Mein Bruder, möge Gott der Erhabene dein inneres Auge durch Seine Rechtleitung erleuchten, dein Herz vor den Fehlern derer bewahren, die gezeichnet sind durch Unwissenheit und Hartnäckigkeit. Möge er dir Beistand durch Erfolg und seine Fürsorge gewähren. Wisse! Die Wissenschaft mit dem Ziel, die Urteile zur praktischen Theologie (fiqh) zu begreifen, die das Verbotene und Erlaubte offenbart, ist nach dem Wissen um den Lebendigen und Selbstgenügenden die edelste Wissenschaft. Dies bezieht sich jedoch nur im Allgemeinen auf die Wissenschaft. Dabei aber sind die dieser Wissenschaft gewidmeten (fuqaha) zweierlei:

  1. Die vollkommenen Gelehrten der praktischen Theologie (fuqaha):

Dies sind jene Gelehrte, die tiefvertraut sind mit den Wurzeln, den Maximen (uṣūl) und den Ästen, den Ableitungen (furū‘) der Praktischen Theologie und deren Begreifen die Details und Einteilungen dieser Wissenschaft, die das Erlaubte und Verbotene betreffen, durchdringt.

  1. Der mangelhafte Gelehrte der praktischen Theologie:

Sie sind nicht auf der Stufe der vollkommenen Gelehrten. Sie sind jene, die gemäß einer der vier Rechtsschulen der sie angehören (maḏāhib), die Ansichten der praktischen Theologie aus den Büchern zitieren, in denen die abgeleiteten Urteile stehen. Sie zitieren ohne die Grundlagen zu erfassen, auf denen diese bestimmten Urteile der Gelehrten basieren. Daher ist das einzige, was sie tun, dieses Wissen durch gegenseitige Nachahmung aufzunehmen, während ein jeder unter ihnen nur Bruchstücke davon versteht. Dies aufgrund mangelnden Intellekts. Ihnen gelingt es nicht die Bedeutungen der Rede des Gesetzgebers aufgrund beschränkter innerer Fähigkeiten zu konzeptualisieren. Diese Klasse von Gelehrten ist sich weder über die zweckmäßigen Grundlagen dieser bestimmten Urteile bewusst, auf denen diese errichtet wurden, noch über die Unterscheidung zwischen beschränkten und augenscheinlich absoluten Aussagen. Diese Qualifikationen wurden nämlich nur der Fürsorge der Gelehrten anvertraut, die ein tiefgreifendes Verständnis besitzen. Somit gleicht diese zweite Klasse Gelehrten den Feuerholzsammlern, die zu seltenen Momenten auf Feuerholzsuche gehen und dabei dünne sowie dicke, feuchte und trockene Äste sammeln. Diese Gelehrten werfen sich auf jedes Wort, das sie finden, ohne diese voneinander unterscheiden zu können. Sie erheben sich selbst auf die Ränge jener, denen die Aufgabe anvertraut wurde, im Namen der gesamten Umma Muḥammads – Frieden und Segen seien auf ihm – zu urteilen. Diese Gemeinde des Gesandten aber wurde durch die Worte des Erhabenen als vertrauenswürdig bezeichnet: „Ihr seid die beste Gemeinde, die je für die Menschheit hervorkam.“ [3:110] So gibt es keinen Zweifel darüber, dass die Gelehrten mit mangelndem Verständnis jene kritisieren, deren Vertrauenswürdigkeit vom Herrn der Welten bestätigt wurde. Sie sprechen ihre Kritik nur aufgrund ihrer üblen und verdorbenen Vermutung, von der sie denken, sie sei auf der Stufe von hoher Gewissheit (ʿaynu ʾl-yaqīn).

Schande auf dieser Zeit, in der die Gelehrten der Praktischen Theologie willkürlich gemäß ihrer Selbsttäuschung und dem, was sich in ihren Herzen befindet, das bis zum Rand gefüllt ist mit der Liebe zur Welt, urteilen. Aufgrund ihres üblen Verdachtes widerlegen sie Schandtaten, die sie sich einbilden, von denen sie denken, sie seien dem Gesetz Gottes nach verwerflich. Dabei verwenden sie genuine Rechtsprozesse um die angebliche Falschheit dieser Handlungen darzulegen.

Die meisten bedingten Aussagen auf die sie sich zur Untermauerung ihrer Vorstellung stützen, sind bar jeglicher Brauchbarkeit. Sie bauen nämlich auf stumpfsinnigen Fehlkonzeptionen, obwohl die Belege in sich selbst die Wahrheit widerspiegeln. Dies tun sie aber nur dann, wenn einer die Absicht hat, sich auf die folgerichtigen Tatsachen zu stützten, auf diese sie korrekt hinweisen.

Der Grund für das Erwähnte ist, dass ein Gelehrter ein, zwei, drei oder vier Regeln des Fiqh lernt. Dann beginnt er plötzlich, sich auf dem Rang der gelernten Meister mit höchsten Rängen zu erachten. Resultat dieser Fehleinschätzung und Täuschung über sich selbst, beeilt er sich darin unqualifiziert Fatāwā von sich zu geben. Dabei ahmt er die Gelehrten ganz genau in ihrem Fachsprache nach – jene Gelehrte, die weitaus tiefgehender und genauer waren in ihrem Begreifen als seines gleichen. Währenddessen schwelgt dieser armselige und für seine Tätigkeit ungeeignete Gelehrte aber in Unwissenheit über die Grundlagen, auf denen die Meister dieses Faches ihre Wissenschaft gründeten und auf deren Basis sie diese bindenden Rechtsmeinungen sprachen. Er ist sich auch im unklaren darüber, dass diese hochrangigen Gelehrten, die Autoren früherer und älterer Texte, ihre gesamten Urteile die sie in ihren Büchern erwähnten und anführten, auf den Grundlagen der Praktischen Theologie (uṣūl), der Maximen, der Bedingungen und der Eingrenzungen errichteten. All diese erwähnten sie nicht, denn a) sie vertrauten hierbei auf das gelehrte Verständnis des Studenten, der ihre Werke liest und b) versuchten sie dabei ihr Wissen vor dem zu schützen, der dieses Wissen für sich behauptet, während er ihre Bemühungen nach diesem hochrangingen Wissen unterlässt.

Daher kann es sein, dass die meisterhaften Gelehrten der Praktischen Theologie und die Schreiber der autoritativen Werke dieser Wissenschaft dazu tendieren, unbeschränkte Aussagen ohne Einschränkungen und ohne relevante Absicherungen zu tätigen. Dabei jedoch erachteten sie die bedingte Formulierung aus dem fachsprachlichen Jargon, den sie für gewöhnlich verwenden, als bekannt an.

— von Sh. ʿAbdu ʾl-ġanī an-Nablūsī rahimahullah, aus (Islams jugdment on music) –  Iḍāḥu ʾd-dilālāt. Übersetzt von Muhammed F. Bayraktar.

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