Šāh Walīyullāh al-Dahlawī schreibt in seinem ʿIqd al-ǧīd:
»In Qunya heißt es: „Für den Mufti ist es notwendig, dass er Fatwa gemäß den Urteilen spricht, die den Menschen am allerleichtesten fallen.“ Gleiches sagte al-Bazdāwī in seinem Šarḥ al-ǧāmiʿ al-ṣaġīr: „Für den Mufti ist es notwendig, dass er in seinen Urteilen für andere die leichteste Position gibt. Dies gilt insbesondere für die Schwachen. Der Gottgesandte – Frieden und Gebete seien auf ihm – sprach ja zu Muʿāḏ und Abū Mūsā al-Ašʿarī, als er diese nach Jemen sandte: „Erleichtert [es den Menschen], erschwert [es ihnen] nicht.“ In ʿUmdat al-aḥkām, dem Abschnitt über das Verpönte, heißt es: „Die Überbleibsel [des Trankes] von Schweinen und Hunden sind unrein, doch Mālik und andere widersprechen diesem. Die Fatwa gemäß Mālik wäre erlaubt.“
[…]
Ibn al-Humām schreibt in Fatḥ al-qādir im Kapitel Ādāb al-qāḍī:
„Einzig ein Muǧtahid kann Fatwa geben. Gemäß der etablierten Meinung der Gelehrten der Prinzipienlehre [uṣūl], kann einzig der Muǧtahid [im wahrsten Sinne] ein Mufti sein. Diejenigen, welche die Meinungen der Muǧtahids auswendig gelernt haben, sind keine Muftis. Wenn einer dieser Personen nach Fatwa gefragt wird, hat er beispielsweise zu sagen: „Abū Ḥanīfa sagt dies“, das heißt, er überliefert die Position eines Muǧtahid. Daraus ist zu verstehen, dass die heutigen Muftis unserer Zeit keine „Fatwa“ sprechen. Sie leiten die Aussagen von früheren Muftis [muǧtahids] an die Fragenden weiter. […] Wenn diese Aussagen/Überlieferungen aus bekannten Büchern wie al-Mabsūt oder al-Hidāya sind, kann er sich auf diese Bücher stützen und diese Überlieferungen annehmen. Kennt jemand die unterschiedlichen Meinungen der Muǧtahids, doch er kennt die Belege nicht und er ist auch nicht fähig, die unterschiedlichen Positionen gegeneinander abzuwiegen, kann er nicht eine der Aussagen über die andere mit Gewissheit verurteilen und kann nicht Fatwa anhand einer der Meinungen geben. Er kann aber demjenigen, der eine Meinung erfragt, diese Meinungen überliefern und der Fragende kann nach seinem Dünken die Meinung aussuchen. Meiner Ansicht nach, muss er nicht alle Meinungen und Positionen weitergeben. Er kann auch eine einzige Meinung weitergeben, denn der Nachahmer [der Laie] darf dem Muǧtahid seines Wunsches folgen. Wenn derjenige, der Fatwa gibt, eine Aussage eines dieser Muǧtahids weitergibt und der Befolger diese Meinung befolgt, ist dies eingetreten. Ja, er darf die Fatwa nicht abkürzen und darf nicht sagen: „die Antwort auf deine Frage ist dies.“ Jedoch sagt er: „Das Urteil nach Abū Ḥanīfa wäre so und so.“ Bezüglich dem Fall, dass alle Meinungen dem Befolger vorgelegt werden und der Befolger dann seinem Dünken folgt, welche der Meinungen richtiger ist, so ist zu erst zu sagen, dass die Einschätzung des Laien bezüglich der Korrektheit oder Falschheit eines Urteils keine wissenschaftliche Bedeutung hat. Demzufolge wird gesagt: „Wenn der Befolger von zwei Muǧtahid die Meinung zu einer Angelegenheit ersucht und sie unterschiedliche Antworten geben, ist es angemessen, dass der Befolger seinem Herzen folgt und die Position nimmt, zu die sein Herz neigt.“ Meiner Ansicht nach, darf er auch der Meinung folgen, zu die sein Herz nicht neigt, denn beim Laien spielt die Neigung seines Herzes keine Rolle. Seine Pflicht ist das Befolgen eines Muǧtahid und diese Pflicht hat er erfüllt, ob der Muǧtahid sich nun irrte oder richtig lag.“


[…] Es gibt keinen Beleg in der Offenbarung, dass eine Person einem einzigen Muǧtahid zu folgen habe. Das Befolgen eines Muǧtahid geschieht nicht aus der eigenen Verpflichtung zu einem Muǧtahid heraus. Die Offenbarung zwingt den Laien, der Ansicht eines Muǧtahid zu folgen. Aus dieser Pflicht heraus entsteht die Verpflichtung des Befolgens. „Fragt die Gelehrten, wenn ihr denn nicht wisst“, besagt der Vers des Korans und verpflichtet hierzu. Das Fragen geschieht aber zumeist zu einer bestimmten Angelegenheit. Wenn er in diesem Fall weiß, was die Antwort des Muǧtahid ist, ist er verpflichtet dieser Meinung zu folgen. Ich nehme an, dass diese Bindungspflicht und Verpflichtung zu einem Muǧtahid formuliert wurde, um die Menschen davor abzuhalten, die Erleichterungen zu suchen. Es wäre für den Laien nämlich einfach, wenn er in jeder einzelnen Angelegenheit der Position eines anderen Muǧtahid folgen würde. Ich habe nicht verstehen können, welcher Beleg aus der Vernunft oder der Offenbarung dies verbieten sollte. Es wird kritisiert, dass jemand von den Positionen der Muǧtahids, die des Iǧtihād befugt sind, sich jene raussucht, die ihm am allerleichtesten fallen. Dabei heißt es, dass der Gottgesandte – Frieden und Gebete seien auf ihm – ‚für seine Umma die Erleichterung liebte und Gefallen an ihr fand.‘ Gott der Erhabene weiß es am Besten.“«

Šāh Waliyullah sagt, dass unterschiedliche Gelehrte unterschiedliche Bedingungen gesetzt haben für das beliebige Befolgen einer beliebigen Meinung. Die eine Bedingung laute: „Einige behaupten, das Suchen von Erleichterungen und das Befolgen dieser sei nicht erlaubt. Diesem widersprechen wir mit folgendem Beleg: Wenn dem Gottgesandten die Wahl gegeben wurde zwischen zweien, wählte er das Leichteste aus, solange dies keine Sünde war.“