Welten und Gegenwarten

Das Rätsel des Er/Nicht-Er beginnt im Göttlichen Selbst. Es reicht hinab durch alle Existenzstufen. Im Klarstellen wie Gott gefunden wird – nämlich indem das „Er“ in allem bestätigt wird – bestätigt Ibn al-ʿArabī auch das Nicht-Er. Er erklärt die Natur aller Dinge, die in der Kategorie des Nicht-Er einzuordnen sind, das heißt, die Natur von „allem außer Gott“ (mā siwā Allāh). So definieren auch die muslimischen Denker „die Welt“ (al-ʿālam). Er spricht ausführlich über die „Welten“ im Plural. Diese können am besten als Subsysteme des Nicht-Er verstanden werden, während das Nicht-Er in sich ein gesamtes ist. Zwei dieser Subsysteme sind die „hohen“ und „niedrigen“ Welten, das heißt, der Makrokosmos (das Universums ‚da draußen‘) und der Mikrokosmos (jeder einzelne Mensch). Drei weitere Welten sind die spirituelle, die imaginäre und die physische Welt. Diese werden mit eindrücklichen Bildern als die Welt des Lichts, des Feuers und des Schlammes bezeichnet. Aus der ersteren sind die Engel, der zweiten die Dschinn und der dritten der Körper Adams geschaffen wurden. Um zu unterscheiden zwischen eben diesen zwei Bedeutungen des Wortes Welt, wird ab jetzt ʿālam im Sinne all dieser gesamten Welt, als „Universum“ oder „Kosmos“ übersetzt. Wird das Wort im Sinne einer Welt in Relation zu den anderen Welten verwendet, wird es als „Welt“ übersetzt. Wird von der „Kosmologie“ gesprochen, bezeichnet dies das Studium des Kosmos, der hier definiert wurde, das heißt, die Forschung von „allem anderen als Gott“. Dies steht im Kontrast zur modernen Kosmologie, welche nicht den gesamten Kosmos, sondern nur eine der vielen Welten im Fokus hat.

Wenn es als anderes als Gott gesehen wird, ist die Gesamtsumme jeglicher Existenz der Kosmos oder alle Welten. Wird es jedoch als nicht anders als Gott gesehen und somit in einer Art identisch mit dem Er (al-huwa), werden die Existenzen eher mit dem Begriff der „Gegenwarten“ (ḥaḍra) bezeichnet. Der Begriff „Gegenwart“ bezieht sich auf die meisten „Welten“, jedoch nicht auf „den Kosmos“ als solchen. Daher werden die spirituelle, imaginäre und physische „Welt“ auch als „Gegenwarten“ bezeichnet. Die Bedeutung dieses Begriffes ist, dass zum Beispiel die „Gegenwart der Vorstellung“ (ḥaḍrat al-ḫayāl)  eine Sphäre ist, in der alles existierende gewoben ist aus Bildern. Somit sind alle Dinge in dieser Sphäre „gegenwärtig“ durch die Vorstellung. Gleichermaßen werden alle Dinge, die in der Gegenwart der Sinneswahrnehmung (ḥaḍrat al-ḥiss) Platz finden, von den Sinnen wahrgenommen. Ibn al-ʿArabīs Anhänger, angefangen bei [Sadr al-dīn] al-Qūnawī, schreiben detailliert über die „fünf göttlichen Gegenwarten“, womit sie die fünf Sphären meinen, in denen Gott „gefunden“ werden kann –  oder in denen Seine Gegenwart wahrgenommen wird. Diese sind (1) Gott Selbst, (2) die spirituelle, (3) die imaginäre, (4) die physische Welt und letztlich (5) der vollkommene Mensch (al-insān al-kāmil).[1]

In der letzten Analyse gibt es dann nur eine einzige Gegenwart, welche bekannt ist als die Göttliche Gegenwart (al-ḥaḍrat al-ilāhīya), die jegliche Existenz umfasst. Ibn al-ʿArabī definiert dies als die Essenz, die Eigenschaften und Handlungen Allahs (II 114.14). [Der Name] Allah ist bekannt als der „allumfassende“ (ǧāmiʿ) Name Gottes, denn nur dieser Name allein bezeichnet im weitesten möglichen Sinne Gott wie Er in Sich Selbst ist. Dieser Name lässt nichts von Seiner Realität aus. Andere Namen wie Schöpfer, Vergeber und Rächer bezeichnen Ihn unter Berücksichtigung bestimmter Aspekte Seiner Realität.

