»Abū Mūsā al-Ašʿarī berichtet: „Der Gesandte Gottes sandte mich und Muʿāḏ b. Ǧabal nach Jemen. Wir fragten: „O Gesandter! Es gibt dort zwei Getränke, die aus Weizen und Gerste hergestellt werden. Das eine Getränk heißt al-mizr und das andere Getränk ist al-bitʿu. Welches hiervon dürfen wir trinken?“ Der Gesandte antwortete: „Trinkt, doch werdet nicht betrunken.“ (al-Ṭaḥāwī, Šarḥ maʿānī al-aṯār)

Praktizierende und gläubige Muslime trinken keinen Alkohol. Das ist, was als die normative muslimische Position zu Alkohol angesehen wird. Steht eine verschleierte Frau beim Bäcker oder sitzt sie im Restaurant, wird sie sogar von nichtmuslimischen Verkäufern auf mögliche alkoholische Inhalte aufmerksam gemacht. Wir haben unsere Mitbürger in dieser Hinsicht also gewiss gut geschult. Das Verbot ist weithin bekannt. Es in Frage zu stellen, grenzt für einige schon an eine Verleugnung Gottes und seines Gesandten.

Ich selbst war einst auch dieser Überzeugung. Prediger und Daʿwa-Männer erzählten nichtmuslimischen Interessierten, wieviel Segen und Weisheit in einem Alkoholverbot steckt. Es war einer der Aufhänger, wenn es bei nichtmuslimischen Interessierten um eine mögliche Konversion oder um ein Gespräch um den Islam ging. Was ist so schlimm an einem Glas Bier oder dem abendlichen Glas Wein? Wie sollte ein Deutscher, insbesondere ein Bayer, für den das Bier quasi flüssiges Brot ist, nur auf diesen goldenen Trank verzichten können? Es gab etliche Argumente, die ganz tief in meinem Inneren die Wahrhaftigkeit des Islam nur bezeugten – eine bessere Gesellschaft ist jene, in der dieses Ḥarām aus der Welt getilgt wird.

In meiner Jugend (ca. 15 Jahre alt) gehörte neben anderen Büchern zu meiner abendlichen Lektüre die Ansammlung von Rechtsgutachten (fatāwā), die unter dem Schutzschirm des Sultans der Mogulen, Aurangzeb, von 25 ḥanafītischen Gelehrten gesammelt und verfasst wurden. Diese Kommission erstellte das Werk al-Fatāwā al-hindīya (oder: al-ʿālamkīrīya) und darin stieß ich auf etwas, was mein ganzes Weltbild erschüttern sollte. Bei dem Werk stießen wir oft auf Inhalte, die unser Weltbild erschütterten. Diesmal war es das Kapitel über die Getränke:

„Das Wort „Šarāb“ wird für alle Getränke verwendet, die verboten wurden. Es gibt insgesamt zwölf Getränke. Sieben dieser Getränke werden aus frischen Trauben hergestellt: Wein (ḫamr), al-bāziq, al-ṭilāʾ, al-munaṣṣaf, al-buḫtūǧu, al-ǧumhūriyyu und al-ḥumaydī. Zwei werden aus Rosinen hergestellt: al-naqīʿ und al-nabīḏ. Drei werden aus Datteln hergestellt: al-sakar, al-faḍīḥ und al-nabīḏ.

    1.   Ḫamr: Ḫamr bezeichnet den Traubensaft, der durch die alkoholische Gärung Schaum wirft und danach sich der Schaum legt. Dies ist die Meinung des Abū Ḥanīfa. Die Meinung der anderen beiden [Imām Muḥammad und Abū Yūsuf] ist es dann schon Ḫamr, wenn die alkoholische Gärung eintritt, unabhängig davon, ob er Schaum warf oder nicht.
    2.   Bāziq: Wenn der Saft der frischen Trauben gekocht wird und mehr als ein Drittel verblieben ist, wird der Traubensaft Bāziq genannt. Hierbei ist gleich, ob nur die Hälfte verkochte oder nur ein Drittel verkochte. Wenn die alkoholische Gärung eintritt [wörtlich: wenn es zu einem berauschenden Getränk wurde], ist hierbei nicht wichtig, ob dies stark gärte oder nicht.
    3.     Ṭilāʾ: Dies ist der Name des Muṯallaṯ (letzten Drittels), bei dem der Traubensaft gekocht wurde, bis nur noch das letzte Drittel verblieb. Danach tritt die alkoholische Gärung ein.
    4.   Munaṣṣaf: Das Getränk welches entsteht, wenn die Hälfte des Traubensaftes verkocht wurde und wonach die alkoholische Gärung eintrat.
    5.   Baḥtuǧ: Dies ist die Bezeichnung dafür, wenn Ṭilā mit Wasser verdünnt wird und danach gewartet wird, bis die alkoholische Gärung sich verstärkt. Dies wurde auch ‚Abū Yusufīn‘ genannt, denn der Imām Abū Yūsuf – möge Allah sich seiner erbarmen – trank sehr viel von diesem Getränk. […]“

Der letzte Satz traf mich wie ein Schlag. Wie konnte ein Abū Yūsuf ein alkoholisches Getränk trinken? Das durfte doch nicht wahr sein, wie war das möglich?! Es sollte aber schockierend weitergehen:

»Hinsichtlich des Urteiles über diese Getränke, so gibt es fünf Kategorien:

    1.   Jenes, was per Konsens erlaubt ist,
    2.   Jenes, was per Konsens verboten ist,
    3.   Jenes, was nach den meisten Gelehrten Ḥarām ist,
    4.   Jenes, was unserer Ansicht nach Ḥalāl ist und dem einige Menschen widersprechen
    5.   Jenes, was nach Abū Ḥanīfa und Abū Yūsuf erlaubt ist und bei dem Imām Muḥammad widersprach.

Jenes, was per Konsens erlaubt ist, sind alle süßen Getränke, die keine alkoholische Gärung erlebten. Jenes, welches per Konsens verboten ist, ist Ḫamr und der Zustand der Trunkenheit durch irgendein Getränk. […]«

Das würde ja bedeuten, dass es eine klare Unterscheidung zwischen Traubenwein und allen anderen Alkoholsorten gäbe. Einzig die Trunkenheit wäre dann gemäß den Ḥanafīten verboten, also gemäß Imām Abū Ḥanīfa, Abū Yūsuf und der sicher überlieferten Meinung des Imām Muḥammad.

Ich konnte das damals nicht akzeptieren. Mein Kopf wollte das nicht verarbeiten. Ich war zu dem Zeitpunkt mit intensiven Auseinandersetzungen zwischen den Salafiten und „uns, den Sunniten“ beschäftigt. Dabei war immer die Verteidigung der ḥanafītischen Schule ein zentraler Punkt. Jetzt fing ich an, an der Schule selbst zu zweifeln.

Ich ging zu einem Imām in der Moschee und fragte ihn. Er sagte zu mir, sowas gäbe es nicht und ich solle es vergessen. Damit seien Fruchtsäfte gemeint und nichts anderes. Ich fragte auch andere Leute, die ‚Wissend‘ waren in meinem Umkreis und die hatten von dergleichen noch nie gehört. Sie wussten nur, dass der geehrte ʿAlī gesagt habe: „Wenn ein Tropfen Alkohol in ein Behälter Wasser fällt und mein Finger dieses Wasser berührt, würde ich mir den Finger abtrennen.“

Ich blendete das Thema aus und lebte weiter. Gelehrte, mit denen ich saß und die ich begleitete, fragte ich manchmal danach. Sie konnten die Position aber nicht wirklich kohärent erklären. Sie hatten sich eben damit noch nicht wirklich auseinandergesetzt.

Später stieß ich dann auf das Šarḥ Maʿānī al-Aṯār des bekannten Imām al-Ṭaḥāwī, der vielen ein geläufiger Name ist aufgrund seines wichtigen sunnitischen Glaubenswerkes, der ʿAqīdah al-ṭaḥāwīya. Durch jenes Werk verstand ich erst, wie diese Position begründet ist und es zu dieser Frage nicht nur eine mögliche Position gibt.

