Salafismus – ein Wort, welches zumindest bei uns weder Appetit, noch Heiterkeit hervorruft und uns oft den Magen, ganze Tage, Wochen, Abende und Nächte verdarb.. Viele Muslime benutzen es ausgesprochen ungerne, da ihnen die „Salaf“, die frommen Altvorderen, heilig sind. Was der Begriff „Salaf“ im traditionellen Verständnis der vier Rechtsschulen bedeutet haben wir bereits hier kurz dargelegt.

Worum geht es also wirklich? Warum ist wichtig zu wissen, was das ist? Spaltet es nicht die Umma? Sind Salafiten denn keine Muslime?

Es geht darum, sich abzugrenzen, sich nicht einfach nur von Gewalt und bösen Dingen zu distanzieren, sondern ganz klar aufzuzeigen, dass Salafisten ihr eigenes Süppchen kochen, ein ungenießbares, giftiges Hexengebräu, das niemand essen oder nachkochen möchte. Sie sind Muslime, aber fern der Rechtleitung und eigentlichen Kernbotschaft unserer Religion, und nein – die Umma spalten wir nicht, die wurde bereits durch die Auswirkungen des Salafismus gespalten. Daher möchten wir den Salafismus im Folgenden anhand eindeutiger Marker definieren, festmachen und uns von ihm distanzieren.

Am Ende des langen Eingemachten findet sich im Übrigen noch eine Powerpointpräsentation mit einer Skizze, welche das komplizierte Gesagte nochmal versucht zu visualisieren und einfacher darzustellen. Die vielen Fußnoten sind da, weil die Definition teilweise einer Bachelorarbeit entnommen wurde – vielleicht interessieren sie irgendjemanden.

Nun aber ans Eingemachte:

Der Salafismus ist prinzipiell das islamische Gegenstück zu evangelikalen Erweckungsbewegungen im christlichen Glauben. Er entstand und erstarkte wie jene im Zuge einer fortschreitenden globalen Säkularisierung. Lange Zeit glaubte man ja, dass in einer säkularisierten, aufgeklärten Welt, ein Widererstarken und eine Rückkehr der Religionen nicht möglich sei, da der Modernisierungsmythos lehrte, eine fortschreitende Säkularisierung und Privatisierung der Religion zu erwarten. Laut Olivier Roy besteht jedoch

ein enges Band zwischen Säkularisierung und religiösem Wiedererweckungsglauben; Letzterer ist nicht Abwehr der Säkularisierung, sondern ihr Produkt. Die Säkularisierung bringt das Religiöse hervor. Es gibt keine ‚Rückkehr‘ des Religiösen, sondern eine Veränderung.[1]

Den Salafismus schlicht als eine „besonders texttreue, konservative Form des Islam“ zu definieren ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich – denn es gibt viele traditionell sunnitische oder schiitische Muslime, welche ihre Religion friedliebend, ernsthaft und „konservativ“ praktizieren, Bärte tragen, sich mehr oder weniger verschleiern, ihre Gebete verrichten, mit salafistischem Gedankengut und was mit ihm einhergeht allerdings nicht das Geringste zu tun haben. Es bedarf daher eines theologisch-methodologischen Ansatzes, um den Salafismus vom Islam der Mehrheit deutlich abzugrenzen.

Das mittlerweile eingedeutschte Wort „Salafismus“ bildete sich in Anlehnung an das arabische Wort „salafiyya“. Das Wort „Salafiyya“ selbst leitet sich grammatikalisch vom Wort „salaf“ her, was „Vorfahren“, „Ahnen“ oder „Altvordern“ bedeutet.[2]