Die Göttliche Gegenwart ist der „Ort“ in der Allah gefunden wird, oder in der wir bestätigen können, dass das Gefundene Er ist. Sie umfasst die Essenz (ḏāt) Allahs, also Gott Selbst ohne Bezug auf Seine Schöpfung und die Attribute (ṣifāt) Allahs, die auch als Seine Namen (asmāʾ) bekannt sind. Diese Attribute sind Beziehungen, die erkennbar sind zwischen der Essenz und allem anderen als Ihn. Darauf folgen die Handlungen (afʿāl), welche alle Geschöpfe im Kosmos sind einhergehend mit allem, was durch sie erscheint. Daher bezeichnet der Begriff „Göttliche Gegenwart“ einerseits Gott und andererseits den Kosmos in der Hinsicht, dass er der Ort Seiner Aktivität ist.

Ibn al-ʿArabī verwendet das Wort Gegenwart meistens, um sich auf eine Sphäre zu beziehen, die von einem der göttlichen Namen beeinflusst wird. Beispielsweise ist Gott Mächtig. Somit ist die „Gegenwart der Macht“ alles in der Existenz, welches im Einfluss Seiner Macht steht. Dies ist die gesamte Schöpfung. Doch die Gegenwart der Macht ist beschränkter als beispielsweise die Gegenwart des Wissens. So Mächtig Gott auch sein mag, Er kann Sich Selbst nicht unwissend machen von dem, was Er weiß. Diese Art des Denkens, welches Ibn al-ʿArabīs Schriften durchdringt, hat weitreichende Implikationen auf theologische Annahmen.

„Wo finde ich Gott?“ Eine offensichtliche Antwort lautet: Wo immer Er auch gegenwärtig ist. Doch wie ist Gott gegenwärtig in den Dingen? Gott ist gewiss gegenwärtig durch die Eigenschaften Seiner Essenz, welches Er Selbst ist, Sein reinstes Sein. Allah, also Gott bezeichnet mit dem allumfassenden Namen, hat Einfluss auf alles im Kosmos. Jegliches Sein aufgrund manifestiert aufgrund seines Seins etwas von der Göttlichen Gegenwart, welche bei Definition jegliche Existenz umfasst. Jeder Name Gottes hat aber seine eigene Gegenwart, was bedeutet, dass Gott sich Selbst Seinen Geschöpfen in unterschiedlichen Modalitäten zeigt. In jedem Fall ist es aber Gott, der Sich offenbart und der in allem Erschaffenen liegt. Doch Gott als der Erniedrigende (al-muḏill) ist nicht Gott als der Ehrende (al-muʿizz). „und Du ehrst, wen Du willst und erniedrigst, wen Du willst.“ (Koran 3:26). Gott der Lebenspender (al-muḥyī) ist nicht Gott der Todbringer (al-mumīt). Gott umfasst alle Dinge, doch einige sind geehrt und andere sind erniedrigt, einige leben und andere sind tot.

„Wo finde ich Gott?“ Überall wo Er gegenwärtig ist und dies ist überall, denn alle Dinge sind Seine Handlungen. Doch keine Handlung ist identisch mit Gott selbst, der alle Dinge, alle Handlungen, alle Welten und Gegenwarten umfasst. Obwohl Er überall aufzufinden ist, kann Er auch nirgends gefunden werden. Er/Nicht Er.

[Der erste Abschnitt dieser Schrift ist: Die Suche nach Gott in Gott]

– – Übersetzt von Muhammed F. Bayraktar, aus „The Sufi Path to Knowledge“ von William C. Chittick.

[1] Für eine detaillierte Erörterung der unterschiedlichen Versionen dieses Schemas siehe Chittick, „The Five Divine Presences: From al-Qūnawī to al-Qayṣarī,“ Muslim World 72 (1982); 107 – 128.

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