Je mehr ich dann aber lernte und studierte und dadurch meine ideologisierte Form des Islams immer mehr abschälte, war ich in der Lage zu verstehen, dass es eig. bei allen normativen Fragen der Dīn ein Spektrum zwischen Ḥalāl und Ḥarām gibt. Dies ist auch, was der Imām al-Šaʿrānī in seinem Mīzān al-ḥaqq beschreibt. Dīn verlagerte sich in meinem Selbst weg von gesetzgetriebener Praxis hin zu glaubensorientierter und tugendorientierter Praxis.

Warum nicht verschweigen? Wieso verbreitest Du das?

Die Position der ḥanafītischen Schule ist eine, welche die allermeisten Menschen verschweigen wollen — oder einfach kognitiv nicht in der Lage sind, zu verarbeiten. Ich sehe das oft bei den Übersetzungen von Fiqhtexten, in denen die Übersetzer in dem Thema in ein Kauderwelsch verfallen und der Leser den Überblick verliert, weil Zensur, Fehlübersetzung oder mangelnde Information von Seiten des Übersetzers in dem Thema ihn dazu unfähig machen, den Text wie er ist anzunehmen. Für diejenigen, die dies trotzdem können, muss aber immer eine Bemerkung in Klammern oder eine Fußnote kommen, damit das Thema relativiert oder nicht dem Text entsprechend verstanden wird.

Als ein Beispiel: In der deutschen Übersetzung der ʿAqīda al-nasafīya steht:

وَلا نُحَرِّمُ نَبِيذَ الْتَّمْرِ

>>Außerdem erklären wir das durch Einweichen von Datteln (in einem Tonkrug) gewonnene Getränk nicht für verboten.<<

Ich kann nur vermuten, warum der Übersetzer das so übersetzt hat. Ich denke, es zeugt von einer Unkenntnis über den Sachverhalt. Die “Anhänger der Wahrheit” (ahl al-ḥaqq) sind nämlich der Ansicht, dass Dattelwein — und genau das ist “nabīḏ al-tamr”, erlaubt ist. Dieser wurde hergestellt, indem Datteln in Wasser eingelegt wurden und solange stehen gelassen wurde, bis die Fermentierung einsetzte. Das war eine Methode der Dattelweinherstellung.

Für mich ist diese Thematik immer ein guter Einstieg, um dem noch unwissenden Zuhörer ins Taumeln zu bringen und ihn aus dem Schlummer der Ideologie und Verbohrtheit zu wecken oder eben einfach nur aufzuzeigen, dass die Mär von “dem Islam da” nicht mehr als ein Märchen ist. Diese Thematik nimmt Identitären und Demagogen den Wind aus den Segeln, es nimmt denen, die uns von “der einen Tradition” erzählen wollen, die Waffen aus der Hand. Es zeigt, dass das, was wir als “definitiven Teil des Glaubens” sehen, gar nicht so definitiv ist und es lehrt uns Bescheidenheit in unseren theologischen Positionen.

Daher verschweige ich dieses und auch andere Themen nicht und bin der Überzeugung, dass es in unserer Zeit eher förderlich als schädlich ist, über dieses Thema zu reden.

Kurzfassung: Was wird denn nun exakt gesagt?

Um es kurz zu fassen: Nach der uns in den Büchern der Ḥanafīten berichteten und bekannten Meinung des Imām Abū Ḥanīfa, des Abū Yūsuf und der starken Meinung von Imām Muḥammad ist jedes berauschende Getränk, das kein Traubenwein ist, erlaubt. Biere, Wodkas, Whiskys, Rums, Gins, Fruchtweine und Fruchtwässer, alles, was es da draußen noch so an Kuriositäten gibt und welchen Formen und Namen auch immer, ist gemäß der Position des Imam Abū Ḥanīfa erlaubt und zwar in Mengen, die nicht berauschen. Einzig verboten ist der letzte „Becher“, der zur Trunkenheit führte. Dies war allgemein die Meinung der Iraker, wie Ibrāhīm al-Naḫaʾī, Sufyān al-Ṯawrī, Ibn Abī Laylā, Šurayk, Ibn Šubrama und die anderen Rechtsgelehrten Kufas und Baṣras. Nach einigen Gelehrten wie ʾAʿlā al-Dīn al-Samarqandī in Tuḥfat al-fuqahāʾ, al-Kāsānī in Badāʾiʿ al-ṣanāʾiʿ, al-Marġinānī in al-Hidāya und bei Qāḍīḫān war sogar der Rausch mit diesen Getränken kein Grund für eine ḥadd-Strafe.

Die Erlaubnis ergibt sich gemäß ihnen, weil nur ein einziges Getränk von Gott verboten wurde: der Traubenwein. Der Traubenwein sei an sich verboten, so wie das Schweinefleisch auch und das Verbot ist nicht durch einen Rechtsgrund begründet (ġayr muʿallal bi ʿillat), mit dem ein Analogieschluss möglich wäre. Berauschende Getränke aus anderen Zutaten seien nicht an sich verboten. Sie dürfen in nicht-berauschenden Mengen getrunken werden. Allein nur der Becher, der zum Rausch führte, ist verboten und der Zustand selbst ist verboten.

Definition von Trunkenheit

Was aber ist „Trunkenheit“? Nach Imām Abū Ḥanīfa ist jemand erst dann betrunken, wenn er zwischen sich und einem Esel, zwischen Mann und Frau, Breite und Länge, Erde und Himmel, etc. nicht unterscheiden kann. Nach den beiden Imamen, Muḥammad und Abū Yūsuf, ist jemand erst dann betrunken, wenn mehr als die Hälfte seiner Rede Unsinn ist. Dies wird bei Ibn ʿĀbidīn und anderen Büchern so dargelegt. Zwar gibt es von al-Saraḫsī (wie weiter unten sichtbar sein wird) und Ibn al-Humām etc. den Versuch, die Meinung des Imām Abū Ḥanīfa in Relation zu der Meinung der anderen beiden zu setzen und anzugleichen, doch wir lesen aus anderen Büchern und Kapiteln, dass dies allgemein Abū Ḥanīfas Position zu der Frage war, was Trunkenheit ist. Er nannte es „eine Freude, die den Verstand auslöscht“.

Meine Position zu den versuchten Einschränkungen von Seiten der Fuqahāʾ

Im Laufe der Entwicklung der Schule erkennen wir so ab dem 6. JhD der Ḥiǧra unter den Gelehrten eine Verschiebung zu der Position hin, dass der Konsum dieser berauschenden Getränke verboten sei. Dabei wird gesagt, dass Abū Ḥanīfa und co. diese Getränke nicht als Zeitvertreib tranken, sondern um sich für die Andacht Gottes zu stärken und die Verdauung anzuregen. Hierzu möchte ich sagen, dass ich von diesen Begründungen und Ausführungen nicht überzeugt bin. Die späteren Ḥanafīten führten diese zur Entschärfung und Begrenzung dieser Position an. Hier möchte ich nur kurz wiedergeben, warum ich nicht überzeugt bin. Eine detailliertere Erörterung würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen:

  1. Behauptung: Imām Muḥammad war der Meinung, all diese Alkohole seien verboten und dies ist die Fatwā.

Wie aus dem Schriftstück unten noch hervorgehen wird, ist dies eine Überlieferung von Imām Muḥammad, die aus seinen Nawādir und nicht aus der Ẓāhir al-riwāya stammt. Die Ẓāhir-Werke sind maßgebend und eigentlich wird behauptet, sie hätten Vorrang. Ungeachtet dessen, ob man eine solche Hierarchisierung akzeptiert, sind die sicher auf Imām Muḥammad rückführbaren Bücher die Ẓāhir-Werke und die Hauptmeinung ist bei ihnen zu finden. Imām Muḥammad sagt, wie auch weiter unten zu sehen sein wird, in seinem Kitāb al-aṯār, dass er der Meinung Abū Ḥanīfas folgt. Von ihm werden insgesamt drei Positionen überliefert — und die, die wir in seinen authentischen Werken finden, ist die der Erlaubnis.

