Seit Anbeginn ist die Hauptlehre des Islams, dass Gott einer ist. Es dauerte nicht lange, bis sich die Theologen und Philosophen um die immerwährende intellektuelle Aufgabe bemühten darzulegen, wie Vielfalt aus einer Realität hervorkommen kann, die in jeglicher Form eins ist. Ibn al-ʿArabī sieht eine Erklärung in der Doktrin der Göttlichen Namen, welche die Infrastruktur der meisten seiner Lehren bilden. Doch grundlegender ist die Frage nach dem Wesen der Existenz selbst. Bevor wir über Gott und Seine Eigenschaften reden, suchen wir nach dem Einssein und decken die Wurzel der Vielfalt im Wesen der existierenden Dinge auf.

Wir kehren zurück zu dem Wort „Wuǧūd“, „Finden“, „Sein“ oder „Existenz“. Ibn al-ʿArabī verwendet diesen Begriff in unterschiedlichsten Arten. Ohne uns hier in philosophische Haarspalterei zu begeben, können wir zwei fundamentale Bedeutungen ausmachen. Diese verlangen zwei unterschiedliche Übersetzungen für das gleiche Wort. Einerseits „finden“ wir überall, wo wir hinsehen, Dinge vor. Dies mag in der Welt oder in unserer Vernunft sein. All diese Dinge „existieren“ auf die eine oder andere Art. Wir können Existenz als ihre Eigenschaft bezeichnen. Das Haus und die Galaxie existieren in der äußeren Welt und das grünäugige Monster existiert in der Halluzination des Wahnsinnigen, auf der Kinoleinwand oder auf dem Papier. Diese Arten unterschieden sich, doch wir können über sie alle sagen, dass sie die Eigenschaft Existenz haben. Wenn Ibn al-ʿArabī über irgendeine bestimmte Sache oder Idee spricht, welche behandelt werden kann, verwendet er das Wort Existenz in seiner allgemeinen Bedeutung. Er sagt damit, dass dort etwas ist, etwas vorzufinden sei. Gleichermaßen können wir also auch sagen, dass Gott existiert, das heißt: „Es gibt einen Gott.“

Ibn al-ʿArabī verwendet das Wort Wuǧūd auch in einem weiteren Sinne und zwar wenn er über die Substanz, den Stoff oder die Natur Gottes Selbst spricht. In einem Satz: Was ist Gott? Er ist Wuǧūd. In diesem Sinne mag die Bedeutung „Finden“ angemessen sein, solange wir uns nicht vorstellen, dass Gott etwas verloren und danach gefunden hat. Was Er jetzt findet, fand Er schon immer und wird Er immer finden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind bedeutungslos in Bezug auf Gott Selbst, denn sie sind Attribute welches verschiedene Existenzen in Relation zu uns annehmen. Sie nehmen diese nicht in Relation zu Ihm an. Doch das Wort „Finden“ ist vielleicht nicht der beste Begriff, um diese Erörterung in die theologische und philosophische Sphäre einzuführen, in der sie Ibn al-ʿArabī sehen will. So verwenden wir lieber das gewöhnliche Wort der Philosophie „Sein“, welches ausgesucht wurde (gemeinsam mit „Existenz“) von westlichen Gelehrten, wenn sie das Wort Wuǧūd auf Englisch erörterten. Jedoch darf niemals außer Acht gelassen werden, dass das „Sein“ niemals getrennt ist von Bewusstsein, vom vollen bewussten finden, wahrnehmen und wissen der ontologischen Situation. Da dieser Punkt oftmals vergessen wird, wenn dieser Begriff erörtert wird, wird es Gelegenheiten geben auf ihn zurückzukommen. Ich hoffe der Leser ist mir hierbei nachsichtig.

In der folgenden Erörterung bezeichnet das „Sein“ in Großschreibung Gott wie Er in Sich Selbst ist. Für Ibn al-ʿArabī ist Sein in keiner Weise ambig oder fragwürdig, während unser Verständnis von Sein ein anderes Thema ist. Sein ist das, was wirklich ist, während alles andere im Nebel und in der Unschärfe verweilt. Wir müssen also zögerlich sein mit unseren Worten, dass irgendetwas – alles andere als Gott – „existiert“. Diese Aussage ist ambig, denn so sehr eine Sache auch Teil der Existenz ist, liegt sie auch in den Fängen des absoluten Gegenteils der Existenz, der Nichtexistenz (ʿadam). Jegliche Existenz ist gleichzeitig Er (Sein) und Nicht Er (nicht-sein, absolutes Nichts). Einzig Gott ist zweifellos und bedenkenlos uneingeschränktes Sein.

