Wie finde ich Gott?

Nach Ibn al-ʿArabī muss jeder Mensch versuchen diese Frage zu beantworten. Wurde sie beantwortet, müssen sie sich aufmachen, die Wahrheit dieser Antwort sicherzustellen, in dem sie Gott tatsächlich finden – und nicht nur theoretisch. Er bezeichnet jene, welche erfolgreich die Wahrheit ihrer Antwort verifiziert haben, als die Leute der Entschleierung und der Findung (ahl al-kašf wa al-wuǧūd). Sie haben die Schleier zwischen sich und ihrem Herrn überwunden und stehen nun in Seiner Gegenwart. Dieser Pfad ist offen für jeden. Er ist der Pfad, der von den Propheten gebracht und dem die Gottesfreunde (awliyāʾ) gefolgt sind. Dieser Pfad ist es auch, der in den Werken Ibn al-ʿArabīs in erstaunlichster Ausführlichkeit dargelegt ist. Die Hauptaufgabe dieser Arbeit ist zu verstehen, wie er dieses Problem, den Pfad und das Ziel auffasst. Wir fangen damit an, folgende Frage zu analysieren: „Wie finde ich Gott?“

„Finden“ umschreibt das arabische Wort wuǧūd, welches in anderem Kontext auch als „Existenz“ oder „Sein“ übersetzt werden kann. Die berühmte Bezeichnung „Einheit des Seins“, oder „Einheit der Existenz“ (waḥdat al-wuǧūd), von der gesagt wird, sie gebe die Glaubensansichten des Ibn al-ʿArabī wieder, kann auch als „Einheit des Findens“ übersetzt werden. Trotz der mehreren hundert Bücher über die Ontologie, welches von Ibn al-ʿArabīs Werk inspiriert wurden, ist sein Hauptinteresse nicht ein intellektuelles Konzept des Seins, sondern die Erfahrung des Sein Gottes, dem Schmecken (ḏawq) des Seins, eben jenes „Finden“ welches gleichzeitig das Wahrnehmen und Sein dessen ist, was wahrhaftig ist. Zweifellos besaß Ibn al-ʿArabī eine der wohl mächtigsten philosophischen Intellekte, welche die Welt je gesehen hat, doch Philosophie war nicht sein Interesse. Er wollte sich einzig immer wieder im konstanten und immer erneuernden Finden des Göttlichen Seins und Bewusstseins aalen. Er selbst hatte die Schleier durchschritten, obwohl er zu jeder Zeit bereit war anzuerkennen, dass die Schleier unendlich sind und das jeder Moment im Diesseits und Jenseits des Lebens bis in die Ewigkeit eine dauernde Hebung der Schleier darstellt.

Gott zu finden bedeutet, in Fassungslosigkeit (ḥayra) zu geraten. Nicht jene Fassungslosigkeit des Verlorenseins oder der Unfähigkeit, den Weg wiederzufinden, sondern die Fassungslosigkeit des zeitgleichen Findens und Erkennen Gottes sowie des nicht-Findens und nicht-Erkennens Seiner. Jegliche Existenz außer Gott wohnt im niemals-niemals Land der Bestätigung und Negierung, des Findens und Verlierens, des Wissens und Unwissens. Der Unterschied zwischen den Findern und den Rest von uns ist, dass sie sich ihrer ambigen Situation vollkommen bewusst sind. Sie kennen die Bedeutung der Aussage des ersten Kalifen Abū Bakr: „Unfähigkeit seine Erkenntnis zu erlangen ist Erkenntnis.“ Sie wissen, dass die Antwort auf jede wichtige Frage bezüglich Gott und der Welt lautet: „Ja und nein“, oder, wie es der Scheich sagt: „Er/Nicht Er“ (huwa lā huwa).

Chodkiewicz merkt an, dass es nicht weit her geholt wäre zu sagen, dass Ibn al-ʿArabī nie über etwas anderes als Heiligkeit, ihre Pfade und Ziele schreibt.[1] Die Heiligen, ein Begriff der hier in seiner wortwörtlichen Bedeutung als „Freunde Gottes“ übersetzt wird, haben Gott in diesem Leben gefunden und verweilen in Seiner Gegenwart. Ibn al-ʿArabī bezieht sich oft auf sie als die „Gnostiker“ (ʿārifūn). Sie sehen und erkennen Gott wo immer sie auch hin blicken. Der koranische Vers: „Wohin Du dich auch wendest, dort ist das Antlitz Gottes“ (Koran 2:115) ist die Beschreibung ihres spirituellen Zustandes. Andere sind von der Schau Seiner verhindert aufgrund der Schleier, doch die Freunde Gottes wissen, dass Er sowohl der Schleier als auch die anderen ist. Die Freunde sind aber nicht etwa konfus. Sie sagen nicht: „Er ist alles“[2], und belassen es dabei. Sie sagen: „Er ist alles, alles ist nicht Er“, und dann stellen sie unterschiedlichen Gesichtspunkte dar, aus der die Situation wahrgenommen werden kann. Gehören sie zu den Freunden, welche Ibn al-ʿArabī als jene des höchsten Ranges ansieht – den Verifizierenden (al-muḥaqqiqūn) – so werden sie die Wahrheit ihrer Schau Gottes auf jeder Stufe des Seins und Findens verifiziert haben. Das heißt, sie werden die Schau Gottes nicht nur auf der Stufe der reinen Rede und des Intellekts verifiziert haben, welche die Eigenheiten des Menschseins darstellen. Somit werden sie – und speziell Ibn al-ʿArabī – die durchdachten Darlegungen der genauen Natur der ontologischen und epistemologischen Ambiguität anführen, welche die Leere füllt. Diese Leere wird gewöhnlich als „Welt“ bezeichnet. Die Fassungslosigkeit der Verifizierenden hinsichtlich Gott, so wie Er in Sich Selbst ist, verhindert sie niemals, Ihn als Licht und Weisheit zu finden und die Früchte dieser göttlichen Eigenschaften zu verwenden, um die Natur der Dinge zu durchleuchten und alle Dinge an ihren rechten Platz zu setzen.

„Wie finde ich Gott?“ Diese Frage bedeutet: Wie kann ich die Schleier heben, die mich hindern Gott zu sehen? Wir befinden uns momentan in der Situation, dass wir das Nicht Er in allen Dingen sehen. Doch wie können wir ebenfalls das Universum als Er sehen?

Wir selbst gehören zu den „Dingen“ des Universums. Das heißt: „Wie finde ich Gott?“, bedeutet auch: Wie kann ich jene Schleier heben, die mich davor hindern, Gott zu sein und zwar in dem Sinne, dass das „Er“ [in mir] bestätigt werden muss [während ich momentan einzig das Nicht-Er in mir bestätige]. „Finden“, so muss wiederholt werden, ist nicht nur rein erkenntnistheoretisch. Es ist grundlegend ontologisch. Sein geht dem Wissen Gottes vor, wie es auch in der Welt ist. Nichts kann ohne Sein wissen. Und wie es die oft zitierten Worte der Sufis ausdrücken: „Keiner außer Gott weiß Gott.“ Beides, Wissen und Sein, sind Finden.

– William C. Chittick, Sufi Path to Knowledge

[1] Le sceau des saints, S. 26.

[2]  Wie im oft missbrauchten Satz der in persischer Dichtung verwendet wird: hama ūst. Vgl. A. Schimmel, Mystical Dimensions of Islam (Chapel Hill: University of North Carolina Press, 1975), S. 147, 274, 283, 362, 376.