Da der Salafismus in seinen konkreten Erscheinungs- und Entfaltungsmustern, Denk- und Argumentationsstrukturen eine enorme Diversität aufweist, ist es unmöglich eine einzige, eindeutig charakterisierbare Form des Salafismus festzumachen.[3]  Trotz aller Heterogenität in seiner Ausprägung, kann der Salafismus aber hinsichtlich seines grundlegenden Religionsverständnisses, ideologischer Überzeugungen und angestrebter Ziele als recht homogen bezeichnet werden. Allen Salafisten ist gemein, dass sie sich im Gegensatz zur sunnitischen Orthodoxie durch direkten Rückbezug nach angeblichen oder tatsächlichen Gesellschafts- und Religionsvorstellungen der Frühgeschichte des Islam, der Zeit des Propheten und der ersten drei Generationen nach ihm [as-salaf aṣ-ṣāliḥ] ausrichten, sowie Abweichungen oder Neuerungen in der Religion nicht zulassen.[4] Der traditionelle sunnitische Islam der vier Rechtsschulen bezieht sich auf jene Frühzeit und die Primärquellen des Islam nicht unmittelbar, sondern mittelbar über seine dynamisch über die Jahrhunderte gewachsene Gelehrtentradition. Dies stellt einen gravierenden Unterschied dar, da die Rezeption von über 1000 Jahren Gelehrtentradition – welche sich ja ebenfalls mit diesen Quellen beschäftigten – das dynamisch-hermeneutische, exegetische Handwerkszeug zu kontextbezogenem, umfassendem Verständnis bereitstellt. Diese Zeit der frommen Altvorderen wird aus salafistischer Sicht durch den direkten Rückbezug als Utopia der Einheit aller Muslime und absolut maßgebend in Rechtsverständnis und –Anwendung idealisiert. Unterschiede innerhalb des Salafismus gibt es lediglich hinsichtlich der Rezeption dieser Zeit. Manche Salafisten akzeptieren auch das System und die Methodik der sunnitisch-orthodoxen Rechtsschulen in Teilen und interpretieren die für sie normativen Überlieferungen aus jener Zeit somit anders als absolut literalistische Strömungen, welche direkt das anachronistisch verstandene Überlieferte als Ideal in der heutigen Zeit umsetzen möchten.[5] Modernistische Salafisten betrachten diese Zeit in ganz anderem Licht, bewerten und analysieren sie anhand moderner Denkmuster, wie etwa dem Humanismus, was natürlich zu absolut anderen Ergebnissen führen kann.[6]

Neben der Idealisierung und direkten Bezugnahme auf die Zeit der frommen Altvorderen [as-salaf aṣ-ṣāliḥ] teilen Salafisten auch die gleiche Glaubenslehre[7], welche später noch kurz angesprochen werden soll. Des Weiteren ist allen der Rückbezug auf den mittelalterlichen damaszener Gelehrten Ibn Taymiyya (1263-1328) gemein.[8]

Definitive Charakteristika des Salafismus sind zum Beispiel:

 [1.] Einen Bruch mit der islamischen Lehrtradition und dem hermeneutischen Diskurs seit dem 9./10. Jahrhundert [der Hidschra], aufgrund welchem ein Vakuum entsteht, welches von oftmals ungebildeten Salafisten beliebig ausgefüllt wird.[9]

[2.] Exklusivismus, welcher oft zu Takfīr[10] andersartiger Gruppen führt.[11]

[3.] bewaffneter Ǧihād, allerdings mit mittelalterlichem, nicht einheitlichem Verständnis.[12]

[4.] eine unabdingbare Einheit von Staat und Religion.[13]

[5.] Reaktivierung des Iǧtihād aufgrund einer Zurückweisung des Taqlīd [des Befolgens der Aussagen der Gelehrten, ohne ihre Beweise zu kennen], während man den Iǧtihād und direkte Bezugnahme auf Prirmärquellen betont.[14] Hieraus folgt oft auch der Wunsch die Muslime hinsichtlich ihrer religiösen Praxis „zu vereinheitlichen“.

[6.] literalistische und puristische Herangehensweise an Glaube und Recht,

[7.] anachronistische Rezeption der Zeit der frommen Altvorderen [salaf] und Ignorieren nachfolgender islamischer Gelehrsamkeit,

[8.] der Glaube, dass Koran und Sunna alleine alle Bereiche muslimischen Lebens regelten,

[9.] die Behandlung von Koran und Überlieferungen des Propheten [Ḥadīṯ] als selbsterklärend und [

10.] selektive Rezeption von Primärquellen und Gelehrtenmeinungen.[15]

Die Vielzahl der verschiedenen Charakteristika und Definitionsansätze macht deutlich, dass Salafismus als Phänomen nicht leicht greifbar ist. Außerdem sind die Übergänge zwischen einzelnen Richtungen des Salafismus oft fließend, weshalb bei einer Klassifizierung bedacht vorgegangen werden muss. [16]

Nichtsdestotrotz handelt ein „liberaler Muslim“, welcher behauptet dass der Koran ohne Gebetswaschung angefasst werden dürfe, gemäß seiner Argumentation und Methodik genauso salafistisch wie böse Selbstmordattentäter, wenn sie sich direkt auf den Koran und die Sunna beziehen ohne das Verständnis abertausender Gelehrter zu berücksichtigen und sich selbst über jene erheben. Der Unterschied ist schlicht, dass Ersterer niemandem weltlichen Schaden zufügt! Methodisch sind sie eins.