Gott ist schieres Sein, reichliche Fülle, reinstes Bewusstsein. Jede andere Entität im Kosmos ist höchstens eine gedämmte Reflexion einiger dieser Eigenschaften. Ibn al-ʿArabī verwendet oft den Begriff „existent“ (mawǧūd) um die existierenden Dinge zu bezeichnen. Dies ist ein Begriff, der in seiner morphologischen Form schon die abgeleitete Existenz ausdrückt, welche die existenten Dinge beschreibt. Es wird noch klarer werden, wenn wir über die „unbewegbaren Entitäten“ (al-aʿyān al-ṯābita) sprechen, dass die Zuschreibung der Existenz zu den Dingen mehr eine Redewendung als strikte Beschreibung der eigentlichen Situation ist. Tatsächlich ist es so, dass die Existenz nichts anderes ist als der reflektierte Glanz des Seins und es gibt nur ein einziges Sein, nämlich Gott Selbst.

Gott ist Licht, wie es der Koran bestätigt (24:35). Wie viele andere muslimische Denker auch, jedenfalls seit der Zeit von al-Ġazzālī, stellt Ibn al-ʿArabī Licht mit Sein gleich und verwendet die Symbolik des sichtbaren Lichts um die Beziehung zwischen Sein und Nichtexistenz zu erklären. Gott ist Licht und nichts anderes als Licht. Alle anderen Dinge sind Strahlen des Abglanzes von der Essenz des Lichtes. Einerseits sind sie Licht, denn nichts anderes ist vorzufinden. Andererseits aber sind sie Finsternis, denn sie sind nicht identisch zum Licht selbst. Doch Finsternis selbst besitzt keine eigene positive Realität, denn die sie bestimmende Eigenschaft ist die Abwesenheit von Licht. Gleichermaßen ist die bestimmende Eigenschaft eines jeden seienden Dinges die Abwesenheit des Seins. Zwar reflektieren die Dinge einerseits das Sein, doch sind sie auch Nichtexistenzen. Er/Nicht Er.

Sein oder Licht ist jenes, was in seinem eigenen Wesen sich selbst findet, obwohl es von anderen nicht wahrgenommen werden kann, das heißt, nicht umfasst, erfasst und verstanden werden kann von „anderen“. Dies erstens deswegen, weil es nichts anderes als Licht gibt, welches etwas wahrnehmen könnte. Es gibt nur Licht welches Sich Selbst wahrnimmt. Zweitens deswegen, weil bei der Akzeptanz der „Existenz“ einiger Dinge, oder anders ausgedrückt, der leuchtenden Lichtstrahlen in der Leere, diese Lichtstrahlen nur sich selbst wahrnehmen können oder jenes, was ihnen ähnlich ist. Sie können nicht etwas wahrnehmen, welches unendlich größer ist als sie und dessen gedämmter Abglanz sie selbst sind. Der Schatten kann das Sonnenlicht nicht wahrnehmen und das Sonnenlicht kann die Sonne nicht umfassen. Einzig die Sonne kennt die Sonne. „Keiner weiß Gott außer Gott“.

Wie nun entsteht die Vielfalt aus dem Einssein? Sein selbst ist Einssein während das Nichts als solches aus keiner Perspektive gesehen existiert. Doch wir wissen über das Sein schon, dass Es Licht ist, daher strahlt Es und gibt von Sich Selbst. Somit haben wir drei „Dinge“: das Licht, die Strahlen und die Finsternis, oder: das Sein, die Existenz und die Nichtexistenz. Die zweite Kategorie, die Strahlen/Existenz ist es, auf der unser Augenmerk liegt. Diese Kategorie definiert unseren „Ort“ für alle praktischen Anwendungen. Ihr offensichtlichster Zustand ist ihr ambiger Zustand – sie befindet sich zwischen Sein und Nichtexistenz, Licht und Dunkelheit, Er und Nicht Er. Ibn al-ʿArabī nennt sie manchmal Existenz und manchmal Nichtexistenz, denn beide Eigenschaften treffen darauf zu. Daher gibt es zwei Grundarten der „Nichtexistenz“: absolute Nichtexistenz (al-ʿadam al-muṭlaq), welches reines und einfaches Nichts ist, sowie relative Nichtexistenz (al-ʿadam al-iḍāfī), welches der Zustand der Dinge ausmacht, die als Nicht Er erachtet werden sind.

Unsere Klassifizierung der unterschiedlichen Realitätsformen ist nun stückweise komplizierter geworden. Wir fingen an mit Sein und Existenz, dann blickten wir auf Sein und Nichtexistenz und letztlich auf Sein, Existenz und Nichtexistenz. Jetzt wenden wir uns einem vierten Bild der Grundstruktur der Realität zu: Sein, relative Nichtexistenz und absolute Nichtexistenz, und letzteres bezeichnen wir als „das Nichts“. Einzig das Sein ist wahrlich, während Nichts keine Existenz hat, außer eine rein spekulative und in der Vernunft liegende Existenz. Daher ist „alles andere als Gott“ – der Kosmos – relative Nichtexistenz. Alles aber, was relative Nichtexistenz ist, ist auch relative Existenz.