Leser dieses Blogs möchte ich hinsichtlich der Frage, ob man sich an die „Fatwa Meinung“ zu halten habe, an einen anderen Artikel von mir verweisen. Hier auch kurz: „Dies ist die Fatwa“, ist keine gesetzgebende, normative Aussage für den normalen Muslim, sondern eine starke Empfehlung an Richterkollegen. Sie ist eine innerschulische Bemühung um Ambiguität zu verringern und mehr Klarheit zu bringen. Doch die Bewertungen und Bevorzugungen haben mehr mit dem Autor und seinem Kontext zutun, als mit den objektiven Tatsachen (wie: stärke der Überlieferung, ‘Beweise’ der Meinung etc.). Randmeinungen innerhalb der Schule, oder solche, die eigentlich schwach überlieferte Positionen sind oder kaum rezipiert wurden, werden aufgrund der Bevorzugung und Wahl bestimmter renommierter Gelehrter in den Fokus gerrückt und ändern die Diskussion. Das geschieht auch hier.

  1. Behauptung: Das Argument, man dürfe dies nur mit der Absicht trinken, die Verdauung anzuregen oder um Kraft für die Anbetung Gottes zu ersuchen und nicht mit der Absicht der Unterhaltung und des Spaßes. Abū Ḥanīfa habe nur getrunken, damit er nachts im Gebet wachen könne.

Dieses Argument ist typisch für Rechtstexte späterer Zeit und ein Beispiel, wie bestimmte Aussagen verschoben und in einen anderen Kontext gelegt und wie in diesem Fall Beschreibungen, die rein deskriptiver Natur waren, später zu Bedingungen werden. Wir können in dem unteren Text bei al-Saraḫsī noch nachlesen, wie er diese Punkte in einem Nebensatz nur als Beschreibung erwähnt. Der Leser mag entscheiden, ob al-Saraḫsī dies wirklich als die einzig legitimen Gründe ansah, bei denen das Trinken erlaubt ist. Sie werden als Beispiele für den Nutzen dieser Getränke erwähnt, bspw. sie würde dabei helfen, die Nacht im Gebet zu stehen oder sie würden dabei helfen, die Nahrung zu verdauen. Spätere Gelehrte haben diese Beschreibungen aber als Bedingungen auffassen wollen und sie als solche gesetzt. Dies zog sich dann einige Jahrhunderte so fort und beeinflusste die Urteilsgebung späterer Gelehrte in ihrer Bevorzugung bestimmter Positionen.

  1. Behauptung:  Nur die Getränke, welche die Sünder nicht trinken, dürfen getrunken werden. Abū Ḥanīfa und Kollegen tranken nicht, was die Sünder tranken. Man dürfe damit auch keinen Spaß haben.

Dieses Argument kann nicht ernsthaft erörtert werden, denn es ist aus der Luft gegriffen. Die Beweislast liegt auf dem, der das behauptet. Er muss historisch belegen, das diese Gelehrten Getränke zu sich nahmen, welche nur unter ihnen oder unter den Frommen im Umlauf waren. Der reine Wortlaut der Texte besagt sowas nirgends. Wo sind die Belege dafür, dass die Getränke der Gelehrten in der damaligen Zeit „Getränke der Fuqahāʾ“ und „Getränke der Frommen“ waren? Klosterbiere sind auch nur Bier. Die Getränke, die sie selber herstellten, unterschieden sich nicht von den normalen Herstellungsprozederen. Das Kochen von Traubensaft war in Byzanz normal, insbesondere das Kochen in Bleitöpfen, da dies den Geschmack verbessere. Daher ist eher so, dass sie alle die gleichen Getränke tranken und sie alle diese Getränke von den gleichen Produzenten kauften, wenn sie diese denn nicht selber herstellten. Hinzukommt, dass es ja nicht eine riesige Variation von berauschenden Getränken gibt. Sogar im Getränkemarkt in der Gegenwart stößt man zwar auf etliche verschiedene Marken, doch faktisch sind es nur Variationen von einigen wenigen Grundgetränken.

Die Idee, dass diese Menschen keinen Spaß hatten, teile ich nicht. Sie zeugt meiner Überzeugung nach aus außertextuellen spätantiken Bildern über ‚heilige Menschen‘. Al-Laḥw wurde leider von vielen späteren Gelehrten damals als was schlimmes abgetan. In ihrem Kontext und Framework ist ein Zeitvertreib oder allgemein Spaß verwerflich bis gar ḥarām. Dabei, wenn man ʿAbd al-Ġanī al-Nablūsī liest, sieht man, dass diese Idee, der Zeitvertreib sei allgemein etwas böses, an den Haaren herbeigezogen ist. [Siehe auf dem Blog: „Ist Unterhaltung erlaubt?”].

Auszüge aus dem Kitāb al-mabṣūṭ des al-Saraḫsī

Hier nun einige Auszüge aus dem Buch al-Mabṣūṭ des Imām al-Saraḫsī. Das Buch ist von sehr großer Wichtigkeit für die ḥanafītische Schule und zählt als die Quelle schlechthin, so dass ʾAʿlā al-Dīn al-Ṭarābulusī sagte: „Wer al-Mabṣūṭ memorisiert und die Doktrin der alten Gelehrten, wird hierdurch ein Muǧtahid.“ Ich habe Ḫamr als Traubenwein oder Wein übersetzt. Nabīḏ wird für Dattelwein und alle anderen berauschenden Getränke verwendet, die nicht aus Trauben sind. Daher habe ich Nabīḏ einfach als „berauschende Getränke“ übersetzt.

Es folgen Ausschnitte aus dem Kitab al-mabṣūṭ, Buch 24, Kapitel über die Getränke:

>>Der große Asket, Imām und Sonne unter den Imamen, der Stolz des Islams, der Meister Abū Bakr Muḥammad b. Abū Sahl al-Saraḫsī trug vor:

[…]

Wein (ḫamr) ist die Bezeichnung für den vergorenen Saft frischer Trauben, nach dem dieser Schaum warf und dickflüssig wurde. Die Gelehrten einigten sich auf diese Definition. Gott der Erhabene sagt: „Und mit ihm kamen zwei junge Männer ins Gefängnis. Einer davon sagte: »Ich sah mich (im Traum) Wein auspressen!« Und der andere sagte: »Ich sah mich (im Traum) auf dem Kopf Brot tragen, von dem die Vögel fraßen. Erkläre uns die Bedeutung davon! Wir sehen, daß du gewiß einer der Anständigen bist.«“(12/36), wodurch klar ist, dass mit „Wein“ hier der Saft frischer gepresster Trauben gemeint ist, der zu Wein verarbeitet wird.

[…]

Die [sunnitische] Gemeinde einigte sich über das Verbot des Weines.[1] Dieser Konsens ist ein gewisser und klarer Beleg für das Verbot des Weines. Wer hiernach den Wein für erlaubt erklärt, wird ungläubig[2] und wer den Wein trinkt, gilt als sündhaft. Wer davon trinkt, ob nun in kleiner oder großer Menge, wird (mit Ḥadd) bestraft. Der Wein ist eine große Unreinheit und wenn es größer als ein Dirham ist, wird er auf der Kleidung nicht entschuldigt. Der Verkauf des Weines unter den Muslimen ist nicht erlaubt, denn der Gesandte sagte: „Wahrlich, derjenige der das Trinken verbat, verbat auch den Verkauf und den Verzehr des Einkommens davon.“

Ein Teil der Muʿtazila[3] unterschied beim Verbot des Weines die Menge. Nur jene Menge, die zu Feindschaft und Zorn, zum Vergessen der Erwähnung Gottes und vom Gebet abhalte [wie es im Koran selbst erwähnt ist], sei Ḥarām. Jede andere Menge sei als eine ‚geringe Menge‘ zu verstehen und somit auch nicht Ḥarām.

