Wer innerhalb muslimischer Gemeinden aktiv ist, gerät oft in Situationen, in welchen er seelsorgerisch tätig werden muss. Menschen schütten einem ihr Herz aus, oder senden klare Signale der Hilfsbedürftigkeit. Oft bin ich auf Menschen getroffen, die sich bereits an mehrere Vertrauenspersonen gewandt haben und verzweifelt waren, da sie entweder destruktive Ratschläge bekommen haben, sich nur eine Teillast von der Seele reden konnten, oder schlicht auf Unverständnis gestoßen sind. Im Rahmen einer Fortbildung des Bremer Jungenbüros wurde mir eine Liste mit wichtigen Punkten für Gespräche mit gewaltbetroffenen Jungen zur Verfügung gestellt. Diese erachte ich als sehr wertvoll, ich habe sie um ein paar Punkte ergänzt und versucht offener zu gestalten. Seelsorge und Beratung sind gewichtige Themen und die islamische Seelsorge steckt in Deutschland – wenn überhaupt schon – noch in den Kinderschuhen. Dennoch wird so Mancher bestimmt einige nützliche Dinge aus den unten aufgelisteten Punkten entnehmen können. Die Liste ist nicht priorisiert angeordnet und beliebig erweiterbar – auf weitere Anregungen in Form von Kommentaren würde ich mich freuen.

Wie gestalte ich Gespräche mit Hilfesuchenden?

  1. Dem Gespräch einen angemessenen und vertrauensvollen Rahmen geben (Raum, Zeit, etc.)
  2. Zusicherung von Vertraulichkeit: „Ich erzähle nichts weiter ohne, dass du davon weißt / deine Erlaubnis.“
  3. Betonung der Freiwilligkeit: „Du kannst mir alles erzählen. Du musst mir gar nichts sagen.“
  4. Anliegen klären.
  5. Anerkennung von Gewalterfahrung und subjektiven Gefühlen: ernst nehmen, nicht anzweifeln oder bagatellisieren.
  6. Solidarisch Stellung beziehen: Gewalttaten können z.B. als ungerecht, gemein, fies, feige oder brutal bezeichnet werden.
  7. Stabilität und Sicherheit bieten und vermitteln.
  8. Zuhören ist wichtiger als Reden! Ratschläge sind oft Kommunikationsblockaden und klingen vorwurfsvoll („warum hast du denn nicht…?!“)
  9. Entlastung von Scham- und Schuldgefühlen, rigiden Männlichkeits- oder Weiblichkeitsvorstellungen, z.B. wenn der Hilfesuchende* glaubt für das traumatische Ereignis (mit-)verantwortlich zu sein.
  10. Religion stets als positiven Bezugspunkt setzen, d.h. Fokus auf Barmherzigkeit, Gnade, Vergebung, etc.
  11. Missbrauch von religiösen Argumenten der praktischen Theologie anerkennen und verurteilen, z.B. im Falle von Missbrauch.
  12. Utopische Religionsdidaktik vermeiden, nicht alles muss „islamisiert“ werden, lebensweltnahe Ratschläge und zwischenmenschliche Lösungen nutzen mehr als „Fatāwā“.
  13. Religiöse Argumente sensibel benutzen und nicht missbrauchen um Unrecht zu rechtfertigen („Es ist sein Recht!“ „Du musst geduldig sein, dann wird Gott dich belohnen“ etc.)
  14. Reframing – „es gibt verschiedene Arten sich zu wehren.“ .“Was du tust ist okay“. (Hilfe holen ist kein Petzen und keine Schwäche!)
  15. Ressourcen und Stärken hervorheben: Loben, anerkennen und zeigen wo er/sie sich geschützt hat z.B. durch Vermeidung, Weglaufen etc.
  16. Alle Gefühle des Hilfesuchenden* sind willkommen und anzuerkennen.
  17. Unbedingt ambivalente Gefühle gegenüber dem etwaigen Täter zulassen: Dem Hilfesuchenden* die Möglichkeit geben, positive und negative Gefühle gegenüber dem Täter zu benennen. (Nicht den Täter verurteilen, sondern die Tat an sich!)
  18. Starke eigene Emotionen gegenüber dem Hilfesuchenden* vermeiden (keine zusätzlichen Belastungen, da der Hilfesuchende* sonst denkt, er müsse den Seelsorger schützen).
  19. Möglichst nicht einschränken: Wenn Schutzvorkehrungen als Strafe empfunden werden, kann es sein, dass er/sie sich beim nächsten Mal nicht mehr anvertraut.
  20. Kontrolle und ein Maß an Selbstbestimmung überlassen, d.h. keine neuen Ohnmachtssituationen herstellen, der Hilfesuchende* entscheidet selbst wie viel und wann er erzählen möchte.
  21. Selbstermächtigungsstrategien stärken, mit denen (Bewegungs-)Einschränkungen ausgeglichen werden. Zum Beispiel Taschenlampe mit in den Keller nehmen, etc.
  22. Situationen gemeinsam durcharbeiten/besprechen – wenn der Betroffene* dazu bereit ist. Auf das Tempo des Betroffenen* achten.
  23. Die Herkunftskultur der Eltern und Angehörigen anerkennen und kontextualisieren, aber dennoch entschieden parteiisch gegen etwaiges Unrecht stehen.
  24. Bei Gewaltphantasien die Wut und die Aggression anerkennen – aber auch begrenzen, da der Anspruch sich zu rächen nur weiter belastet.
  25. Zutrauen in die Resilienz des Hilfesuchenden vermitteln, denn dadurch wird das Selbst(vertrauen) gestärkt.
  26. Psychoedukation: Erklärung von oft „unheimlichen“ Traumareaktionen wie z.B. Erstarrung.
  27. Stabiliserungsübungen anbieten.
  28. Positive Entwicklungen wertschätzen.