Klassischer Islam: Tawḥīd [reiner Eingottglaube] besagt, dass Menschenrechte [huquq al-ʿibād] über den Gottesrechten [ḥuqūq Allāh, Glaube/Anbetung] stehen, da Gott unbedürftig [al-ġanī] ist.

Moderner Extremismus: Tawḥīd [Monotheismus] besagt, dass nichts zählt, außer dem Gottesrecht [ḥaqq Allāh], da jedes priorisieren von Menschenrechten Širk [, also Götzendienst] darstelle.

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Die Tatsache, dass der klassische Islam im Gegensatz zu religiösen Erweckungsbewegungen der Moderne die Menschenrechte in der praktischen Ausübung stets über die Gottesrechte stellt, ist mir nie bewusst aufgefallen. Die hier angeführten Menschenrechte decken sich natürlich nicht zwangsläufig mit dem, was in unserer Zeit unter dem Begriff „Menschenrechte“ verstanden wird, doch das dürfte dem versierten Leser klar sein. Inspiriert wurde dieser Beitrag von einem grandiosen Wissenschaftler, Arnold Yasin Mol, welcher dies auf seiner Facebookpinnwand postulierte.

Da dies ein Blog ist und mir die Zeit fehlt dieses Thema wissenschaftlich abzuarbeiten, seien obige Aussagen, sowie weiter unten folgende Zitate ar-Rāzīs schlicht zur Diskussion gestellt. Wer islamtheologisch versiert ist wird wissen, dass in der einschlägigen Literatur auch stets darauf hingewiesen wird, die Rechte der Mitmenschen – gleich welchen Glaubens – zu achten, da eine Verletzung ihrer Rechte eine Rechenschaft am Jüngsten Tag bedingt. Diese verletzten Menschenrechte werden die Menschen sodann untereinander „auskarten“ müssen, bis Gerechtigkeit hergestellt wird und der Mensch vor den eigentlichen Richterstuhl des Allewigen zu treten hat und sich verantworten muss. Nach klassischen Verständnis hat es ein muslimischer Laie eigentlich recht leicht, er hat lediglich einer vertrauenswürdigen Fatwā zu folgen, welche am jüngsten Gericht sein „Schutzschild vor Gott“ sein wird, und die göttlichen Gebote einzuhalten.

Es ist traurig und verstörend zu sehen, dass der moderne Extremismus Andersgläubige und –Denkende auf einen Rang „geringer, als den Rang eines Tieres“ herabwürdigt, das Gottesrecht als „souverän“, „ultimativ“ und „absolut“ postuliert, was fortfolgend zu Unrecht, Unterdrückung und der Verletzung von Unzähligen Rechten verschiedener Menschen führt.

Abschließend noch die Zitate ar-Rāzīs, welche Herr Mol seinen Ausführungen und Gedanken anfügte:

وَلِهَذَا قَالَ الْفُقَهَاءُ إِنَّ حُقُوقَ اللَّه تَعَالَى مَبْنَاهَا عَلَى الْمُسَامَحَةِ وَالْمُسَاهَلَةِ. وَحُقُوقَ الْعِبَادِ مَبْنَاهَا عَلَى الضِّيقِ وَالشُّحِّ.

Und aufgrund dessen sagen die Fuqahāʾ, dass das Recht des erhabenen Gottes [ḥuqūq Allāh taʿālā] {bezüglich falschem Glauben} auf freimütiger Vergebung [al-Musāmaha] und bedingungsloser Freigiebigkeit [al-Musāhala] gründet. Und die Rechte der Menschen [ḥuqūq al-ʿibād] gründen auf der Bedürftigkeit [al-ḍīq] und dem absoluten Bedürfnis [aš-šuḥḥ] {hinsichtlich jener Rechte}.

واعلم أن الواجبات على قسمين: حقوق الله تعالى، وحقوق العباد: أما حقوق الله تعالى فمبناها على المسامحة لأنه تعالى غني عن العالمين، وأما حقوق العباد فهي التي يجب الاحتراز عنها.

Die bekannten Pflichten zerfallen in zwei Kategorien: Die Gottesrechte [Ḥuqūq Allāh] und die Menschenrechte [Ḥuqūq al-ʿibād]: Gottes Recht gründen auf Vergebung, da der Allhöchste des Universums unbedürftig [ġanī] ist, und die Rechte der Menschen müssen achtsam als eine Pflicht eingehalten werden.“

[Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī {gest. 604 AH}, Tafsīr Mafātiḥ al-Ġayb bezüglich 11:114 und 1:4]