Gemäß der sunnitischen Gemeinschaft ist jedoch jegliche Menge, sei sie nun viel oder wenig, verboten. Die Menge ist irrelevant, denn der Gesandte Gottes sagte: „Verboten wurde der Wein aufgrund seiner Essenz in kleinen sowie in großen Mengen und das Berauschende eines jeden Getränkes.“

[…]

Tatsächlich aber wurde das Wort „Ḫamr“ im Hadith nicht linguistisch erklärt, denn der Gesandte Gottes wurde nicht als Sprachwissenschaftler gesandt  oder als jemand, der die Sprache erklären soll. Sprachwissenschaftler sind sich alle einig, dass die reine sprachliche Bedeutung des Wortes Ḫamr nur den Wein aus dem Saft frischer Trauben meint. Derjenige, der die Sprache setzte, setzte ein Wort ein, das auf die Essenz dieses jenes Dinges hinweist.

[…]

Wenn frischer Traubensaft gekocht wird, so dass weniger als 2/3 verflogen ist und daraufhin dickflüssig wird, das Gären anfängt und erneut gekocht und der Schaum entfernt wird, ist es unserer Ansicht nach Haram. Hammad b. Abu Sulayman sagte aber, es sei Ḥalāl, wenn es (der Saft) vollständig  (aufgekocht wird) [und danach zu Wein verarbeitet wurde]. Bischr al-Muraysi sagte, es sei kein Schaden im Trinken eines Weines,  welcher aus nur leicht erhitztem Traubensaft hergestellt wurde. Abu Yusuf war anfänglich der Ansicht, dass der Traubensaft gekocht werden müsse, bis die Hälfte der Flüssigkeit verdampft ist. Erst dann dürfe der Wein daraus getrunken werden. Später kehrte er sich davon ab und sagte, wenn nicht 2/3 des Traubensaftes verdampft ist, sei das Trinken [eines solchen Weines] Haram. Dies ist auch die Meinung des Abū Ḥanīfa. Einer Überlieferung des Imām Muḥammad zufolge, sah er den Wein aus 2/3 heruntergekochtem Traubensaft als makrūh an. Einer anderen Überlieferung nach, habe er sich einer Meinung diesbezüglich enthalten. Gemäß einer anderen Überlieferung vertrat Imam Muḥammad die Ansicht, dass alle Getränke, die betrunken machen, verboten seien. Dies ist auch die Meinung von Mālik und al-Šāfiʿī.

Jene, welche die oben erwähnten Getränke als erlaubt ansehen, argumentieren wie folgt: Vor dem Verbot des Weines waren alle Getränke erlaubt. Nach dem speziellen Verbot des Traubenweines bleiben alle Getränke außer dem Traubenwein weiterhin erlaubt. Diejenigen, die behaupten, alle Getränke seien verboten, stützen sich dabei darauf, dass diese ebenfalls einen Rausch herbeiführt. Alles, was  eine gewisse Trunkenheit  erzeugt, die Sinne trübt, bedecke auch letztlich den Verstand und sei daher unter dem Verbot des Koranverses zu verstehen.

Wir antworten darauf wie folgt: Ḫamr wird in seiner rein linguistischen Bedeutung einzig für den Traubenwein und in seiner metaphorischen Bedeutung für alle anderen berauschenden Getränke verwendet. Wenn die linguistische Bedeutung intendiert ist, verfällt die Metapher. Nur weil Ḫamr als ein Begriff verwendet wird für etwas, was den Kopf berauscht, wird nicht alles, was zum Rausch führt, Ḫamr genannt. Siehst Du denn nicht, dass ein Pferd, welches einerseits schwarz und andererseits weiß ist, auf Arabisch „ablaq“ [und auf Deutsch “Schimmel”] genannt wird, aber ein schwarz-weißes Kleidungsstück nicht „ablaq“ [oder “Schimmel”] genannt wird. Die Sterne wurden im Arabischen „naǧm“ genannt, welches die Bedeutung trägt: „was auftaucht“, während nicht alles, was „auftaucht“ auch „naǧm“ genannt wird.

Hinsichtlich des erlaubten Weines aus Traubensaft, der zu 2/3 verdampfte, ist der geehrte ʿUmar unser Imam. Ǧābir b. Ḥusayn al-Asadī überliefert, dass ʿAmmār b. Yāsir ihm ein Schriftstück zeigte, in dem der geehrte ʿUmar ihm den Befehl gab, Wein aus dem Traubensaft herzustellen, dessen ⅔ verdampfte, damit das Essen besser schmeckt. Als ʿAmmār b. Yāsir sah, dass ʿUmar dies trinkt und auch die Menschen dies trinken ließ, erklärte er, mit dem Trinken nie mehr aufzuhören. Es war ʿUmar, der den Wunsch hatte, dass der Traubenwein verboten wird. Es ist daher nicht möglich, dass er ihnen einen Wein zu Trinken gab, von dem er überzeugt war und wünschte, dass er verboten wäre. Es ist nicht angemessen ʿUmars Worte „mit dem Kochen des Traubensaftes wurde der Anteil Satans und sein Wahnsinn fortgenommen“ so zu interpretieren, dass er nur den süßen Traubensaft trank aber nicht jenes, welches berauschen würde. ʿUmar benutzte es , um das Essen geschmacklich aufzuwerten und damit das geschieht, wird der gegärte Wein und nicht der süße Traubensaft getrunken.

Die Überlieferungen Muḥammads zu diesem Thema bestärken dies. Eine davon ist die Überlieferung des Ziyād: Ziyād besuchte den Sohn des ʿUmar und bekam von ihm ein Getränk angeboten. Ziyad trank davon. Als er nach Hause ging torkelte er stark und fand auch kaum den Weg heimwärts.  Am nächsten Tag erzählte Ziyad dem Sohn des ‚Umars von seinem gestrigen Zustand. Dieser erklärte ihm, dass das Getränk aus ʿAǧwa Datteln und Rosinen hergestellt wurde. Der Sohn des ʿUmar ist unter den Gefährten bekannt für seine Askese (zuhd) und sein Wissen des Fiqh. Es ist nicht denkbar, dass er ein Getränk zu sich nahm oder anderen zum Trinken  anbot, welches er selbst vom Koran als verboten ansehen würde. Wir [Ḥanafīten] haben dargelegt, dass dieses Getränk vergoren war und somit der Trinkende seinen Weg nach Hause nicht finden konnte und torkelte, doch wir dürfen darunter nicht eine wortwörtliche Beschreibung verstehen. Eine solche Trunkenheit war nicht gegeben, sondern dies ist nur eine überspitzte Darstellung der Wirkung des Getränkes.

Der Sohn des ʿUmar erklärte also, dass in dem Getränk außer ʿAǧwa Datteln und Rosinen nichts war. Dies zeigt uns, dass ein Wein aus Datteln und Rosinensaft erlaubt ist, wenn entsprechend wenig getrunken wird. Im Gegensatz zu der Aussage einiger Fanatiker verstehen wir die Worte des Gesandten: „Verboten ist das Trinken des Gemischten“, so, dass es kein Problem im Trinken des Gemischten gibt, auch wenn diese nicht vergoren sind. Das Verbot bezog sich hier nämlich auf eine Dürrezeit, in welcher die Reichen keine zwei Wohltaten einfach mischen sollten. Der Hadith lautet nämlich eigentlich: „Der Gesandte verbot das zusammenbringen zweier Wohltaten und das Vermischen zweier Wohltaten.“ ʿĀʾišahs Hadith ist aber ein Beleg dafür, dass dies nur in Dürrezeiten verboten ist: „Ich bot dem Gesandten Gottes ein Dattelgetränk an und er fand dies nicht süß genug. Er bat mich, Rosinen hinzuzufügen und das tat ich auch.“

[…]

Muḥammad b. Zubayrs Überlieferung nach, suchte ʿUmar den Rat der Menschen hinsichtlich verdünnten Weines. Einer der Christen berichtete ihm, dass sie Wein herstellten, wenn sie fasteten. ʿUmar fragte nach diesem Wein. Als dieser Wein ihm gebracht wurde, war er von der Farbe fasziniert und sagte: „Wie sehr es doch der Röte von Kamelen ähnelt!“ Er erkundigte sich über den Herstellungsprozess. Als ihm berichtet wurde, dass der Traubensaft 2/3 heruntergekocht wird und daraus der Wein hergestellt wird, verdünnte er den Wein mit Wasser und trank ihn. Dann reichte er ʿUbadah b. Ṣāmit den Krug. Dieser erklärte: „Ich bin nicht der Meinung, dass das Feuer etwas zu erlaubtem wandelt.“ Da schimpfte ʿUmar: „Idiot! Isst Du es denn nicht, wenn es zu Essig geworden ist, obwohl es vorher Wein war?“ Dies ist ein Beleg dafür, dass das Berauschende erlaubt ist, solange der Traubensaft vorher auf 2/3 heruntergekocht wurde. ʿUmar erkundigte sich nämlich nicht über Traubensaft, sondern über den Wein. Dies sind Dinge, welche das Essen und die Riten in den Nächten des Fastens verschönern und verstärken.