Darüber hinaus teilen Salafisten aller Strömungen die gleiche Glaubenslehre. Der Salafismus teilt den islamischen Eingottglauben [Tawḥīd] zunächst in drei Teile, auch wenn sie diesen Teilen manchmal unterschiedliche Namen geben:

  1. Die Einheit Gottes erstens hinsichtlich dessen Eigenschaft als alleiniger Hervorbringer und Erhalter der Schöpfung [Tawḥīd ar-rububiyya]. Salafistische Denker sind der Ansicht, dass bereits die vorislamischen Heiden trotz ihrer Vielgötterei an einen einzigen, schöpfenden und erhaltenden Gott geglaubt hätten, und so in diesem Punkt mit den Muslimen übereinstimmten.
  2. Weshalb man, um sich vom Polytheismus vorislamischer Zeit abzugrenzen, zudem bezeugen und durch Handeln bestätigen müsse, dass Gott allein anbetungswürdig sei [Tawḥīd al-ʾuluhiyya]. [17]
  3. Die Namen und Eigenschaften Gottes [Tawḥīd al-asmāʾ wa-s-sifāt].

Der hier an zweiter Stelle genannte Teil des Tawḥīd [Tawḥīd al-ʾuluhiyya] ist dahingehend problematisch, als dass er durch seine Formulierung das Tor für ein absolutes Maß öffnet, anhand welchem man durch äußere Aspekte und Handlungen einen gültigen bzw. ungültigen Glauben feststellen kann, weshalb Glaube und Recht miteinander verschmelzen, und so im salafistischen Diskurs oft keine klar ausdifferenzierten Wissenschaftsbereiche festzumachen sind.

Dieses Gottesbild und seine Dreifaltigkeit selbst sind die eigentliche Wurzel des Übels und beispielsweise Legitimation für all die Gräueltaten des IS[18], da man mit ihm der Mehrheit der Muslime aufgrund ihrer Taten, wie etwa der Wertschätzung von Gottesfreunden, Loyalität gegenüber ihren jeweiligen Regierungen und vielem mehr – Sunniten und Schiiten gleichermaßen – den Glauben abspricht, sie zu Abtrünnigen und Vogelfreien erklärt. Aus sunnitisch-theologischer Sicht ist es aufgrund dieses gravierenden Unterschieds daher falsch die Salafisten überhaupt als Sunniten zu bezeichnen, da die sunnitische Orthodoxie eine derartige Dreiteilung des Monotheismus zwar nicht prinzipiell ablehnt, jedoch gänzlich anders verstehen würde und niemals aufgrund von äußeren Handlungen anderen Muslimen den Glauben absprechen würde.

Stark vereinfacht dargestellt, kann man den Konflikt zwischen Salafismus und dem klassisch sunnitischem Mehrheitsislam der vier Rechts- und zwei Glaubensschulen [ahl as-sunna] mit dem frühen Konflikt zwischen Protestantismus und katholischer Kirche vergleichen, wobei besonders die Grundsätze „sola scriptura“ [lat. „allein durch die Schrift“] und „sola fide“ [lat. „allein durch den Glauben“] bezeichnend für das Religionsverständnis des Salafismus ist. Der Salafismus ist somit genau genommen eine moderne reformistische Bewegung innerhalb des Islams, und alles andere als eine Rückkehr ins Mittelalter, denn der „mittelalterliche Islam“ war überaus vielfältig und ambiguitätstolerant, auch die Zeit der frommen Altvorderen, der Salaf, welche für alle Muslime einen Vorbildcharakter innehaben, war geprägt von außerordentlicher Heterogenität und Vielfalt. Er ist vielmehr eine Reaktionsbewegung der Moderne, welche aufgrund ihrer Ablehnung der Lehrtradition beinahe alle Gefahren entwurzelter Religionen in sich vereint.

 Hier eine kurze Powerpointpräsentation, welche versucht das  erklärte graphisch darzustellen.

[1]Vgl. Roy, Olivier, Heilige Einfalt – Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen, Bonn, 2011, S.21.

[2]Vgl. Wehr, Hans, Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart, Wiesbaden, 1985, S.588.

[3]Vgl. Volk, Thomas, Neo-Salafismus in Deutschland, in: Analysen &Argumente, 2014, URL: http://www.kas.de/wf/doc/kas_38767-544-1-30.pdf?150113180937 [letzter Aufruf: 13.10.15].

[4]Vgl. Pfahl-Traughber, Prof Dr. Armin, Salafismus – was ist das überhaupt? Definitionen – Ideologienmerkmale – Typologisierungen, 2014, URL: http://www.bpb.de/politik/extremismus/radikalisierungspraevention/211830/salafismus-was-ist-das-ueberhaupt [letzter Aufruf: 14.10.15].

