»Nach der detaillierten Präsentation der Beweise und rechtlichen Regelungen bezüglich der zwei Themen Musik und Gesänge in den jeweiligen detaillierten Kapiteln, hebe ich nun bündig die Haupterkenntnisse dieser Arbeit hervor:

  1. Es gibt keinen Konsens (iǧmāʿ) in der rechtlichen Bestimmung von Musik und Gesänge, ganz gleich, ob man Musik und Gesang zusammen oder getrennt betrachtet.
  2. Es gibt keine eindeutige Textstelle (naṣṣ) im Koran, in welcher diese zwei Themen erwähnt werden.
  3. Es gibt keine eindeutige Textstelle (naṣṣ) in der Sunna, welche Musik oder Gesang verbietet.
  4. In den Rechtspositionen (maḏāhib) der Gefährten (sahaba) und Vorfahren (salaf) gibt es keine eindeutigen Verbote von Musik und Gesänge. Vielmehr hörten sich einige von ihnen Musik und Gesänge an und erlaubten diese. Die Vorläufer der Verbotsmeinung erschienen erst nach ihnen, allerdings ohne unumstrittenem klaren Verbot.
  5. Die Behauptung, die Imame der vier sunnitischen Hauptschulen hätten sich bezüglich eines absoluten Verbots von Musik und Gesänge geeinigt, ist ungenau.
  6. Die Themen um Musik und Gesänge gehen zurück auf die Grundannahme (aṣl) bei Angelegenheiten von Gewohnheiten und Gegenständen. Die auf Beweisen beruhende etablierte Position in dieser Sache ist die der Erlaubnis (ibāḥa). Dieses Urteil darf nicht ohne Belege verändert werden.
  7. Die Grundannahme (aṣl) in Bezug auf Klänge und Rede ist, die Erlaubnis diese zu machen oder diesen zuzuhören, ebenso verhält es sich für das Summen. Eine schöne Stimme oder ein schöner Klang ist in sich eine Gabe (von Gott).
  8. Alle Überlieferungen bezüglich der Verurteilung von Musik und Gesänge, an denen einige festhalten, denkend, dass sie rechtliche Beweise seien, beinhalten sehr wenig Klares und Unumstrittenes. Letzteres ist nicht authentisch überliefert und es ist nicht erlaubt, rechtliche Urteile auf unzuverlässigen Überlieferungen zu basieren.
  9. Die Textstellen aus der authentischen sunna, welche von jenen, die Musik und Gesänge verbieten, als rechtliche Belege angesehen werden, sind in Wirklichkeit Belege gegen sie. Sie widerlegen ihre Behauptungen. Es ist so, dass es zahlreiche eindeutige Textstellen (nuṣūṣ) aus der authentischen sunna gibt, die das Grundprinzip bestätigen und die Erlaubnis von Musik und Gesänge erfordern.