[…]

Wenn der Wein aus 2/3 Traubensaft dickflüssig ist, so gibt es hier einen Beleg, dass dies mit Wasser verdünnt werden kann, wie es ‚Umar auch tat. Ein weiterer Beleg ist der Hadith des Gesandten Gottes. Auf der Abschiedswallfahrt verlangte er von ʿAbbās einen Trank. Als der Gesandte das dargebotene Getränk zu sich nehmen wollte und zu seinem Mund führte, verzog er sein Gesicht und bat daraufhin um Wasser. Er verdünnte das Getränk mit Wasser und trank es. Daraufhin sagte er: „Wenn ihr Zweifel habt über ein solches Getränk, brecht die Härte mit Wasser.“ Einer Überlieferung nach wurde ʿUmar Rosinenwein gebracht und er bat um Wasser, damit er ihn verdünnen kann. Er sagte: „Der Rosinenwein aus Ṭāʾif hat eine Bitterkeit an sich.“ […]

Bei Wein, der aus 2/3 verkochtem Traubensaft hergestellt wurde, Rosinenwein und Dattelwein wird die Unterscheidung zwischen wenig und viel gemacht. Es gibt keinen Schaden darin, eine kleine Menge zu trinken. Einzig die Menge ist verboten, die am Ende zur Betrunkenheit führt, das heißt, das letzte Glas, das zur Trunkenheit führte, ist verboten. Ibn ʿAbbās sagte: „Verboten ist der letzte Krug, der zur Trunkenheit führt.“

[…]

Wenn jemand die Grenze der Trunkenheit erreicht hat, muss er aufhören. Siehst Du denn nicht, dass Milch und ähnliches ebenfalls erlaubt ist, aber wenn zuviel getrunken wird oder jemand betrunken wird, dies nicht gut ist. Das gleiche ist auch bei Mariuhana der Fall. Die Behandlung mit Mariuhana ist kein Problem, wenn aber jemand dadurch seine Vernunft verliert, wäre eine solche Behandlung nicht angemessen.

Aus all dem ist zu verstehen, dass die Trunkenheit selbst verboten ist.

[…]

Der Überlieferung von Ibrāhīm nach, wurde zu ʿUmar ein betrunkener Beduine gebracht mit einem Weinschlauch, in dem sich der Wein aus 2/3 verkochten Traubensaft befand. Der Beduine war betrunken. ʿUmar wollte einen Ausweg für ihn finden, doch als er zum Entschluss kam, dass der Mann betrunken ist, wurde er eingesperrt um seinen Rausch auszunüchtern. Als er wieder nüchtern war, wurde er bestraft. ʿUmar verlangte nach dem Weinschlauch. Er bemerkte, dass darin Nabīḏ (ein berauschendes Getränk) war und trank davon. Er fragte: „War dieser Trank es, der dich so machte?“ Er nahm den Trank, schüttete ihn in einen Behälter, verdünnte ihn leicht mit Wasser und gab seinen Freunden davon zu trinken. Er erklärte: „Wenn eure Getränke Zweifel in euch wecken, brecht sie mit Wasser.“ […]

Es wird überliefert, dass der Beduine sagte: „Willst Du mich bestrafen für das, was ich getrunken habe?“ ʿUmar sagte: „Ich bestrafe dich, weil du betrunken bist.“

[…]

Ḥammād überliefert: Ich trat bei Ibrāhīm ein, als er am Essen war. Er bat um ein berauschendes Getränk (nabīḏ) und wollte, dass ich auch davon trinke. Er sah, dass ich dem abgeneigt war. Da überlieferte er mir von ʿAlqama. ʿAlqama ging ʿAbdullāh b. Masʿūd besuchen, während dieser zu Mahl war und dazu ein berauschendes Getränk zu sich nahm, welches nicht aus Trauben hergestellt wurde. Einer Überlieferung nach, war es die Gewohnheit des ʿAbdullāh b. Masʿūd dies zu trinken. Nach einer weiteren Überlieferung des Abū Ubayda zeigte ʿAbdullāh b. Masʿūd ihnen grünen Gefäßen, in denen speziell für ihn Nabīḏ hergestellt wurde. Nuʿaym b. Ḥammād überliefert von Yaḥyā b. Saʿīd al-Kattan, dass Yaḥyā Überlieferungen berichtete, die von dem Verbot berauschenden Trankes (nabīḏ) erzählten. Da betrat Abū Bakr b. ʿAyyāš den Raum und schimpfte: „Schweig Kind! Aʿmaš berichtete mir Ibrāhīm, dieser von ʿAlqama, dass ʿAbdullāh b. Masʿūd harten und starken Nabīḏ trank. Auch ʿAlī hatte es sich zum Brauch gemacht, starken Nabīḏ zu trinken.“

ʿAbd al-Raḥmān b. Abū Layla überliefert: ʿAlī b. Abū Ṭālib brachte mir starken Nabīḏ. Als er sah, dass das Getränk einen Einfluss auf mich ausübte, bat er Kanbar mich nach Hause zu geleiten. ʿAbd al-Rahma b. Abū Layla erzählt von ʿAlī: „Eine Gruppe wird zusammenkommen und ein Getränk trinken, welches Ḥalāl ist, bis zu dem Punkt, wo dieses Getränk für sie Ḥarām wird.“ ʿUmar selbst trank den Wein, der aus dem letzten Drittel des verdampften Traubensaftes hergestellt wurde und ordnete die Herstellung dieses Weines für die Menschen an.

Der Überlieferung des Dāwūd b. Abū Hind nach heißt es: Ich fragte Saʿīd b. al-Musayyib über das berauschende Getränk, den ʿUmar für die Menschen herstellen ließ und wie der aus dem Traubensaft hergestellt wurde. Er sagte: Der Traubensaft wurde auf das letzte Drittel runtergekocht. Mit diesem Verfahren erzeugten sie erlaubten Wein. Hier geht es darum, dass ʿUmar dies als Wein unter den Menschen verteilte. Einer Überlieferung des geehrten ʿUmar nach heißt es nämlich: „Wir schlachten Kamele für die Gläubigen. Der Nacken dieses Kamels ist für die Verwandten ʿUmars. Danach soll dieses berauschende Getränk (nabīḏ) getrunken werden, welcher für die Verdauung zuträglich ist..“

Aufgrund der großen Menge an Überlieferungen welche alle berauschenden Getränke, die nicht Ḫamr sind, erlauben, erklärte der Imam Abu Hanifa es als ein Merkmal der sunnitischen Gemeinde, dass sie an die Erlaubnis dieser berauschenden Getränke glauben.