[5] Abou-Taam, Marwan, Die Salafiyya – eine kritische Betrachtung, 2012, URL: http://www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/138468/die-salafiyya-eine-kritische-betrachtung?p=all [letzter Aufruf 19.10.15].

[6] Vgl. Peters, Rudolf, „Erneuerungsbewegungen im Islam vom 18. Bis zum 20. Jahrhundert und die Rolle des Islams in der neueren Geschichte: Antikolonialismus und Nationalismus“, “, in: Ende/Steinbach, „Der Islam in der Gegenwart“, München5 2005, S.118ff.

[7] Vgl. Gharaibeh Mohammad, Zur Glaubenslehre des Salafismus, in: Benham T. Said/ Hazim Fouad (Hrsg.), Salafismus – auf der Suche nach dem wahren Islam, Bonn, 2014, S. 108f.

[8]Vgl. Diaw, Moussa al-Hassan, Salafismus, Zelotismus und politischer Exklusivismus, in: Rauf Ceylan/Benjamin Jokisch (Hrsg.), Salafismus in Deutschland – Entstehung, Radikalisierung und Prävention, Frankfurt am Main, 2014, S. 119.

[9] Vgl. ebd. S.17f.

[10] Der Terminus „Takfīr“ bezeichnet die Exklusion anderer Muslime aus dem Islam.

[11] Vgl. Jokisch, Benjamin, „Salafistische“ Strömungen im vormodernen Islam, in: Rauf Ceylan/Benjamin Jokisch (Hrsg.), Salafismus in Deutschland – Entstehung, Radikalisierung und Prävention, Frankfurt am Main, 2014, S.19f.

[12] vgl. ebd. S. 21f.

[13] Für eine ausführliche Darstellung jener Einheitsproblematik siehe: ebd. S.22ff.

[14] Vgl. ebd. S.44f.

[15]Bin Ali, Mohammed, The Islamic Doctrine of Al-Wala‘ wa-l-Bara‘ (Loyalty and Disavowal) in Modern Salafism, Exeter, 2012. 57ff.

[16]Vgl. Jokisch, Benjamin, „Salafistische“ Strömungen im vormodernen Islam, in: Rauf Ceylan/Benjamin Jokisch (Hrsg.), Salafismus in Deutschland – Entstehung, Radikalisierung und Prävention, Frankfurt am Main, 2014, S. 33.

[17] Diesbezüglich schreibt Muḥammad ibn ʿAbdulwahhāb in seinem „Ǧawāhir al-muḍīʿah„Wir sagen: Der tauḥīd hat zwei Arten: Der tauḥīd ar-rubūbīya, und das bedeutet [das Bekenntnis], daß Gott allein die Schöpfung zukommt, die Lenkung der Engel, der Propheten und anderer daneben; das ist die Wahrheit, an der es keinen Zweifel gibt. Aber er [der tauḥīd ar-rubūbīya] läßt eine Person nicht in den Islam eintreten. […] Was eine Person in den Islam eintreten läßt, das ist der tauḥīd al-ulūhiya, und das bedeutet, daß nur Gott allein gedient wird.“
Zitiert nach Peskes, Esther, „Muḥammad b. ʿAbdulwahhab (1703-92) im Widerstreit – Untersuchungen zur Rekonstruktion der Frühgeschichte der Wahhābīya“, Beirut 1993, S.22.[17] Vgl. Peskes, Esther, „Muḥammad b. ʿAbdulwahhab (1703-92) im Widerstreit – Untersuchungen zur Rekonstruktion der Frühgeschichte der Wahhābīya“, Beirut 1993, S.23.

[18] Folgendes Zitat aus Muḥammad b. ʿAbd al-Wahhābs ar-Risāla al-ḫāmisa fī talqīn uṣūl al-ʿaqīda lil ʿāmma bil-asʾila wal-aǧwiba“ zeigt gibt Einblick in die Rigorosität und beliebige Anwendbarkeit jenes Verständnisses: „[…] Der tauḥīd al-ulūhīya ist dein Handeln, o Mensch, wie die Anrufung (duʿā), die Furcht (ḫauf), die Hoffnung (raǧāʿ), das Gottvertrauen (tawakkul), die reuevolle Hinwendung (ināba), das Verlangen (raġba), die Erfurcht (rahba), das Gelübde (naḏr) und der Hilferuf (istiġāṯa) und andere Formen des Gottesdienstes (ʿibāda) mehr.“ Zitiert nach Peskes, Esther, „Muḥammad b. ʿAbdulwahhab (1703-92) im Widerstreit – Untersuchungen zur Rekonstruktion der Frühgeschichte der Wahhābīya“, Beirut 1993, S.22.