Ein prinzipientreues Urteil über Musik und Gesänge

  1. Musikinstrumente waren in der arabischen Gesellschaft vor dem Islam vorzufinden und sie blieben auch danach weiterhin bestehen. Es kamen keine klaren, authentischen und eindeutigen Texte (naṣṣ), um diese zu verbieten.
  2. Klänge, die von Musikinstrumenten ertönen, sind prinzipiell erlaubt (ḥalāl). Sie verbleiben im Rahmen des Erlaubten, außer sie werden als Mittel für Auflehnung (gegenüber Gott) genutzt.
  3. Die genaue Definition vom erlaubten Singen ist: Das, was an sich erlaubte Wörter oder Texte beinhaltet, seien sie begleitet von Musik oder nicht.
  4. Die Nutzung des Erlaubten für untugendhafte Ziele ändert die Regelung in diesem Umstand vom Erlaubten zum Verbotenem. Dies hat aber keine Auswirkung auf das Urteil im Allgemeinen.
  5. Was die Erlaubnis von Musik und Gesänge angeht, gibt es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen.
  6. Das Hören von Frauengesänge seitens der Männer und vice-versa ist in sich harmlos: Dies ist in vielen aussagekräftigen Texten authentisch überliefert.
  7. Die Verwendung und das Erlernen von Musik und Gesänge sind erlaubt bzw. neutral (mubāḥ), da keine Grundlage für das Verbieten des prinzipiell Erlaubten vorhanden ist.
  8. Eine Regelung, die daraus resultiert, ist, dass das Praktizieren von Musik und Gesänge und das sich hingezogen Fühlen zu diesen Dingen, der Integrität (ʿadāla) einer Person keinen Schaden zufügen.
  9. Sich mit Liedern zu amüsieren, ganz gleich, ob sie „islamisch“ oder „national“ oder anders genannt werden, ist zulässig und erlaubt (mubāḥ ǧāʾiz), seien diese Lieder durch Musikinstrumente begleitet oder nicht, solange die Texte in sich erlaubt (mašrūʿa) sind.
  10. Was das Gedenken Gottes durch huldigende und lobende Worte, und die Segenswünsche auf den Propheten angeht, so ist es erlaubt und empfohlen, sich für diese Gründe zu versammeln. Es ist erlaubt dies melodisch (bi-t-taġannī) zu tun, sowie es auch erlaubt ist, den Qurʾān melodisch zu rezitieren. Nichtsdestotrotz sei darauf hingewiesen, dass all diese Sachen einen Gottesdienst (ʿibāda) darstellen und keine Unterhaltung (laḥw). Deshalb darf es nicht in Begleitung von Musik stattfinden, da letzteres eine Form der Unterhaltung darstellt und Unterhaltung kann kein Mittel für Gottesdienst sein. Ebenso war auch das Benutzen der Trompete oder der Glocke für das Rufen zum Gebet nicht erwünscht, stattdessen wurde der Ruf zum Gebet durch die menschliche Stimme (āḏān) geregelt.
  11. Die Regelungen zu Musik und Gesänge unterscheiden sich in unserer Zeit nicht von den früheren Zeiten. Jegliches Urteil in Bezug auf die populären Sachen basiert auf dem individuellen Text. Wenn dieses zu Verbotenem führt, so ist das Urteil die des Verbots (ḥarām).  Sobald erlaubte Musik oder erlaubte Gesänge durch verbotene Darstellungen begleitet werden, wie zum Beispiel durch entblößte Schambereiche (ʿawra), würde das Verbot sich auf das Anschauen der verbotenen Darstellung beziehen, nicht aber auf die Musik oder auf die selbst.

Ich schließe mit folgenden Worten ab:

Erstens: Musik und Gesänge sind Formen der Unterhaltung (laḥw), deshalb ist das Grundprinzip, dass sie für anerkannte Nutzen  (maṣlaḥa muʿtabara) genutzt werden sollten, wie zum Beispiel dem Ausdrücken von akzeptabler Fröhlichkeit oder dem Abwenden von Langeweile und Stumpfsinn. Diese Nutzen werden entsprechend verhindert, wenn man diese zu viel benutzt. Das Erlaubte ist harmlos solange es das Obligatorische oder Empfohlene nicht überwältigt, sowie nicht zum Verbotenem oder nicht Empfohlenem führt, in welchem Fall es vom Erlaubten zum Verbotenem oder nicht Empfohlenem wird.

Zweitens: Der Fakt, dass viele Menschen bei diesen Unterhaltungen die Grenzen des Erlaubten überschreiten, widerlegt nicht das Grundprinzip bezüglich Musik und Gesänge. Was bei dieser Handlung abgelehnt wird ist das was daran exzessiv ist und es ist nicht erlaubt das Erlaubte zu verbieten, mit der Begründung, dass die Zeiten sich verändert haben oder weil es falsch genutzt wird. Was die Verantwortung des Gelehrten angeht ist es am sichersten die Menschen am Grundprinzip des Rechts zu halten, selbst wenn dies mit den Gelüsten der Menschen übereinstimmt, denn die Sünde wird nicht herbeigeführt durch das Begehen des Erlaubten (ḥalāl), sondern durch das Fallen in das Verbotene (ḥarām).

