Ḫalwah dar Anǧuman: Einsamkeit inmitten der Menschen

Man sollte sich bewusst sein, dass es zwei Arten der Einsamkeit gibt. Die erste Art ist die äußerlich sichtbare. Dies bedeutet, dass sich der spirituell Suchende in seinem Haus von der Außenwelt abkapselt. Das Sitzen in Abgeschiedenheit erlaubt ihm in engelsgleiche Gefilde vorzudringen. Dies geschieht, weil sich die äußerlichen Sinnesorgane den „inneren Bereichen“ zuwenden, wenn man sie einschränkt; so erlaubt sie den engelsgleichen Eigenschaften sichtbar zu werden.

Die zweite Art ist die innere Einsamkeit. Dies ist, was ʿAbd al-Ḫāliq al-Ġuǧdawānī als „ḫalwah dar anǧuman“ und  als „Einsamkeit inmitten der Menschen/Menge“ beschreibt. „anǧuman“ bezeichnet im Persischen die „Gesamtheit der Menschen“. Damit ist gemeint, dass das Herz des spirituell Suchenden sich der Gegenwart Gottes bewusst ist, während er unter anderen ist. Er ist sich der Gegenwart der Menschen nicht bewusst, obgleich er körperlich unter ihnen weilt. Aus diesem Verständnis geht das Konzept der „murāqibah“ oder „meditativen Achtsamkeit“ hervor.

Es wurde gesagt, dass dies für den Gottgedenkenden [ḏākir] bedeutet, mit „ḏikr qalbī“ bzw. dem „Gedenken des Herzens“ beschäftigt zu sein. Dies kann eine derart tiefgreifende Beschäftigung sein, dass er einen Markt betritt und sich der Geräusche etc. auf keine Weise bewusst ist, weil die Wahrhaftigkeit des Gottesgedenkens die Realität seines Herzens in Besitz genommen hat.

Der Koran erwähnt einen solchen Zustand, in welchem man nicht von der Gegenwart Gottes abgelenkt wird, obgleich man sich inmitten der Menschen befindet. Er sagt: „Männer, welche weder durch Handel, noch durch Verkauf von der Erinnerung Gottes abhalten werden.“ Es wird gesagt, dass dies etwas Einzigartiges der Naqšbandiyyah ist, da sich die Großen dieses Weges niemals von der Allgemeinheit der Menschen isolierten. Der Prophet – Allahs Segen und Frieden auf ihm – sagte: „Der Gläubige, welcher sich unter die Menschen mischt und sich mit ihren Problemen bekleidet ist besser, als der Gläubige, welcher sich nicht unter die Menschen mischt.“

Abu Saʿīd al-Karaz sagte: „Das perfekte Individuum ist nicht jenes, von welchem verschiedene, wunderhafte Begebenheiten ausgehen, sondern es ist dasjenige, welches unter den Menschen sitzt, kauft und verkauft, heiratet, sich unter die Menschen mischt und dennoch nicht einen Augenblick von Gott abgelenkt ist.“

Lass dein Herz versunken sein im Geliebten, davon gefärbt sein!

Lass deine äußere Form unter den Menschen sichtbar sein.

Dies ist ein außergewöhnlicher Weg, wenig sind seine Wanderer,

Denn sie erblühen mit dem wohlschmeckendsten aller Tränke.

Der neu Eingeweihte sollte darauf achten seinen zwischenmenschlichen Umgang mit anderen einzuschränken, um sich zu schützen, auf dass äußere Einflüsse nicht das Herz beeinflussen. Die physischen Sinne und ihre Aktivitäten mit „Aġyār“ bzw. „anderem als Gott“ müssen nicht vom neu spirituell Suchenden beherrscht werden, so wie sie jemand beherrscht, welcher in seiner Zentrik auf Gott reif ist. Dies ist nicht notwendig, nicht einmal wünschenswert.

Diesen Text entnahm ich dem Blog von Šayḫ Naʿīm ʿAbd al Walī [http://www.naeemabdulwali.com/?p=525#more-525 ]. Er veröffentlichte diesen Artikel am 12. Oktober 2011. Ich hoffe, dass meine Übersetzung von Nutzen ist. Übersetzt von Matthias B. Schmidt.