Einige der Salaf sagten: „Es ist mir lieber aus den Höhen des Himmels zu fallen und zu zerbersten, als einmal zu sagen, dass das berauschende Getränk (nabīḏ) verboten ist.“ Der Grund für diese Aussage ist, dass das Verbot bedeuten würde, bekannte und berühmte Überlieferungen abzulehnen und die Großen  Gefährten des Gesandten mit üblem Frevel zu verunglimpfen. Dies verbietet sich! Wenn dies aber als erlaubt angesehen wird und eine Person vorsichtig trinkt oder diesem allgemein aufgrund seiner Natur abgeneigt ist, so kann er dies ja sein. Manchmal wirken erlaubte Dinge für einige nicht anziehend. Die Gefährten des Propheten wurden von all diesen Dingen zu Anfang abgehalten. Später aber wurden diese Dinge wieder erlaubt. Ibn Masʿūd überliefert: „Ich habe wie ihr auch erlebt, wie es verboten wurde. Dann habe ich erlebt, wie es wieder erlaubt wurde. Ich habe mir diese Erlaubnis gemerkt, doch ihr habt die Erlaubnis vergessen.“ Wir verstehen also, dass alle Berichte über ein Verbot mit einer späteren Erlaubnis aufgehoben wurden. Von Ibrāhīm wird überliefert: „Rosinen und getrocknete Datteln wurden damals aufgrund der verbreiteten Täuschung als makrūh erklärt, genau so wie Fleisch, getrocknete Datteln und das Mischen zweier Datteln als makrūh angesehen wurde. Heute gibt es aber kein solches Verbot.“ Diese Überlieferung erklärt, dass das Trinken einer Mischung kein Problem darstellt. Wieder wird von Ibrāhīm überliefert: „Es ist falsch, dass die Menschen behaupten, die kleine Menge dessen, was in größeren Mengen berauscht, sei verboten.“ Hiermit sagt Ibrāhīm uns, dass nur die Trunkenheit selbst verboten ist und die Menschen sich diesbezüglich irrten.

[…]

Berauschende Getränke aus Honig, Mais, Weizen, Gerste, Rosinen, getrockneten Datteln und ähnlichem sind, ob sie nun gären oder nicht, miteinander vermischt werden oder nicht, vollkommen erlaubt zu trinken. An einer anderen Stelle haben wir über Rosinen und getrocknete Datteln ausführlich gesprochen und diesbezüglich alles dargelegt. Die anderen berauschenden Getränke, die hier erwähnt wurden, dürfen [aus] ungekocht[en] oder gekocht[en Säften/Basen] getrunken werden und darin gibt es kein Übel.

In Nawādir wird von Hišām von Muḥammad überliefert, dass diese nach der Gärung im Rohzustand nicht getrunken werden dürfen. Denn der Gesandte sagte: „Wein (ḫamr) wird aus fünferlei gemacht: Datteln, Trauben, Weizen, Gerste und Mais.“ Mit dem Hadith ist aber nicht gemeint, dass diese wirklich ḫamr seien, sondern sie seien hinsichtlich des Trinkverbotes gleichzustellen mit Ḫamr. Denn unsere Belege etablierten schon: es ist nicht erlaubt Rosinen und getrocknete Datteln, die in Wasser eingelegt waren und gegoren sind, zu trinken. Dies gilt auch für die anderen Getränke. Denn sie alle seien gegoren. [Dies ist die Begründung in Nawādir].

Der Beleg für die Position in Ẓāhir [al-riwāya des Imām Muḥammad] lautet [jedoch]: Honig, Mais, Gerste und ähnliches sind erlaubte Speisen, ob diese sich nun verändern oder nicht. Dies gilt auch für die Getränke, die aus ihnen hergestellt werden. Diese Getränke sind auch Lebensmittel und Veränderungen in den Lebensmitteln selbst ist kein Grund dafür, dass sie als verboten angesehen werden. Daher ist auch die Gärung kein Grund dafür, dass diese als Ḥarām angesehen werden. Dies ist wie bei Marihuana und ähnlichen Medikamenten oder wie bei der Milch. Auch diese könnten zu einer Trunkenheit führen. Daher divergiert dieser Hadith von der Norm (šāḏ). In Themen, welche die Mehrheit der Menschen betreffen, werden Hadithe nicht berücksichtigt, welche gegen die Norm gehen. Dieser Hadith wird [wenn angenommen] als einer derer gewertet, die über ein vorheriges Verbot zur Abgewöhnung gesprochen haben.

Wer berauschende Getränke aus Honig, Weizen, Gerste oder Mais trinkt, wird nicht bestraft. Auch derjenige, der Alkohol aus Zuckerrohr, Quitte und dergleichen trinkt, ob diese nun betrunken machen oder nicht, wird nicht bestraft. Diese gelten nicht als Traubenwein. Hätten wir eine Strafe für sie verhängt, so hätten wir dies nur durch einen Analogieschluss getan. Hinzukommt, dass die Strafen ja dazu da sind, um in den Menschen von den Dingen abzuhalten. Der Mensch hat aber in seiner Natur nicht die Neigung etwas anderes als Alkohole aus Weintrauben, Rosinen und getrockneten Datteln zu trinken. Daher muss hier keine Prävention stattfinden.

[…]

Die Trunkenheit, welche gemäß Abū Ḥanīfa bestraft werden muss, ist jene Trunkenheit, in welcher die Person nicht mehr zwischen Himmel und Erde, Mann und Frau und sich selbst von einem Esel nicht unterscheiden kann. Abū Yūsuf und Muḥammad sagten: Wenn er beim Reden die Worte durcheinanderbringt, beim Sprechen und Antworten keine Beständigkeit aufweist, gilt er als betrunken. Sie orientierten sich bei der Definition der Trunkenheit an dem Brauch ihres Ortes. Wer nämlich nicht mehr normal reden kann, wird unter den Menschen als betrunken angesehen. So sagte ja auch Gott: „O ihr, die ihr glaubt! Nähert euch nicht angetrunken dem Gebet, bis ihr wißt, was ihr sagt…“ (4/43)

Abū Ḥanīfa achtete bei seiner Definition aber auf das Höchstmaß der Trunkenheit. Denn bei allen Strafen wird auf die letzte Stufe der Verübung einer Straftat geschaut. Die höchste Stufe der Trunkenheit ist aber die absolute Verwirrung und dass das Glück den Verstand vollkommen einnimmt. Kann er noch einige Dinge unterscheiden, wissen wir, dass er neben der Freude in seinem Kopf auch noch Verstand besitzt und somit unterscheiden kann. Dies ist nicht das vollendete Maß und somit kann er nicht bestraft werden. Bei einem solchen Mangel kann kein Strafmaß vollzogen werden. Deswegen ist es so, dass Abū Ḥanīfa hinsichtlich dessen, was an Berauschendem zu Trinken verboten ist, sich mit Abū Yūsuf und Imām Muḥammad deckt. Denn hier wird darauf geachtet, dass der Redefluss besteht. Auf das Höchstmaß wird nur geachtet, wenn es um das Strafmaß geht. […] Ein Großteil der Gelehrten stimmte der Position von Abū Yūsuf und Muḥammad zu. Von den Gelehrten aus dem Balkh wird überliefert, dass sie sich darin einig waren, dass der Betrunkene eine Sure aus dem Koran rezitieren müsse. Könne er eine Sure rezitieren, sei er nicht betrunken. Es heißt sogar in einer Überlieferung, dass dem Gouverneur von Balkh von einem Polizisten ein Trunkener vorgeführt wurde. Der Gouverneur verlangte von ihm, dass er die Sūra Kafirun rezitiere. Der Betrunkene wand sich an den Gouverneur und sagte: „Rezitier Du doch erst Mal die Fātiḥa!“ Da rezitierte der Gouverneur: „Alḥamdulillāhi rabbi-l-alamin“, worauf ihn der Betrunkene sofort unterbrach und sagte: „Halt! Du hast gleich zwei Fehler gemacht: Erstens suchtest Du nicht die Zuflucht bei Gott vor dem Satan (istiʿāḏa) und nach einigen Imamen der Koranrezitation hast Du den ersten Vers der al-Fātiḥa vergessen, nämlich die Basmala.“ Da schämte sich der Gouverneur und wurde gegenüber dem Polizisten handgreiflich und schimpfte: „Ich befahl dir, mir einen Betrunkenen zu bringen und Du gehst und holst einen der Imame der Koranrezitation?!“«

Ende des Auszuges aus al-Mabṣūṭ.