Vielfalt und Mannigfaltigkeit erheben sich aus dem Natur der Existenz selbst (wir könnten gar sagen, aus der Natur der Nichtexistenz selbst, doch dann würde die Erörterung einen Perspektivwechsel erleben. Diese Perspektive wird zur rechten Zeit noch folgen.) Jedem ist klar ersichtlich, dass „Helligkeit“ nicht eine einzige Stärke hat. Eine Helligkeit ist geringer als die andere Helligkeit. Manche Helligkeit ist ferner und andere näher. Wir können auch sagen, dass einige Existenzen intensiver als andere sind, doch der hiesige Punkt ist nicht so klar. Um dies klarzustellen, ist es am allerbesten nicht über das Sein selbst zu sprechen, sondern über die Eigenschaften des Seins. Jene Eigenschaften sind es, welche als die Göttlichen Namen bezeichnet werden und wir werden erforschen, wie sie in der Existenz reflektiert werden.

Nehmen wir beispielsweise das „Finden“, welches gleichzustellen ist mit Bewusstsein und Selbstbewusstsein, oder mit „Wissen“ als Göttliche Eigenschaft (und im Kontext der Texte der Sufis eine Eigenschaft des Menschen). Es sollte offensichtlich sein, dass einige Menschen bewusster sind als andere und andere Wissender sind als andere. Dies ist Ibn al-ʿArabīs Doktrin von tafāḍul „Abstufung in Rängen der Exzellenz“, oder: „das Bevorzugen einiger über andere“, oder: „das übertreffen anderer“. Dieser Begriff ist abgeleitet von solchen koranischen Versen wie: „Gott ließ einige von euch andere in Versorgung übertreffen“ (16:71). Wissen gehört zu den größten Gaben mit denen Er Seine Schöpfung versorgte, doch Er gab dieses Wissen nicht jedem in gleicher Menge. Der Koran sagt: „Wir [Gott] heben in Stufen wen Wir wollen und über einem jeden Wissenden gibt es einen, der mehr weiß“ (12:76).[1] Er fragt: „Sind sie etwa gleich, jene die wissen und nicht wissen?“ (39:9).

Existenz oder der Kosmos ist ein weites Panorama der Abstufungen jeglicher denkbarer Eigenschaft und Beschaffenheit. Keine zwei Dinge sind jemals gleich. Zwei Dinge müssen sich mindestens in einer einzige Eigenschaft unterscheiden, ansonsten wären sie das absolut gleiche. Die Eigenschaften benötigen das Sein, obwohl sie ihre Färbung erst durch das Nichts erhalten. Ohne zu erst zu existieren, kann ein Ding weder klein noch groß sein, weder intelligent noch unwissend, weder lebend noch tot. Ohne Licht kann es kein Rot, Grün oder Blau geben. Wo wir auch hin sehen, wir sehen Hierarchien der Eigenschaften. Wenn jemand Wissen hat, gibt es einen, der mehr Wissen hat und der weniger Wissen hat. Keine zwei Dinge wissen exakt die gleichen Dinge oder die gleiche Menge. Würden wir Anteil am unendlichen Wissen Gottes haben, wären wir fähig die Hierarchie der wissenden Dinge in der Schöpfung seit der Ewigkeit auszumachen und zu erkennen, wer weniger und wer mehr weiß. Jedes individuelle Ding zu jedem gegebenen Punkt der Bahn seiner Existenz würde in einer bestimmten Nische der Hierarchie Platz finden. Gleiches kann gesagt werden über jede Eigenschaft, welche dem Sein gehört: auch über die umgreifende manifestierende Einheit der Eigenschaften des Seins die als Existenz bezeichnet wird. Es gibt eine Abstufung in der Intensität der Existenz – oder des Lichtes – welches in allen Dingen wahrgenommen werden kann. Keine zwei Dinge sind jemals exakt gleich auf der Stufe oder dem Modus ihrer Existenz.

[1] Die Verwendung des ersten Personenplurals ist im Koran gewöhnlich wie auch die Verwendung des ersten Personensingulars. Ibn al-ʿArabī sagt, dass das Singular sich auf das Göttliche Wesen selbst bezieht, d.h. den Namen Allah, während das „Wir“ sich auf mehr als einen Göttlichen Namen bezieht. (IV 319.3).

 

[Zweiter Teil dieser Schrift ist: Wo finde ich Gott?]

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