und hat keinen Fokus und kümmert sich nicht um den Fokus in seiner Übung, wird er auch keine Auswirkung haben. Diese Auswirkung ist unabhängig von Religion und Pfad. Sie zeigt sich bei allen Menschen die regelmäßig meditieren und beten und dabei fokussiert sind.

Treffen all diese Dinge zu und jemand findet oder begegnet einen Scheich der wirklich für einen besser wäre aus unterschiedlichsten Gründen und man hat dies sorgfältig bedacht und überlegt, dann ja, kann man den Scheich auch wechseln. Imam Rabbani Ahmad Sirhindi sagt, wer einen solchen Scheich findet und nicht wechselt, der soll wissen, sein erster Scheich an dem hängt ist für ihn in dem Moment ein Satan geworden. Es geht nämlich um Gott und nur Gott allein und der Scheich ist ein Mittel zu Gott. Die Angst aber hier ist eben, dass ein Schüler anfängt von Scheich zu Scheich zu hüpfen und sich nicht bindet und Loyalität aufzubauen nicht möglich ist.

Bei anderen Fragen schreibt uns gerne 🙂