Auszug aus dem Kitāb al-aṯār des Imām Muḥammad al-Šaybānī

Nun einige Zitate aus dem Kitāb al-aṯār des Imam Muḥammad al-Šaybānī, welches als die Quelle ḥanafītischen Rechts dient:

>>Muḥammad sagte: Abū Ḥanīfa berichtete von Sulaymān al-Šaybānī, dass Ibn Ziyād mit ʿAbdullāh b. ʿUmar raḍīyallāhu ʿanhuma sein Fasten brach. ʿAbdullāh b. ʿUmar gab Ibn Ziyād einiges von seinem Trank und der Trank überwältigte ihn (aḫaḏahu fīhi). Als er am Morgen aufwachte, fragte er: „Was war das für ein Trank. Ich hab kaum nach Hause gefunden.“ ʿAbdullāh sagte: „Wir haben dir nur ʿAǧwa-Datteln und Rosinen gegeben.“

Muḥammad sagt: »Daran halten wir uns und dies ist das Urteil des Abū Ḥanīfah.«

Muḥammad sagte: Abū Ḥanīfa berichtete uns von Nāfīʿ von Ibn ʿUmar, dass Nāfīʿ für Ibn ʿUmar ein alkoholhaltiges Getränk aus Rosinen für ihn zubereitete. Ibn ʿUmar fand diesen Trank nicht bekömmlich und sagte zu seiner Sklavin: „Wirf einige getrocknete Datteln dazu.“

Muḥammad sagt: »Daran halten wir uns und dies ist das Urteil des Abū Ḥanīfah.«

Muḥammad sagt: „Abū Ḥanīfa berichtete uns von Ḥammād und dieser von Ibrāhīm, dass er sagte: „Es gibt keinen Schaden im Trinken von berauschenden Getränken aus Datteln und Rosinen, wenn diese gemischt werden. Dies wurde anfänglich nicht akzeptiert, denn die Lebenssituation der ersten Zeit war sehr schwer. So wurden damals auch Fett und Fleisch nicht geduldet. Doch als Gott der Erhabene den Muslimen gnädig war, gab es keinen Schaden in diesen beiden.“

Muḥammad sagt: »Daran halten wir uns und dies ist das Urteil des Abū Ḥanīfah.«

Muḥammad sagte: „Abū Ḥanīfa berichtete uns von Ḥammād, der erzählte: „Ich enthielt mich dem berauschenden Trank (nabīḏ) und dann ging ich Ibrāhīm besuchen. Dieser war beim Essen und ich aß mit ihm. Ihm wurde ein Behälter mit Nabīḏ gebracht und als er meine Zurückhaltung diesbezüglich sah, sagte er: „ʿAlqama überlieferte mir von ʿAbdullāh b. Masʿūd, dass dieser manchmal mit ʿAbdullāh zu Mahl saß und ʿAbdullāh nach seinem Alkohol rief, den Sīrīn, ʿAbdullāhs umm walad, für ihn zubereitet hatte. Er trank davon und gab mir davon zu trinken.“

Muḥammad sagt: »Daran halten wir uns und dies ist das Urteil des Abū Ḥanīfah.«

Muḥammad sagte: „Abū Ḥanīfa berichtete uns: „Mazāḥim ibn Zufar überlieferte uns, dass al-Ḍaḥḥāk b. Mazāhim sagte: „Abū ʿUbayda ging und sagte ihm glasierte Lehmbehälter, in denen der Alkohol des ʿAbdullāh b. Masʿūd für ihn zubereitet wurde.“

Muḥammad sagt: »Daran halten wir uns und dies ist das Urteil des Abū Ḥanīfah.«

Muḥammad sagte: „Abū Ḥanīfa berichtete uns: Abū Isḥāq al-Sabīʿī überlieferte uns von ʿAmr b. Maymūn al-Awdī, dass ʿUmar b. al-Ḫaṭṭāb sagte: „Die Muslime haben Kamele, welche sie als Speise schlachten und die alten Kamele unter ihnen gehören der Familie des ʿUmar und nichts hilft bei der Verdauung dieser Kamele im Bauch so sehr, wie starker Alkohol.“

Muḥammad sagt: »Daran halten wir uns und dies ist das Urteil des Abū Ḥanīfah.«

Muḥammad sagt: „Abū Ḥanīfa berichtete uns von Ḥammād, dieser von Ibrāhīm, dass zu ʿUmar ein betrunkener Beduine gebracht wurde. Er versuchte eine Entschuldigung für ihn zu finden, doch er konnte keine finden. Er sagte: „Sperrt ihn ein und wenn er nüchtern ist, peitscht ihn aus.“ Er fragte nach dem kleinen Wasserschlauch und probierte davon. Da merkte er, dass es unmöglich starker Alkohol war. Da rief er nach Wasser und verdünnte ihn (und ʿUmar war jemand, der starken Alkohol mochte). Dann trank er davon und gab den Leuten um sich davon zu trinken. Er erklärte: „Verdünnt es mit Wasser, wenn sein Satan euch überkommt.“

Muḥammad sagt: »Daran halten wir uns und dies ist das Urteil des Abū Ḥanīfah.«

Muḥammad sagt: „Abū Ḥanīfa berichtete uns von Ḥammād, dass Ibrāhīm sagte: „Wenn gepresster Fruchtsaft [der Trauben] gekocht wird und zwei Drittel verkochen und nur noch ein Drittel verbleibt und danach fermentiert, gibt es darin keinen Schaden.“

Muḥammad sagt: »Daran halten wir uns und dies ist das Urteil des Abū Ḥanīfah.«

Muḥammad sagte: „Abū Ḥanīfa berichtete uns von Ḥammād, dass Ibrāhīm den Wein aus gekochtem Traubensaft von gepressten Reben trank, wenn zwei Drittel davon verkocht wurden und der letzte Drittel fermentierte. Daraus wurde für ihn Alkohol hergestellt. Diesen ließ er stehen, bis er stark wurde. Danach trank er davon und er sah darin kein Übel.“

Muḥammad sagt: »Daran halten wir uns und dies ist das Urteil des Abū Ḥanīfah.«

Muḥammad sagte: „Abū Ḥanīfa berichtete uns von al-Walīd b. Sarīʿ (dem freigelassenen Sklaven des ʿAmr b. Ḥāriṯ), dieser von Anas b. Mālik, dass jener Wein trank, der aus dem Traubensaft frisch gepresster Trauben hergestellt wurde, nachdem nur die Hälfte des Saftes verkocht wurde.“

Muḥammad sagt: „Wir halten nicht daran fest. Jemand darf nur den Wein trinken, der aus dem letzten Drittel des verkochten Traubensaftes hergestellt wurde. Dies ist die Meinung des Abū Ḥanīfa.“<<

Was ist mit anderen Sachen?

Nach all diesen Ausführungen mag sich der Leser fragen, wie es denn nun mit Drogen wie Marihuana steht. Abgesehen von der Tatsache, dass Marihuana in allen muslimischen Bevölkerungen neben Opium konsumiert wurde als die Droge des armen Volkes, welche sich keinen teuren Wein oder andere Alkohole leisten konnten, gibt es auch hierzu eine Position unter den Ḥanafīten. Gemäß meines Kenntnisstandes über die Forschung zu Marihuana, ist dies eine viel schwächere und vollkommen anders wirkende Droge als Alkohol. [Ich wurde darüber informiert, dass es auch Gegenstimmen gibt]. Es heißt in klassischen Werken, dass Marihuana kein Rauschmittel, sondern ein Betäubungsmittel sei. Ein Filmriss oder ein kompletter Verlust wie es Abū Ḥanīfa beschreibt, in der die Person zwischen sich und einem Esel nicht mehr unterscheiden kann, ist mit gewöhnlichem Marihuana meines Wissens nach nicht erreichbar. Es tritt nur eine leichte Verwirrung, eine Aufheiterung, oder wie es Abū Ḥanīfa wahrscheinlich beschreiben würde: „eine Freude, die den Kopf nur verwirrt“ auf. Ibn ʿĀbidīn und einige andere Ḥanafīten haben die allgemeine Erlaubnis, die sich in den Büchern wie al-Hidāya des al-Marġinānī und anderen befindet, als reine medizinische Verwendung interpretieren wollen. Dabei, wenn die Alkoholposition wirklich verstanden und angenommen wurde, ist es nur die natürliche Schlussfolgerung, dass Marihuana nicht verboten sein kann. Denn Marihuana löscht den Verstand nicht aus. Das ist auch, was Ibn ʿĀbidīn von al-Quhistānī überliefert:

»Al-Quhistānī sagt: „[al-Banǧ] ist eine von zwei Formen der Hanfpflanze. Sie ist Ḥarām, denn sie löscht den Verstand aus. Dies ist die Position für Fatwa. Doch es gibt eine weitere Art, die wie der Opium erlaubt [mubāḥ] ist. Sie verwirrt den Verstand, doch der Verstand wird nicht vollkommen ausgelöscht. So sind die Worte in al-Hidāya und anderen Büchern zu verstehen, die sagen: „al-Banǧ ist erlaubt.“ So steht es auch in Šarḥ al-lubāb.“«

Ibn ʿĀbidīn akzeptiert Al-Quhistānīs Position nicht und sagt, sie sei nicht korrekt. Aber seine Darlegung und Erklärung muss uns nicht binden. Seine und die Position Al-Quhistānīs stehen ‚auf Augenhöhe‘. Al-Quhistānī interpretiert die allgemeine Erlaubnis, die in al-Hidāya steht und erklärt sie im kohärenten Sinne der ḥanafītischen „Auslöschung des Verstandes“ und einer „Verwirrung“. Letzteres ist bis zu einem Grad in Ordnung. Eine medizinische Einschränkung, wie sie Ibn ʿAbidīn anführt, ist bei Al-Quhistānī in diesem Zitat nicht zu finden. Danach darf ein jeder nach eigenem Ermessen handeln.

Schlusswort

Mit diesem Artikel möchte ich nicht zum Konsum von Drogen- oder Alkohol auffordern. Die Gesetze des Deutschen Staates sind zu respektieren und zu achten. Mir liegt es auch fern dazu aufzurufen, ein Nervengift wie Alkohol verantwortungslos zu konsumieren oder überhaupt zu konsumieren. Die Meinung der Späteren in Bezug auf die Position der Fatwāʾ kann ich bis zu einem Grad nachvollziehen. Ich bin aber von der Eigenverantwortlichkeit, der Mündigkeit und der Entscheidungsfreiheit jedes einzelnen Menschen zutiefst überzeugt, sofern er die geistige Befähigung in sich trägt. Müssen denn tatsächlich jegliche Handlungen in einer totalitären Weise, in einer hermetisch abgeschlossenen, begrenzten Welt, göttlich normiert vorherrschen? Dafür, dass alles von Gott normiert wurde, lassen sich keine Beweise finden. Nicht alle Handlungen müssen ein religiöses Label tragen. Gesundheitliche Faktoren, soziale Faktoren und dergleichen müssen nicht in religiösem Sprachgebrauch formuliert und behandelt werden. Der mündige, souveräne Mensch ist dazu befähigt, nach eigenem Ermessen freiheitlich zu handeln. Freiheit soll hier aber nicht Zügellosigkeit bedeuten. Trunkenheit wurde dargelegt und als die eine verbotene Grenze bestimmt.

Es geht mir nicht um die Sprengung von Grenzen, sondern darum, den religiösen Rahmen, in dem wir uns befinden, zu enthüllen. Es soll gezeigt werden, dass dieser Rahmen weiter und größer ist, als die allermeisten vermuten würden.

Mein Anliegen ist es halbgares, identitäres Geschwafel und dieses ideologische „Alles-oder-Nichts-Denken“ zu entthronen. Genug haben wir uns die Dichotomien von Gut und Böse angetan. Die Dīn wurde heute in Beschlag genommen von sog. „Wächtern der Scharia“, missbraucht und in eisige Ketten gelegt. Die Zeit für ein gemäßeres Gefühl ist überfällig. Nun kommt es darauf an, das selbstbestimmte Denken im Rahmen dieser Grenzen zu lernen und selbstverantwortlich Maß zu finden. Der Affekt dieses Artikels schreitet erheblich aus sich heraus, macht die Menschen weit, statt sie durch „sanfte Gewalt“ oder ideologische Zensur weiter zu verengen. Sie zeigt den Menschen alles, wie es ist und verbirgt nicht in dem Glauben, dass der ‚Laie‘ mit diesen Informationen nichts anzufangen habe. Lasst den ‚Laien‘ selbst entscheiden, wem sie folgen wollen und wo ihre eigenen Grenzen sind.

Will jemand aber behaupten, die Taqwāʾ gebiete eine Fernhaltung von dieser Position, so frage ich: Behauptet dieser jemand etwa mehr Gottesfurcht als ʿUmar, ʿAli, ʿAbdullāh b. Masʿūd, als ʿAlqama, als Ḥammād und Abū Ḥanīfa? Mit einer solchen Fehlkonzeption von Taqwāʾ kann man uns schön in Ruhe lassen. Wenn sie sagen, ich verderbe die Welt, dann kann ich nur sagen: die Welt ist schon ‚verdorben‘, denn faktisch wird überall getrunken. Ich gehe nur anders um mit der ‚Verderbnis‘.

Zum Schluss rufe auch ich wie Pink Floyd in „Another Brick In The Wall“: „We don’t need no thought control.“

Aktualisiert am: 15.3.21

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[1] Divergierende Meinungen wie die der Muʿtazila werden bei al-Saraḫsī bei der Behauptung des Konsens (iǧmāʿ) anscheinend nicht berücksichtigt.

[2] Es ist niemand bekannt, der die Muʿtazila für diese divergierende Meinung als Kāfir bezeichnete. Es gab einige Ṣaḥāba, die nach dem Ableben des Gesandten Traubenwein (ḫamr) tranken. Ibn Qutaybah führt als Beispiel hierfür in Kitāb al-ašriba al-Walīd Ibn Uqba, Qudāma Ibn Maẓʿūn, Muḥammad Ibn Abī Bakr und die drei Söhne von ʿUmar Ibn al-Ḫaṭṭāb ʿĀṣim, ʿAbdullāh und ʿAbd ar-Raḥmān als Beispiel an. Einige wurden hierfür bestraft.

[3] Es gibt starke Indizien dafür, dass dies Ḥanafīten waren, da die allermeisten der Muʿtazila nach 790 mit großer Mehrheit Ḥanafīten sind. Ibn Rušd identifiziert diese Position auch als die Position der muʿtazilitischen Ḥanafīten in seinem Bidayat al-muǧtahid im Kapitel über Wein. Ibn Qutayba erwähnt diese Gruppe als „die Leute des Kalām“ in seinem Kitāb al-ašriba und in seiner Zeit waren die Leute des Kalām mehrheitlich Ḥanafīten. Es gibt auch einen Indiz dafür darin, dass anscheinend Ḥanafiten unter den Seldschuken diese Erlaubnis tradierten. Shahab Ahmed berichtet von einem hanafitischen Gelehrten, der diese Meinung tradierte und verteidigte, in seinem “What is Islam”: “For a (spirited) argument that the founder of the Ḥanafī school, the Imām Abū Ḥanīfah, permitted the consumption of grape wine in a non-intoxicating measure (and that this view was held by some of the Companions of the Prophet) see the famous dynastic history by the Saljuq vizier, Muḥammad b. ʿAlī b. Sulaymān Rāvandī (fl. 1202), Rāḥat-us-Ṣudūr va āyat-us-surūr dar tārīkh-i āl-i Saljūq (edited by Muḥammad Iqbāl), London: E.J.W. Gibb Memorial Trust, 1921, 417–418.” Shahab ist sich des Unterschieds zwischen Wein aus Trauben und anderen alkoholischen Getränken bei der hanafitischen Schule bewusst. Siehe ebd., FN 157. Somit handelt es sich hier nicht um eine Verwechslung zwischen den Sorten, wie ich es anfänglich befürchtete.