Drittens: Der Weg das Erlaubte (ḥalāl), das Verbotene (ḥarām) und die Hauptmerkmale (šaʿāʾir) des Islam zu ergründen ist durch das Buch und die authentische sunna, basierend auf klaren Prinzipien und eindeutigen Regeln. Diese sind nicht durch abgelehnte oder erfundene Hadithe oder durch Meinungen ohne Beweise oder grundlose Ansichten ergründbar. Andernfalls könnte jeder, der will, sagen, was er will und die Religion der Menschen würde verfälscht werden. Bei dieser einen Angelegenheit sieht man, wie sehr falsche Überlieferungen und schwache Meinungen die Ansichten der Menschen beeinflusst haben, während Unfehlbarkeit einzig für den Propheten, in dem was er von seinem Herrn übermittelt bekommen hat, gilt.

Das Fazit dieser Untersuchung wird den Wünschen vieler Menschen nicht entsprechen, aber es reicht mir aus, dass ich einzig im Lichte der Evidenzen und Beweise des Rechts auf dieses Ergebnis kam, mit der Berücksichtigung der Grundprinzipien und einer gründlichen Analyse der Meinungsunterschiede mit meinen Widersachern.

Folglich, wenn du mich in irgendeinem Aspekt kritisieren möchtest, tue dies durch Argumente vom Buch, von der authentischen sunna oder basierend auf anerkannten Prinzipien und nicht durch bloße Meinung, denn eine Meinung überwältigt die andere nur durch Argumente. Die kritischste Sache, die man über jemanden, der solch eine Meinung (wie meine) hat, sagen kann, ist, dass dieser im Umfang seiner Bemühung (iǧtihād) zu entschuldigen ist und für seine guten Absichten belohnt wird. Perfektion ist weder meine noch deine Eigenschaft und ich habe für dich nach einer Entschuldigung gesucht trotz dieser Widerlegung und meines Meinungsunterschieds mit dir.

Zudem bitte ich dich inständig nicht mit Hinweis auf die „Minderheits-“ oder der „Mehrheitsmeinung“ zu argumentieren, oder (nicht mit Hinweis) auf die dominante Fatwā in einem bestimmen Land, denn diese sind nicht die Zufluchtsorte der intelligenten Autoritäten, eher ist dies der Zustand von jenen, die unkritisch folgen. Und das ist genug für dich!

Außerdem bitte ich dich inständig darum, mir nicht zu sagen, dass meine Ansicht eine Versuchung (fitna) sei, denn Versuchung liegt nur in dem, was der Botschaft des Propheten zuwider ist, so sagte Allah: „So mögen die, die sich seinem Befehl widersetzen, sich hüten, dass sie nicht Versuchung befalle oder eine schmerzliche Strafe sie ereile.“ (Al-Nur, 24:63). Ich habe uns beide, dich und mich, im Urteil auf das verwiesen, das der Prophet brachte: Ich kam auf eine andere Meinung als deine. Die Fitna aber liegt im Verheimlichen und Verdecken des rechten Urteils im Glauben, dass das Darlegen dieses Urteils zur Irreleitung der Massen führen würde.

Es ist einzig Allah, den ich um Vergebung für Fehler des Verstands und der Zunge bitte und für die Ausschweifung des Stifts und der Hand.

Ich bitte ihn auch darum, meine Bemühungen für dieses Buch anzunehmen und ebenso (die Bemühungen) jener, die mir halfen, von meiner Familie und meinen Brüdern. Ich bitte Ihn diese und andere meiner Untersuchungen zu Musterbeispielen zu machen, anhand derer man viele Themen für diese Nation analysiert: Durch das sich Beziehen auf die Prinzipien und nicht auf die Meinungsunterschiede. Er ist Derjenige, dessen Hilfe gesucht wird, und es gibt keine Veränderung eines Zustands oder eine Macht außer bei Ihm. «

Von Sh. ʿAbdullāh b. Yūsuf al-Judai

Aus al-Musīq wa al-ġinā fī mīzān al-islām

Übersetzt aus dem Englischen von B. Akcora

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